Gegen das Vergessen

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Gegen das Vergessen

GedenkbroschĂŒre fĂŒr die Opfer und Verfolgten des bayerischen Landesverbandes fĂŒr Wander- und Heimatdienst 1936–1945

Herausgegeben von Annette Eberle, Babette MĂŒller-GrĂ€per, Fabian Leonhard, Magdalena Nunhöfer und Corina Flaig

Edition und Publikation: Digitale Lernwelten GmbH

Vorwort und Grußworte

Vorwort Diakonie MĂŒnchen und Oberbayern: Vergangene Unrechtstaten - GegenwĂ€rtige Verantwortung

von Andrea Betz, Johann Rock und Ulrike StĂŒhmeyer-Pulfrich

Sehr geehrte Leserinnen und Leser,

mit dieser BroschĂŒre legen wir einen weiteren Baustein zur Aufarbeitung der Geschichte des Zentralwanderhofs HerzogsĂ€gmĂŒhle wĂ€hrend der Zeit des Nationalsozialismus. Wir erinnern an die Menschen, die in dieser Zeit Leid erfahren haben – durch Ausgrenzung, Zwangsarbeit und systematische Entrechtung.

Zwischen 1936 und 1945 war der damalige Zentralwanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle Teil eines unmenschlichen Systems. Im Rahmen der NS-Gesundheitspolitik wurden unzĂ€hlige Menschen zur Zwangsarbeit verpflichtet, ihrer Freiheit beraubt und in vielen FĂ€llen ihrem Schicksal ĂŒberlassen – allein deshalb, weil sie nicht den Vorstellungen von „LeistungsfĂ€higkeit“ entsprachen und als „minderwertig” galten. Was sie gemeinsam hatten, war ihre gesellschaftliche Ausgrenzung. Was ihnen genommen wurde, war ihre WĂŒrde – oft auch ihr Leben.

Als heutige Einrichtung der Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle sehen wir es als unsere Pflicht, diese Geschichte offen aufzuarbeiten und sichtbar zu machen. Die Erinnerung an die Opfer ist fĂŒr uns kein RĂŒckblick aus Distanz, sondern ein aktiver Teil unserer Haltung. Sie erinnert uns daran, wie schnell Menschlichkeit durch Ideologie, GleichgĂŒltigkeit oder Machtmissbrauch verdrĂ€ngt werden kann.

Mit dem Lernort HerzogsĂ€gmĂŒhle und dem „Ort der Erinnerung“ schaffen wir seit vielen Jahren RĂ€ume, in denen Gedenken, Bildung und Begegnung möglich sind – fĂŒr Bewohnerinnen und Bewohner, Mitarbeitende, GĂ€ste und Gruppen aus der Region und darĂŒber hinaus. Diese GedenkbroschĂŒre ist Teil dieser Erinnerungsarbeit. Sie erzĂ€hlt von den Menschen, die damals Opfer des Landesverbandes fĂŒr Wander- und Heimatdienst wurden – und von unserem heutigen Umgang mit ihrer Geschichte.

Gerade in einer Zeit, in der menschenverachtende Haltungen in unserer Gesellschaft wieder lauter werden, ist es notwendiger denn je, uns zu positionieren: Gegen Ausgrenzung. Gegen Abwertung. Gegen das Vergessen.

Die Diakonie steht fĂŒr Achtsamkeit, Respekt und die unbedingte Anerkennung der WĂŒrde jedes einzelnen Menschen – unabhĂ€ngig von Herkunft, FĂ€higkeiten oder Lebensweg. Diese Haltung prĂ€gt unser tĂ€gliches Handeln – und sie leitet uns auch im Gedenken an die Opfer der NS-Zeit.

Ich danke allen, die an dieser BroschĂŒre mitgewirkt haben – fĂŒr ihre Sorgfalt, ihr Engagement und ihre Haltung. Möge diese Publikation dazu beitragen, dass das Leid der Opfer nicht vergessen wird – und uns allen eine Mahnung und Verpflichtung fĂŒr die Zukunft sein.

Mit stillem Gruß,

Andrea Betz, Johann Rock, Ulrike StĂŒhmeyer-Pulfrich

Vorstand der Diakonie MĂŒnchen und Oberbayern

Grußwort der Stiftung Erinnerung – Verantwortung – Zukunft (EVZ)

von Jens Schley

Mit dieser GedenkbroschĂŒre wird ein wichtiger Beitrag geleistet, um jene sichtbar zu machen, die lange im Schatten der deutschen Erinnerungskultur standen: Menschen, die im Nationalsozialismus unter den Stigmatisierungen „asozial“ litten und als „Berufsverbrecher“ bezeichnet wurden. Ihnen blieb bis in die Gegenwart hin die Anerkennung und WĂŒrde verwehrt, die ihnen als Verfolgte des Nationalsozialismus zusteht.

Das Projekt „Verachtet – verfolgt – vergessen: Die Opfer der NS-Gesundheitspolitik – Lernen fĂŒr heute und morgen!“ der Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle nimmt die Geschichten dieser Frauen, MĂ€nner, Kinder und Jugendlichen ernst. Es zeigt sie nicht als abstrakte Opferkategorien, sondern als Menschen mit Biografien, Hoffnungen, FĂ€higkeiten, Beziehungen und BrĂŒchen. Diese Perspektive ist zentral. Denn die NS-Sozial- und Gesundheitspolitik zielte nicht nur auf die Vernichtung von Leben, sondern auch auf die Zerstörung von Lebensgeschichten und gesellschaftlicher Teilhabe. Das Schweigen, das ĂŒber viele Jahrzehnte folgte, war Teil dieser EntwĂŒrdigung.

Wir danken den Angehörigen, die bereit waren, im Rahmen des Projektes persönliche Erinnerungen und Familiengeschichten zu teilen. Sie tragen dazu bei, die Stimmen der Verfolgten nachhaltig hörbar zu machen. Sie eröffnen Wege, Empathie und Verantwortung neu zu denken. Ebenso danken wir den Mitarbeitenden, Lernenden und Kooperationspartner:innen, die in WerkstÀtten, Lernformaten und Gedenkveranstaltungen diesen Erinnerungsraum gemeinsam gestaltet haben.

Die Verbindung von historischer Forschung, pĂ€dagogischer Praxis und der Reflexion berufsethischen Handelns ist ein besonderer Wert dieses Projektes. Sie erinnert daran, dass Ausgrenzung, Entwertung und Zuschreibungen auch in heutigen sozialen und gesundheitlichen Kontexten wirksam sein können. Gedenken ist deshalb nicht nur rĂŒckwĂ€rtsgewandt – es ist Gegenwartsaufgabe. Es fordert uns heraus, Haltung zu entwickeln, Sprache und Strukturen zu ĂŒberprĂŒfen und SchutzrĂ€ume fĂŒr WĂŒrde und Teilhabe zu stĂ€rken.

Die Stiftung Erinnerung, Verantwortung und Zukunft fördert im Rahmen des Programms Bildungsagenda NS-Unrecht Projekte, die neue und wirksame Formen der Wissensvermittlung zu NS-Unrecht entwickeln. Sie unterstĂŒtzen so eine zeitgemĂ€ĂŸe Erinnerungsarbeit und setzen mit ihrer Arbeit Impulse fĂŒr eine zukunftsorientierte Erinnerungskultur, die Verantwortung ĂŒbernimmt und demokratische Werte stĂ€rkt. Die hier vorgelegte BroschĂŒre ist Ausdruck dieses Anliegens. Sie lĂ€dt dazu ein, weiter zu lernen, weiter zu erinnern – und gemeinsam fĂŒr eine offene, solidarische und menschenwĂŒrdige Gesellschaft einzutreten.

Wir wĂŒnschen der BroschĂŒre viele aufmerksame Leser:innen und dem Projektteam des Lernortes HerzogsĂ€gmĂŒhle weiterhin Kraft und Wirkung in seiner wichtigen Arbeit.

Jens Schley

Wissenschaftlicher GeschĂ€ftsfĂŒhrer des Förderprogramms Bildungsagenda NS-Unrecht

Stiftung Erinnerung Verantwortung Zukunft

Einleitung und historische Grundlagen

von Annette Eberle

EinfĂŒhrung

Das Gedenkbuch ist all den Menschen gewidmet, die in der Zeit von 1936 bis 1945 in den Einrichtungen des bayerischen Landesverbandes fĂŒr Wander- und Heimatdienst (LVW.) gegen ihren Willen eingewiesen waren und dort Maßnahmen der ZwangsfĂŒrsorge erleiden mussten. Dies waren vor allem die Wanderhöfe Simonshof und HerzogsĂ€gmĂŒhle (fĂŒr MĂ€nner) und Bischofsried (fĂŒr Frauen). Ab 1939 zĂ€hlte noch die FĂŒrsorgeerziehungsanstalt Indersdorf (bei Dachau) dazu.

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Archiv Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Appellplatz in Herzogsägmühle zur Zeit des Nationalsozialismus

Der LVW. war als Körperschaft des öffentlichen Rechts der Gesundheitsabteilung des Bayerischen Innenministeriums unterstellt und betrieb unter der Ägide von Alarich Seidler, dem geschĂ€ftsfĂŒhrenden 1. Vorsitzenden und NSDAP-Mitglied der ersten Stunde, ein Netz an Zwangsanstalten der FĂŒrsorge, die sich im Rahmen der von der nationalsozialistischen Erbgesundheits- und FĂŒrsorgepolitik motivierten BekĂ€mpfung von armen und kranken Menschen, vermehrt gegen erwachsene und jugendliche HilfsbedĂŒrftige richtete. Der LVW. wurde mit der neuen Wanderordnung, die ab 1.4.1936 in Kraft trat, eingefĂŒhrt. Fortan galt ein ‚Wanderverbot‘, die FreizĂŒgigkeit war vollends eingeschrĂ€nkt. Wandern durfte nur, wer dafĂŒr von der Polizei als ‚wanderfĂ€hig‘ anerkannt wurde und ein Wanderbuch ausgestellt bekam, das die Wanderrouten vorschrieb. Wer nicht als ‚wanderfĂ€hig‘ galt oder nicht sofort in Arbeit vermittelt werden konnte, sollte nach HerzogsĂ€gmĂŒhle zur Arbeits- und Umschulung ĂŒberwiesen werden. Die EinfĂŒhrung der Wanderordnung wurde von einer bayerischen Bettlerrazzia im Juni 1936 begleitet. Jeder, der aufgegriffen und in die Einrichtungen des LVW. ĂŒberstellt werden sollte, kam erst in das Konzentrationslager Dachau zur so genannten ‚erkennungsdienstlichen Behandlung‘. Viele der Ă€lteren Insassen in HerzogsĂ€gmĂŒhle hatten sich dieser Prozedur unterziehen mĂŒssen.

Das neue Ziel der FĂŒrsorge des LVW. war die Selektion der HilfsbedĂŒrftigen unter dem Primat einer sozialrassistischen Auslese: „Die Grundlage der TĂ€tigkeit des Wanderdienstes ist eine gewissenhafte persönliche Auslese und Trennung der gemeinschaftsfĂ€higen von den gemeinschaftsunfĂ€higen Menschen.“1 Das Angewiesensein auf soziale UnterstĂŒtzung galt als Anzeichen von angeblich erblich bedingtem pathologischen Sozialverhalten. Behandlung und Versorgung richteten sich nach der Arbeitsleistung. FĂŒr die Insassen bedeutete diese repressive Ausrichtung unter rassenhygienischen Vorzeichen, dass sich die Sterblichkeitsrate verdoppelte, vor allem aufgrund einer gezielten Unterversorgung von alten und nicht mehr arbeitsfĂ€higen MĂ€nnern, aber auch als Folge der Überstellung ins Konzentrationslager oder in die Psychiatrie.2 Die gesamte Anzahl aller im LVW. Komplex zwangseingewiesenen Erwachsenen und Jugendlichen kann auf mindestens 12.000, von HerzogsĂ€gmĂŒhle auf ca. 4800 bis 5000 geschĂ€tzt werden.3 Ihre Geschichte war die der fĂ€lschlicherweise als ‚vergessenen Opfer‘ der nationalsozialistischen FĂŒrsorge Bezeichneten, die erst ab Ende der 1980er Jahre fĂŒr Öffentlichkeit und Wissenschaft interessant wurde, was zu neuen wichtigen Erkenntnissen ĂŒber das NS-Regime beitrug. Die wissenschaftliche und erinnerungskulturelle Aufarbeitung belegte, dass die betroffenen Menschen seitens der verantwortlichen Einrichtungen nicht vergessen, aber, dass das Unrecht an Ihnen verleugnet wurde. Diese Situation der Menschen, die in die Einrichtungen des LVW. in der NS-Zeit zwangsweise ĂŒberstellt worden waren, meist im polizeilichen Auftrag, oft nach bereits erlittener Haft ohne richterlichen Beschluss und ohne Einfluss auf die Festlegung ‚auf unbestimmte Zeit‘ wurde in der Aufgabenbeschreibung des Wanderhofs als fĂŒrsorgliche ‚Bewahrung‘ bezeichnet. Nach einem Schaubild zu den „Sammlungs- und Sichtungsaufgaben des LVW“ hieß es, die „Bewahrungsstation“ sei gedacht fĂŒr "ArbeitsbeschrĂ€nkte", "Arbeitsscheue" und "GemeinschaftsschĂ€dliche" als eine mögliche Maßnahme der Funktion des Wanderhofes.4 Der Ausbau der FĂŒrsorge des LVW als Selektionsintrument zur „Trennung der gemeinschaftsfĂ€higen von den gemeinschaftsunfĂ€higen Menschen“ durch „Auslese von Schwachsinnigen oder sonstwie ErbgeschĂ€digten“5 verfolgte vor allem die politischen Ambitionen von SA SturmbannfĂŒhrer Alarich Seidler, der sich als Gesundheitspolitiker ins Spiel brachte.6 Mit dem Modell der Wanderhöfe warb er fĂŒr eine reichsweite Lösung fĂŒr die FĂŒrsorge, angesichts konkurrierender ZustĂ€ndigkeiten und Maßnahmen zwischen (Gesundheits)FĂŒrsorge, (Sicherheits)Polizei und Justiz in der Verfolgung der Bevölkerungsgruppe mit den völkisch-rassenhygienischen Zuschreibungen „asozial“, „sozial gefĂ€hrlich“; „gemeinschaftschĂ€dlich“; „gemein(schafts)gefĂ€hrlich“, „Gewohnheitsverbrecher“.7 Mit diesem Konzept des LVW von Bewahrung und Selektion als Modell fĂŒr die Einrichtungen des LVW fĂŒhrte Seidler auf der politisch einflussreichsten Ebene - nĂ€mlich der planenden - aus, auf der Konzepte und Modelle von Verfolgungsmaßnahmen im Namen der Erb-Gesundheitspolitik institutionalisiert und organisiert wurden. Er initiierte das Modell und etablierte es mittels seines politischen Wirkens, in der Gesundheitsabteilung des Bayerischen Innenministeriums. Seidler verfolgte die „Trennung der gemeinschaftsfĂ€higen von den gemeinschaftsunfĂ€higen Menschen“ durch „Auslese von Schwachsinnigen oder sonstwie ErbgeschĂ€digten“. Hier suchte und fand er in Professor Ernst RĂŒdin und der Deutschen Forschungsanstalt UnterstĂŒtzung und Legitimation durch die psychiatrische Wissenschaft.8 Damit brachte er sich als Gesundheitspolitiker ins Spiel und gab mit seiner Forderung fĂŒr eine reichseinheitliche gesetzliche Lösung des Wanderhof-Modells des LVW. den Anstoß fĂŒr den Entwurf eines Gesetzes fĂŒr die Behandlung Gemeinschaftsfremder, der zwischen Reichsinnenministerium und Reichsjustizministerium verhandelt wurde. In diesem Gesetz war auch die Bewahrung in FĂŒrsorgeanstalten als eine zu regelnde Maßnahme vorgesehen. Der Schwerpunkt lag auf dem drakonischen Strafenkatalog von GefĂ€ngnis- und Konzentrationslagerhaft, Sterilisation und VerhĂ€ngung der Todesstrafe. Das Gesetz sollte ab dem 1.1.1945 gelten, wurde aber nicht realisiert.9

Seidler wurde unterstĂŒtzt von seinem Vorgesetzten, Dr. Walther Schultze, dem Leiter der Gesundheitsabteilung, die im Juni 1933 zur StĂ€rkung der Wende der NS-Sozialpolitik im Bayerischen Innenministerium geschaffen wurde, um „vor allen Dingen in rassenhygienischer Hinsicht die fĂŒr das Volkswohl unerlĂ€sslichen Anordnungen und Entscheidungen zu treffen und somit in zielbewußter und planmĂ€ĂŸiger Arbeit die gesundheitlichen und vor allem erbgesundheitlichen SchĂ€den am deutschen Volkskörper auszumerzen“.10 Die Betriebsleiter der Einrichtungen, in denen die Menschen, die mit den Biografien gewĂŒrdigt werden, zwangseingewiesen waren, waren auf regulativer Ebene (Mit) TĂ€ter, das heißt verantwortlich fĂŒr die Menschenrechtsverletzungen. Sie bestimmten die normativen Verfahren und deren AusfĂŒhrung im Alltag. Hierzu zĂ€hlten auch die Gutachten, Diagnosen, Kranken- und Erziehungsberichte, die ĂŒber die Therapien beziehungsweise deren Verweigerung oder Erziehungs- und Strafmaßnahmen bestimmten: im Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle (Katzenberger, Lehner und Goller auch als Leiter der JugendfĂŒrsorgeabteilung), im Wanderhof Bischofsried (Ludwig HĂ€gele) und der FĂŒrsorgeerziehungsanstalt Indersdorf (Friedrich Goller). Als (Mit) TĂ€ter mĂŒssen auch die fĂŒr die medizinisch bzw. psychiatrischen Gutachten Verantwortlichen gezĂ€hlt werden: Dr. Lohse und Dr. Weiß (AmtsĂ€rzte) und Dr. Stumpfl, Dr. Deußen und Dr. Katharina Hell (wissenschaftliche Mitarbeiter der Deutschen Forschungsanstalt fĂŒr Psychiatrie).

Nachkriegszeit

Nach Kriegsende wurde das Leid, das den Jugendlichen und Erwachsenen, die in die Einrichtungen des LVW. eingewiesen worden waren, geschah, nicht als Unrecht anerkannt. Auch diejenigen galten nicht als Verfolgte das NS-Regime, die auf Betreiben der Einrichtung in ein Konzentrationslager oder in eine Heil- und Pflegeanstalt ĂŒberstellt worden waren. Das wurde sogar denjenigen aberkannt, die dort ihr Leben verloren, ob aus VernachlĂ€ssigung oder, weil sie Opfer von Mordaktionen wurden. So rechtfertigte Friedrich Goller, Leiter der JugendfĂŒrsorge in den Einrichtungen in Indersdorf und in HerzogsĂ€gmĂŒhle und wĂ€hrend der Kriegszeit fĂŒr einen Zeitraum Betriebsleiter von HerzogsĂ€gmĂŒhle, noch im Nachhinein die KZ-Überstellungen als Strafmaßnahmen. Die folgende Aussage tĂ€tigte er als Zeuge in dem Spruchkammerverfahren gegen Hans Lehner, einem der Betriebsleiter von HerzogsĂ€gmĂŒhle: „Die Einweisung wurde notwendig, nachdem die vier durch ihr unruhestiftendes Verhalten im Betrieb nicht lĂ€nger tragbar gewesen sind. Sie kommen also als typisch asoziale Menschen an den Ort, der als letzter bezeichnet werden muß, der in Deutschland seinerzeit fĂŒr Menschen vom Schlage jener Typen bestand.“11 In einer anderen Vernehmung am 1. Januar 1960, bei der es um mögliche Verbindungen des LVW zu den NS-Krankenmorden ging, bezeichnete Goller die Zwangsmaßnahmen in HerzogsĂ€gmĂŒhle als Resozialisierungsarbeiten, ohne deren Zwangscharakter zu leugnen: „Sicher waren unter den Pfleglingen neben den ArbeitsfĂ€higen viele sogenannte viertel und halbe KrĂ€fte, schwachsinnige und geisteskranke Leute und dergleichen [
]. Ihre Betreuung erfolgte nicht immer im Sinne der freien Wohlfahrtspflege. Es muß aber auch bedacht werden, um welchen Personenkreis es sich handelte und welch schwierige Menschen es waren. [
] All das geschah von Alarich Seidler aus nach fĂŒrsorgerischen Gesichtspunkten.“12

Der Initiator der ‚Asozialen-Verfolgung‘ auf dem Gebiet der FĂŒrsorge in Bayern und GeschĂ€ftsfĂŒhrer des LVW., Alarich Seidler wurde nach Kriegsende nicht zur Verantwortung gezogen. Dass er wohl seine TĂ€terschaft anders einschĂ€tzte, lĂ€sst seinen Suizidversuch kurz nach der Befreiung erklĂ€ren. Als die US Armee die Region in Oberbayern befreite, wurde Seidler, wie alle NSDAP Mitglieder und FunktionstrĂ€ger zwei Jahre lang, von Mai 1945 bis Juni 1947 interniert. ‚Rehabilitation‘ erfuhr er dann durch den Spruchkammerbeschluss mit der Einteilung ‚Entlasteter (Gruppe 5)‘ am 17.12.1948. Dr. Robert Ritter, der als Leiter der Rassenhygienischen Forschungsstelle des Reichsicherheitshauptamtes die wissenschaftliche BegrĂŒndung fĂŒr Sterilisation und Massenmord an mehreren Hunderttausenden von Sinti und Roma lieferte, - von Seidler fast zĂ€rtlich "Zigeunerritter" genannt - trug mit einer persönlichen ErklĂ€rung zur Entlastung Seidlers bei: "Herr Seidler schenkte mir in dieser Zeit (1937-44, d.V.) volles Vertrauen, wohl vor allem deshalb, weil er in mir einen Gesinnungsgenossen sah, der sich entgegen den herrschenden Tendenzen... fĂŒr eine vernĂŒnftige und menschenwĂŒrdige Behandlung sozial schwacher, gefĂ€hrdeter und gedrĂŒckter Mitmenschen einsetzte."13

Transfer

Nach der Monografie ĂŒber die Zeit des Nationalsozialismus in HerzogsĂ€gmĂŒhle, als der fĂŒr den LVW-Komplex zentralen Einrichtung, untersuchten weitere Projekte die Kollaboration der NS-FĂŒrsorge bzw. des LVW.-Komplexes mit Sicherheitspolizei (Verfolgung in Konzentrationslagern), Justiz und NS-Gesundheitspolitik (Zwangsasylierung und Psychiatrie).14 Das Projekt im Rahmen der Aufgabe von Erinnerungskultur ist es, mit der Etablierung von Formen des Gedenkens, Antworten auf die Fragen zu finden: Wer waren die Opfer und Verfolgten der nationalsozialistischen ZwangsfĂŒrsorge und wer waren die (Mit)TĂ€ter auf Seiten der FĂŒrsorge. Die folgenden Biografien zeigen uns einen Weg auf.

Quellen und Literaturnachweise zu "Einleitung und historische Grundlagen"

1 Seidler, Alarich: Der nichtseßhafte Mensch. Ein Beitrag zur Neugestaltung der Raum- und Menschenordnung im Großdeutschen Reich, MĂŒnchen 1938, S. 13.

2 Ebenda, S. 168–180.

3 Vgl. Eberle, Annette: Sozial-Asozial. Ausgrenzung und Verfolgung in der Bayerischen FĂŒrsorgepraxis, in: Hajak, Stefanie / Zarusky, JĂŒrgen (Hg.), MĂŒnchen und der Nationalsozialismus. Menschen – Orte – Strukturen, Berlin 2008, S. 207-226.

4 Schaubild ĂŒber die Sammlungs- und Sichtungsaufgaben des Wanderdienstes. Beispiele zur Anwendung der Bayerischen Wanderordnung, aus: bay HStAMInn 79917, zit. nach: Eberle, Annette: HerzogsĂ€gmĂŒhle, 1994, S. 52.

5 Schreiben von Seidler an die ReichsĂ€rztekammer MĂŒnchen vom 10.10.1941, zit. nach: Eberle, HerzogsĂ€gmĂŒhle, 1994, S. 51, Anmerkung 162.

6 Vgl. Eberle, Annette: „Die Trennung des gemeinschaftsfĂ€higen vom gemeinschaftsunfĂ€higen Menschen“. Das FĂŒrsorgekonzept des SA-StandartenfĂŒhrers Alarich Seidler, in Proske, Wolfgang (Hg.): TĂ€ter, Helfer Trittbrettfahrer, Oberbayern-SĂŒd, Gerstetten (Kugelbergverlag) 2024, S. 295-306.

7 Polizei: „Grundlegender Erlaß ĂŒber die vorbeugende VerbrechensbekĂ€mpfung durch die Polizei“ des Reichsinnenministeriums v. 14. Dezember 1937 mit AusfĂŒhrungsbestimmungen; (s. Fußnote 20); GefĂ€hrdetenfĂŒrsorge: Diskussion um ein Bewahrungsgesetz; GesundheitsfĂŒrsorge: Kategorien fĂŒr die Erbbiologische Erfassung, vgl. Eberle, Ärztschaft, Berlin 2017, S.,
Justiz: „Gesetz gegen gefĂ€hrliche Gewohnheitsverbrecher und Maßnahmen zur Sicherung und Besserung“ (1933); „VolksschĂ€dlingsverordnung“, vgl. Wachsmann, Nikolaus: Gefangen unter Hitler. Justizterror und Strafvollzug im NS Staat, MĂŒnchen 2006, S. 105-166.

8 Schreiben von Seidler an die ReichsĂ€rztekammer MĂŒnchen vom 10.10.1941, zitiert nach: Eberle, Annette: HerzogsĂ€gmĂŒhle 1994, S. 51, FN 162.

9 Vgl. Ayaß, Wolfgang: „Gemeinschaftsfremde“. Quellen zur Verfolgung von „Asozialen“ 1933-1945, Koblenz 1998, S. 33.

10 Bayerische Ärztezeitung 31 (1933), S. 327f.

11 Spruchkammerverfahren gegen Hans Lehner, Staatsarchiv Oberbayern, MĂŒnchen (StAA M), Spruchkammer 4074.

12 Vernehmungsniederschrift von Friedrich Goller, 1. 1. 1960, zit. nach: Eberle, Annette: HerzogsĂ€gmĂŒhle, 1994, S. 179f.

13 Robert Ritter, ErklĂ€rung v. 14.3.47, Spruchkammerakte (Kopie Archiv HerzogsĂ€gmĂŒhle).

14 Eberle, Annette: „Asoziale“ und „Berufsverbrecher“. Das KZ-Dachau als Ort der Vorbeugehaft, in: Benz, Wolfgang/Königseder, Angelika (Hrsg.), Das Konzentrationslager Dachau. Geschichte und Wirkung nationalsozialistischer Repression, Berlin 2008, S. 253-268; Nerdinger, Winfried, Erinnerung gegrĂŒndet auf Wissen. Das NS-Dokumentationszentrum MĂŒnchen, hrsg. v. NS-Dokumentationszentrum MĂŒnchen, MĂŒnchen 2018; Cranach, Michael v. / Eberle, Annette / Hohendorf, Gerrit / Tiedemann, Sibylle v.: Das Gedenkbuch fĂŒr die MĂŒnchner Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“ Opfer, hrsg. v. NS Dokumentationszentrum MĂŒnchen und Bezirk Oberbayern, Göttingen 2018.

Biografien und Erinnerungen

Maria Spitzauer

von Annette Eberle

Maria Spitzauer (geb. 27.10.1913 in Leobendorf, gest. am 26.4.1945 in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, Aufenthalt im Haus 22 ['Hungerhaus’]). 

Opfer der dezentralen "Euthanasie"

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Institut fĂŒr Zeitgeschichte ED 728- 786

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Maria Spitzauer

Biogramm

Maria Spitzauer, geboren am 27.10.1913, wuchs mit zehn Geschwistern in Leobendorf, einer kleinen Gemeinde im Berchtesgadener Land auf. Ihre Kindheit war geprĂ€gt von Armut, dem Ersten Weltkrieg und der Not der unmittelbaren Nachkriegsjahre. Ihre zeitlebens körperlichen und psychischen Beschwerden gingen auf eine nicht ausgeheilte Encephalitis zurĂŒck, die zu körperlichen und psychischen Beschwerden fĂŒhrte, die sie zeitlebens beeintrĂ€chtigten. Als ihr bei der schweren Arbeit als landwirtschaftliche Magd immer mehr die KrĂ€fte fehlten, konnte sie weder auf Hilfe noch VerstĂ€ndnis hoffen. Ihr Arbeitgeber misshandelte sie schwer, pflegerische UnterstĂŒtzung wurde ihr verwehrt. Die Diagnose des Amtsarztes lautete „arbeitsscheu“. Am 9.7.1940, im Alter von 26 Jahren, wies sie der Landrat zur „Erziehung durch Arbeit“ in den Wanderhof Bischofsried ein. Dort verschlechterten sich ihre psychischen und körperlichen Beschwerden rapide. Am 2.12.1941 wurde sie in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar ĂŒberstellt. Dort wurde sie im Alter von 31 Jahren Opfer der dezentralen ‚Euthanasie’. Aufgrund von VernachlĂ€ssigung und gezieltem Aushungern starb sie wenige Tage vor Kriegsende, am 26.4.1945. Als hĂ€tte sie dies vorhergesehen, schrieb sie bereits im September 1940 von Bischofsried aus ihrer Mutter: „Liebe Mutter! Erbarme ich dir gar nicht mehr. Muß ich wirklich in meinen noch jungen Jahren zu Grunde gehen (
)“1.

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Institut fĂŒr Zeitgeschichte ED 728-786

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Brief von Maria Spitzauer an Ihre Mutter

Langfassung

Die Armut, die Maries Aufwachsen prĂ€gte, Ă€ußert sie sich in ihren Briefen nicht. Doch die Angaben in den Dokumenten, lassen darauf schließen: Ihr Vater war Schuhmacher mit einem sehr geringen Gehalt, die Mutter Hausfrau. Mit einer kleinen Landwirtschaft gelang es beiden, ihre elf Kinder zu versorgen, die neben der Schule alle mitarbeiten mussten. Maria lebte bis zu ihrer Einweisung nach Bischofsried im Alter von 27 Jahren bei ihrer Familie in der kleinen Gemeinde Leobendorf im Berchtesgadener Land. Nahe der Kreisstadt Laufen lag das Dorf wenige Kilometer der österreichischen Grenze, die mit der Annexion Österreichs im Jahr 1938 aufgehoben wurde.

Das Ereignis, das Maries Leben nachhaltig prĂ€gte, war, dass sie an einer KopfentzĂŒndung im Alter von sieben Jahren erkrankte. Auch aufgrund der unzureichenden Ă€rztlichen Versorgung, heilte die Krankheit nicht aus. Die psychischen und körperlichen FolgeschĂ€den wurden chronisch und sollten sie ihr Leben lang beeintrĂ€chtigen. In der Schule, in der sie bis zur Krankheit gut mitkam, verschlechterten sich ihre Leistungen rapide. Sie war seitdem psychisch sehr labil, konnte sich schwer konzentrieren und keine schweren Arbeiten leisten. Nach der Schulentlassung blieb sie bei den Eltern und half dort im Haushalt und der kleinen Landwirtschaft. Mit 22 Jahren musste sie auch fĂŒr andere Bauern arbeiten. Dort erfuhr sie meist RĂŒcksichtslosigkeit gegenĂŒber ihren chronischen ErschöpfungszustĂ€nden. Ihr letzter Arbeitgeber, der Bauer Ruppert Schauer aus dem zwei Kilometer entfernten Dorf Moosham, misshandelte sie und schlug ihr mit der Heugabel auf den Kopf. Bei der anschließenden Behandlung in der Psychiatrischen Klinik in MĂŒnchen wurde ihr ein SchĂ€deltrauma diagnostiziert. Zudem bestĂ€tigten die Ärzte, dass ihre chronischen BeeintrĂ€chtigungen eine Folge der Enzephalitis waren. Doch die Ärzte kannten keine Therapie, die sie heilen konnte. So verschlechterte sich ihr Gesundheitszustand und sie konnte nicht mehr arbeiten. Maria klagte ĂŒber schlimme Kopfschmerzen und wurde zusehends verzweifelter, da ihr niemand helfen konnte.

Nach etwa drei Jahren kam sie nach einem gescheiterten Suizidversuch am 16.9.1939 wieder in psychiatrische Behandlung, diesmal in die Heil- und Pflegeanstalt Gabersee. Dass es ihr nach ihrer Entlassung nach etwa zweieinhalb Monaten nicht besser ging, davon zeugt der erhaltene Beschwerdebrief ihres Vaters an die Direktion von Gabersee. Er ist undatiert, der Vater muss ihn aber unmittelbar nach ihrer Entlassung am 1.2.1940 geschrieben haben: „Ich ersuche mich gefĂ€lligst in Kenntnis zu setzen warum meine Tochter am 1. Februar aus der Anstalt entlassen wurde. Nachdem die Zeit der Krankenkasse nicht abgelaufen und meine Tochter keine Besserung zu kommen gibt? Sie ist ebenso aufgeregt, LĂ€rm machend und drĂŒckt sich aus, daß sie Selbstmord begehen will. Arbeiten will sie ĂŒberhaupt nicht Wir sind nicht in der Lage sie wo unterzubringen da wir 11 Kinder zu versorgen haben. Ich hoffte, daß Sie bei Ihnen als Arbeiterin bleiben könnte. Um, gefĂ€lligste Mitteilung ersucht Spitzauer Johann Schuhmacher, Leobendorf, Post Laufen.“2 Der Direktor der Anstalt antwortete ihm gleich am 9. Februar, dass „im Laufe der Anstaltsbehandlung eine Besserung eintrat so dass sie nicht mehr unbedingt als anstaltspflegebedĂŒrftig angesehen werden konnte.“ Zudem hĂ€tte die Tochter den Wunsch geĂ€ußert, entlassen zu werden. Er wies Herrn Spitzauer auch darauf hin, dass er seine Tochter wieder in die Anstalt bringen könnte, wenn sie mit ihr zuhause nicht mehr zurecht kĂ€men.3  Was Dr. Utz nicht erwĂ€hnte war, dass mit Beginn des Jahres 1940 die Anstaltsleitung wie alle Psychiatrischen KrankenhĂ€user im Deutschen Reich, Meldebogen erhielten, die fĂŒr alle Patientinnen und Patienten ausgefĂŒllt werden mussten. Sie kamen von der Dienststelle ‚T4’, angegliedert an die Kanzlei des FĂŒhrers. Die Vermittlung ĂŒbernahm die Gesundheitsabteilung im Bayerischen Innenministerium, die fĂŒr die Heil- und Pflegeanstalten in Bayern zustĂ€ndig war. Der Leiter Dr. Gerhard Schultze hatte die Meldebogen mit dem Vermerk „Erfassung der Asozialen und Antisozialen Kranken” an alle Bayerischen Psychiatrischen und Pflegeanstalten gesandt mit der Aufforderung einer numerischen Aufstellung von Patienten, die „nach der Minist. Entschl. in eine Reichsanstalt der Arbeitsgemeinschaft Heil- und Pflegeanstalten zur Verlegung geeignet sind“4. Diese Meldebogenerfassung war der Auftakt fĂŒr die ‚Euthanasie’-Mordaktion T4, der in Bayern mindestens 7686 Opfer zĂ€hlte.5 Ob Dr. Utz die vorzeitige Entlassung von Maria Spitzauer aus diesem Grund erwog, auch mit dem klaren Zusatz, dass sie nicht als „anstaltspflegebedĂŒrftig“ anzusehen sei, oder aufgrund der Sparmaßnahmen, denen alle stationĂ€ren Einrichtungen unterlagen, oder ob sich ihr Zustand tatsĂ€chlich verbesserte, lĂ€sst sich nicht beantworten.

Zuhause verschlechterte sich Marias Zustand zusehends. Um den Verdienstausfall auch fĂŒr ihre Familie zu kompensieren, versuchte sie vergebens, eine EntschĂ€digung von dem Bauern, der ihr das SchĂ€deltrauma zufĂŒgte, einzufordern. Ein weiterer Arbeitsversuch bei einem Bauern in Moosham scheiterte. Dass es nach weiteren angekĂŒndigten Selbstmordversuchen nicht zu einer erneuten Einweisung nach Gabersee kam, lag nicht am Vater, sondern an dem Beschluss des Landrats von Laufen. Dieser entschied statt einer weiteren psychiatrischen Behandlung eine zwangsweise Unterbringung zur ‚Erziehung zur Arbeit’ im Wanderhof Bischofsried. Marie sei eine „sehr arbeitsscheue Person, die nur durch Zwang zur geregelten Arbeit und zu einem vernĂŒnftigen Lebenswandel zurĂŒckgefĂŒhrt werden kann.“6 Die „Arbeitsscheue“ begrĂŒndete er mit einem angeblich rechtswidrigen Verstoß gegen einen „Arbeitsauftrag", da Maria nicht fĂ€hig war, eine Arbeitsstelle anzunehmen. Diese Entscheidung fußte auf dem Ă€rztlichen Gutachten des Amtsarztes des Gesundheitsamtes Laufen. Aus den bislang erfolglosen stationĂ€ren psychiatrischen Behandlungen der SchĂ€digungen durch die Enzephalitis schloss der Arzt, dass die ArbeitsunfĂ€higkeit auch als bewusste Leistungsverweigerung durch Simulation und „Arbeitsscheue“ der Patientin herrĂŒhre. Als Beleg fĂŒhrte er die VerĂ€nderung des sozialen Verhaltens von Maria Spitzauer an, das von ihrer Umgebung als schwierig und belastend wahrgenommen wurde. In diesem Zusammenhang bewertete er die Misshandlung des Bauern als legitime ZĂŒchtigung der jungen Frau. Er schrieb: „M. Spitzauer hat im 8. Lebensjahr eine Kopfgrippe durchgemacht, ist dann in der Schule schlechter geworden, wurde boshaft und launisch und ist es noch. Eine energische ZĂŒchtigung durch ihren Dienstherren 1935 beantwortete sie mit reichlich psychogenen Krankheitserscheinungen. [
] Ich halte ihre sĂ€mtlichen Selbstmordversuche fĂŒr nicht ernst gemeint. Wegen der Arbeitsscheue [
] (und) dem boshaften Benehmen in der Familie halte ich ihre Unterbringung in einem Arbeitshaus fĂŒr notwendig.“7

Maria verbrachte die etwa sechs Wochen, die zwischen der Entscheidung des Landrates Laufen und der Einweisung nach Bischofsried verblieben, in Polizeihaft in Laufen. Dann wurde sie ĂŒber das GefĂ€ngnis in Traunstein durch die Polizei nach Bischofsried verbracht. Diese zwangsweise Unterbringung entsprach auch dem Strafcharakter des Wanderhofs, auch, wenn er formal nicht als Haftanstalt galt. Die Funktion des Wanderhofs Bischofsried diente seit seiner Errichtung im Jahr 1938 seitens des Bayerischen Landesverbandes fĂŒr Wander- und Heimatdienst als Arbeitshaus und Anstalt des Vollzugs des Arbeitszwangs nach § 20 ReichsfĂŒrsorgepflichtverordnung.8 Auch das Konzentrationslager Dachau war seit dem Jahr 1934 eine Anstalt gemĂ€ĂŸ § 20 RFV.

Der repressive Anstaltsalltag fĂŒhrte zu einer weiteren Verschlimmerung des körperlichen und seelischen Zustands von Marie. In dem bereits zitierten Brief drĂŒckte sie ihre Situation so aus, dass sie Angst habe, in der Anstalt „abzusterben“. Sie hatte den durchaus berechtigten Eindruck, dass sie von draußen, von den nahestehenden Angehörigen, aber auch von den zustĂ€ndigen FĂŒrsorgestellen vergessen wurde. In dem Brief schrieb sie weiter: „Schöne SonntagswĂŒnsche will ich dir schreiben, diesmal ein Brieflein weil ich auf das Paket nur eine Karte schrieb, [
]. Gesund kann ich hier nicht werden, denn es wird immer schlechter weil ich so viel weinen muß. Liebe Mutter! Erbarme ich dir gar nicht mehr. Muß ich wirklich in meinen noch jungen Jahren zu Grunde gehen, ich kann mich nie mehr beherrschen ich muß jetzt schon wieder weinen. Es ist sehr schwer fĂŒr mich, denn ich wĂ€re so gern gesund und möchte arbeiten wie die anderen.“9

In den Briefen an die Mutter schildert sie, wie bedrohlich sich fĂŒr sie ihre Situation darstellte, und wie verzweifelt sie selbst ĂŒber ihren Zustand war. Denn sie sehnte sich danach gesund und leistungsfĂ€hig wie die anderen zu sein, so schrieb sie. „Ich kann nicht mehr so sein wie ich möchte“ und „Liebe Mutter. Sei so gut und schau daß ich wo anders hinkommen kann wo wenigstens ein Arzt ist, wenn möglich wieder in die Klinik. Denn Liebe Mutter mein Schicksal kann ich dir gar nicht so schreiben wie es in Wirklichkeit ist, es ist so schwer fĂŒr mich daß ich es dir nicht erzĂ€hlen will, mir wĂ€hr es am liebsten gesund sein oder sterben. Ich mag ja doch nicht zum Schaden unseren Heimat sein. Liebe Mutter, mein Ziel wahr ja doch auch daß ich durch Arbeit ja nur durch Arbeit durch Leben kĂ€mpfe und ich kann nicht mehr so sein wie ich möchte. Das ist so schwer fĂŒr mich. Gibt es gar keine Änderung mehr fĂŒr mich? Liebe Mutter jetzt kann ich fast nicht mehr schreiben weil ich vom vielen weinen fast den Brief nicht mehr sehe. (
) Jetzt bitte ich Dich nochmals Liebe Mutter schau doch daß ich bald wieder gesund werde. Ich werde schon Euch durch recht treue und recht fleißige Arbeit Euch dankbar sein. Nun schließe ich mein Schreiben mit vielen herzlichen GrĂŒĂŸen an Euch (alle Namen der Geschwister).“10

Wie sich spĂ€ter zeigte, Marias Vorahnung war berechtigt. Einzig die Eltern hĂ€tten ihr noch helfen können. Doch sie fĂŒhlten sich zu alt und schwach, um ihre Tochter aufzunehmen. Die ZwangsfĂŒrsorgeanstalt beantragte bereits am 20.12.1940 ihre Überstellung in eine Heil- oder Pflegeanstalt: „S. befand sich schon in einem Zustand, wo sie in eine geschlossene Pflegeanstalt gehörte. Wir können mit ihr nichts mehr anfangen, als sie verwahren, bis eine andere Unterbringung fĂŒr sie gefunden ist.“ Ludwig HĂ€gele, der Anstaltsleiter, wies in seinem Schreiben daraufhin, dass es notwendig wĂ€re, wenn Dr. Katharina Hell ihr psychiatrisches Gutachten anpassen wĂŒrde: „Frau Dr. Hell hat die Spitzauer schon psychiatrisch beurteilt, und war damals der Ansicht, dass ein Erfolg zu erhoffen wĂ€re. Das ist aber nach unserer Erfahrung und Auffassung gĂ€nzlich ausgeschlossen, und wir bitten, dass Frau Dr. Hell beurteilt, ob Spitzauer fĂŒr Taufkirchen geeignet ist.“ Und er schloss mit den Worten: „Wir können (sagen), daß wir taten was wir konnten, um sie fĂŒr das Leben einigermaßen wieder zu gewinnen. Leider ist nichts mehr zu gewinnen bei ihr, sie ist fĂŒr ein Arbeitsleben jedenfalls hoffnungslos verloren.“11

Dr. Katharina Hell bestĂ€tigte in ihrem neuen Gutachten mit ihrer Diagnose, nicht nur, dass Maria Spitzauer weder medizinisch noch pflegerisch zu helfen und sie fĂŒr keinerlei Arbeiten mehr zu gebrauchen sei. Indem sie vor allem ihre angeblichen „CharakterverĂ€nderungen“ hervorhob, beurteilte sie Maria auch als Ă€ußerst gefĂ€hrlich fĂŒr ihre Umwelt: „Ein Intelligenzdefekt [
] bei Spitzauer Maria nicht vor. Auch ihre Schlafstörungen sind wahrscheinlich als encephalitische Folgestörungen zu deuten. Prognostisch wird erfahrungsgemĂ€ĂŸ keine Besserung sondern eher eine Verschlechterung der heute vorliegenden CharakterverĂ€nderungen bei Sp. M. zu erwarten sein. Auf jeden Fall wird man sie je wieder als Arbeitskraft dienstverpflichten können, da sie als gemeingefĂ€hrliche, völlig unvertrĂ€gliche und unberechenbare Kranke eine große Gefahr fĂŒr ihre Umgebung bedeutet. Man wird sie in eine Pflegeanstalt unterbringen mĂŒssen.“12

Aufgrund dieses Gutachtens, wie auch einer weiteren gesundheitlichen Beurteilung des Amtsarztes des Gesundheitsamtes von Landsberg, erfolgte dann die Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar.

Maria Spitzauer starb am 25.4.1945 in Eglfing-Haar als Opfer der dezentralen Euthanasie. Sie war in eines der HĂ€user verlegt worden, in denen Patienten gezielt ausgehungert wurden, da sie als „nörglige, arbeitsscheue“ Patientin galt.13  Am 30.11.1942 wurde mit dem sogenannten Hungerkosterlass des Bayerischen Staatsministeriums des Innern in den Bayerischen Heil- und Pfleganstalten fĂŒr ‚nicht produktiv arbeitende’ und pflegebedĂŒrftige Patienten eine ‚Sonderkost’ eingefĂŒhrt, die den Tod der Betroffenen bewusst herbeifĂŒhren sollte. Dieser Erlass kam auf Initiative der bayerischen Anstaltsleiter, darunter auch Dr. Hermann PfannmĂŒller von Eglfing-Haar und Dr. Walter Schultze, Leiter der Gesundheitsabteilung des Bayerischen Innenministeriums zustande.14

Transfer

Amelie Weber, im Jahr 2023 SchĂŒlerin des Welfen Gymnasiums Schongau, hatte sich eingehend mit der Biografie Maria Spitzauers und ihrer Verfolgungsgeschichte beschĂ€ftigt: Welche Motive leitete die Verantwortlichen in den Anstalten der FĂŒrsorge und Psychiatrie, dass sie Maria diese Repressionen anordneten, die darauf zielten, ihren Körper und ihre Psyche zu schĂ€digen, und letztlich auch ihr Leben auszulöschen.

Ihr Fazit lautet: „Das Menschenbild der damaligen Zeit war von Anpassung geprĂ€gt: Dem System entsprach, wer ausdauernd arbeitete, leistungsfĂ€hig war und nicht negativ auffiel. Marias labile psychische Verfassung und die daraus resultierende Arbeitsverweigerung rechtfertigten es, sie aus der Gesellschaft auszuschließen und schlussendlich zu töten. Maria wurde somit mehr als Belastung und weniger als hilfsbedĂŒrftige Person eingestuft. Eine derartige HilfsbedĂŒrftigkeit erkannten die Nationalsozialisten nicht an und so vernichteten sie die von ihnen stigmatisierten Opfergruppen, um ihre ‚Volksgemeinschaft’ zu wahren.“15 Offen bleibt, wen Amelie Weber konkret meint, wenn sie von den ‚Nationalsozialisten’ schreibt.

Quellen und Literaturnachweise zur Biografie Maria Spitzauers

Quellen

Dieser Brief, ist, wie noch weitere, als eines der wenigen persönlichen Zeugnisse von Maria Spitzauer in ihrem FĂŒrsorgeakt des Wanderhof Bischofsried (FĂŒrsorgeakte Maria Spitzauer, Wanderhof Bischofsried, ebenda; Patientenakte Maria Spitzauer, Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, Bezirksarchiv Oberbayern [BAOb], EH) erhalten. Aus ihnen, wie auch den Schriften der FĂŒrsorge, Ärzte und Behörden in der FĂŒrsorgeakte und der Krankenakte von Eglfing-Haar lĂ€sst sich das kurze Leben von Maria Spitzauer rekonstruieren. Deutlich wird zudem, wer fĂŒr die Verweigerung von Hilfen, die zur Verbesserung ihrer Situation, wie auch fĂŒr ihren Tod verantwortlich war.

1 Brief von Maria Spitzauer, 16.9.1940, in: FĂŒrsorgeakte Maria Spitzauer, Archiv des Instituts fĂŒr Zeitgeschichte (AIfZ), ED 728, unfol.

2 Schreiben des Vaters Johann Spitzauer (undat), verm. Anfang Februar 1940, Patientenakte der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, ebenda.

3 Schreiben von Direktor Dr. Utz, 9.Februar 1940, ebenda.

4 Zit. nach: Eberle, Annette: Die Bayerische Ärzteschaft und die Praxis der Medizin im Nationalsozialismus, Berlin 2017, S. 202, FN 207.

5 Ebenda, S. 207, FN 120.

6 Landrat von Laufen, VerhĂ€ngung des polizeilichen Arbeitszwanges gegen Marie Spitzauer, 21. 5. 1940, FĂŒrsorgeakt Bischofsried, AIfZ, ED 728.

7 Dr. Katharina Hell, Psychiatrische Gutachten ĂŒber Marie Spitzauer, 21.3.1941, ebd. Dr. Hell war wissenschaftliche Mitarbeiterin bei Prof. Dr. Ernst RĂŒdin, dem Leiter der Deutschen Forschungsanstalt fĂŒr Psychiatrie in MĂŒnchen. Das Team um RĂŒdin fĂŒhrte im Auftrag des Landesverbandes psychiatrische Gutachten ĂŒber die Insassen in HerzogsĂ€gmĂŒhle und Bischofsried durch, vgl. Eberle, Annette: HerzogsĂ€gmĂŒhle in der Zeit des Nationalsozialismus, Peiting 1994, S. 75f.

8 Vgl. Eberle, Annette: Erziehung zur Arbeit als Ziel nationalsozialistischer ZwangsfĂŒrsorge. „Asoziale“ Frauen im Wanderhof Bischofsried, in: Dachauer Hefte, November 2000, S. 87-111.

9 Brief von Maria Spitzauer, 16.9.1940, unfol., AIfZ, ED 728.

10 Ebenda.

11 FĂŒhrungsbericht von Ludwig HĂ€gele, 2.12.1941, ebenda.

12 Hell, Gutachten, 21.3.1941, IfZ, ED 728.

13 Faulstich, Heinz: Hungersterben in der Psychiatrie 1914-1949. Mit einer Topographie der NS-Psychiatrie, Freiburg i. Br. 1998, S. 320f.

14 Vgl. Siemen, Hans-Ludwig: Die bayerischen Heil- und Pflegeanstalten im Nationalsozialismus, in: Cranach, Michael von / Siemen, Hans-Ludwig (Hg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die Bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945, MĂŒnchen 1999, S.417-474, hier: S. 448-452.

15 Weber, Amelie: Die Euthanasie im Nationalsozialismus: Das Leben der Maria Spitzauer. Rahmenthema des WissenschaftspropÀdeutischen Seminars: Der Nationalsozialismus und die Gesundheitspolitik: Erinnerung an die Opfer, Welfen-Gymnasium Schongau, Schongau 2023 (unveröffentlichtes Manuskript).

Ernst Lossa

von Annette Eberle

Ernst Lossa (geb. 1.11.1929 – gest. 9.8.1944)

15.2.1940 – 20.4.1942 im Erziehungsheim Indersdorf

20.4.1942 – 9.8.1944 in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee

Opfer der Kinder-"Euthanasie"

§

© unbekannt

Archiv Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle Aktenr. 3214

Arrc

Ernst Lossa

Biogramm

Ernst Lossa (geb. 1929), FĂŒrsorgezögling im Kinderheim in Indersdorf (Oberbayern), welches ebenfalls wie die HerzogsĂ€gmĂŒhle unter der TrĂ€gerschaft des Landesverbandes fĂŒr Wander- und Heimatdienstes (LVW.) stand. Der Junge wurde im Alter von 13 Jahren auf Vorschlag des Heimleiters Friedrich Goller im Jahr 1942 aus der FĂŒrsorgeerziehung ausgesondert, in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee ĂŒberstellt und dort am 9. August 1944 ermordet.1 Das letzte Lebenszeichen in seiner Akte ist ein Brief von ihm an Friedrich Goller, geschrieben kurz nach der Ankunft in Kaufbeuren am 29. April 1942: „Lieber Herr Goller. Nun will ich Ihnen ein paar Zeilen schreiben. Mir geht es sehr gut. Hoffentlich Ihnen auch. [
] Mir gefĂ€llt es sehr gut in Kaufbeuren. Lieber Herr Goller, bitte sagen Sie FrĂ€ulein Friedl einen schönen Gruß von Lossa Ernst. Und GrĂŒĂŸe an den Heinrich und an das ganze Heim. Nun will ich schließen fĂŒr heute. Lossa Ernst“2.

Langfassung

Ernst Lossas Familie gehörte den Jenischen an. So bezeichnet sich eine ethnische transnationale Minderheit nach ihrer gemeinsamen Sprache des „Jenischen“. Lange Tradition ihrer Kultur ist, dass sie sogenannte fahrende Berufe ausĂŒben. Aber sie zĂ€hlen sich nicht zu den Sinti und Roma. Die Eltern von Ernst, Christian und Anna Lossa zogen als HĂ€ndler mit einem Wohnwagen umher. Nur in der Winterzeit lebten sie in einer Wohnung. Doch die Armut war auch auf dem Land groß. Bereits Ende der Weimarer Republik als Ernst am 1. November 1929 auf die Welt kam, war die Familie auf UnterstĂŒtzung der öffentlichen FĂŒrsorge angewiesen. Zwei der insgesamt fĂŒnf Geschwister starben noch als SĂ€uglinge: Sein Ă€lterer Bruder im Alter von nur drei Monaten., und sein jĂŒngerer Bruder Christian, geboren im MĂ€rz 1933 im Alter von nur zwei Jahren im SĂ€uglingsheim Josefinum. Seine beiden Schwestern wurden in kurzen AbstĂ€nden nach ihm geboren, Amalie am 6. Januar 1931 und Anna am 4. April 1932. Die Tragödie fĂŒr die Familie war, dass die Mutter, noch von der Geburt und den frĂŒhen Tod ihres jĂŒngsten Kindes geschwĂ€cht, im September 1933 an Tuberkulose starb mit nur 25 Jahren. Die Kinder kamen in die Obhut der FĂŒrsorge und wurden in ein Kinderheim in Hochzoll in Augsburg eingewiesen. Doch im NS Regime bedeutete Armut eine noch ernstere Gefahr: So wurde der Vater Christian Lossa aufgrund seines Lebens als Landfahrer und, weil er kein Geld fĂŒr den Unterhalt seiner Kinder aufbringen konnte, im Januar 1936 in das Konzentrationslager Dachau eingewiesen. Der Antrag wurde seitens des OrtsfĂŒrsorgeverbandes gestellt: Die Verantwortlichen hĂ€tten aber auch anders entscheiden und eine Vermittlung in eine regulĂ€re Arbeitsstelle ermöglichen können. Dass FĂŒrsorgeempfĂ€nger mit KZ Haft bestraft werden konnten, war in Bayern seit 1934 auch rechtlich geregelt.3 Vier Jahre spĂ€ter wurden Einweisungen, die von FĂŒrsorgeĂ€mtern beantragt wurden, reichsweit ĂŒber die Kriminalpolizei mit dem „Grunderlass zur vorbeugenden VerbrechensbekĂ€mpfung“ geregelt.4 Und dieser Grunderlass war auch die rechtliche Handhabe dafĂŒr, dass der Vater im September 1941 erneut in ein Konzentrationslager ĂŒberstellt wurde, nach FlossenbĂŒrg in Ostbayern. Dort starb er am 30.5.1942 an den Folgen einer Lungentuberkulose.5

Ernst, der mit seinen beiden Schwestern im Heim verblieb, kam mit dem Verlust seiner Eltern dem stĂ€ndigen Wechsel der Bezugspersonen und der Strenge im Umgang mit den Kindern nicht zurecht. Im fehlte emotionale liebevolle Zuwendung und Anerkennung. Dass er nicht folgsam war, unruhig in der Schule, auch eine Kleptomanie entwickelte, waren seine Hilfeschreie. Nach dem repressiven ErziehungsverstĂ€ndnis der Ordensschwestern wurde sein Verhalten als „sittliche Gefahr“ fĂŒr die anderen Kinder gewertet. So wurde Ernst am 15. Februar 1940 von seinen Schwestern getrennt und in die Erziehungsanstalt Indersdorf des Landesverbandes fĂŒr Wander- und Heimatdienst ĂŒberstellt.6

In Indersdorf jedoch war der Alltag ebenso autoritĂ€r geprĂ€gt wie in den meisten Erziehungsanstalten und vermittelte den Kindern die nationalsozialistische Kriegsideologe: Strafen, SchlĂ€ge, Arbeit, Personalnot, Einstimmung auf den Krieg waren nach Berichten anderer Heimkinder vorherrschend. Ein Junge wurde Zeuge sexueller Übergriffe eines Erziehers.7  Am 6. April 1941 schrieb der Vater aus dem GefĂ€ngnis an Frau Kuhn, Erzieherin in Indersdorf: „Sehr geehrte FrĂ€ulein Amalie Kuhn! [
] Hoffentlich ist mein Bub noch gesund und munter, was ich als Vater meinem Bub von Herzen wĂŒnsche, ich hĂ€tte meinem Sohn schon lĂ€ngst geschrieben, aber leider ist es ihnen bekannt, wo ich mich befinde und da ist es mir leider unmöglich an meinen Sohn Ernst zu schrieben [
] meine Zeit wird bald vorĂŒber sein, wo ich dann wieder bei meinen lieben Kindern sein kann, denn ich sehne mich schon lange danach, wenn ich dann als Vater fĂŒr meine lieben Kinder arbeiten kann. [
} und ich werde meine lieben Kinder wieder heim holen, sobald ich meine Freiheit wieder habe. [...] ich danke Ihnen fĂŒr die Erziehung an meinem Sohn von ganzem Herzen.“8

Der Vater, Christian Lossa, wĂ€hnte Ernst in guten HĂ€nden. Doch das menschenfeindliche Handeln der FĂŒrsorger wie Mediziner gegenĂŒber Ernst wurde zum Alltag in der NS-Zeit: Kinder und Jugendliche als „schwierig“ und „nicht erziehungsfĂ€hig“ zu stigmatisieren, und sie, statt ihnen zu helfen, auszusondern, ob in repressivere Orte der FĂŒrsorge, oder in drohende Todeszonen der Heil- und Pflegeanstalten oder Jugendkonzentrationslager. Ernst erfuhr, dass er als wertlos angesehen und behandelt wurde. Wertlos als Menschen, als Außenseiter, ohne Anspruch auf Liebe und Bildung. Und dieses Urteil „erbbiologisch und soziale minderwertig, gemeinschaftsfremd“ sollte auch der Leiter der Erziehungsanstalt Friedrich Goller gegen den Jungen aussprechen. Am 9. MĂ€rz 1942 forderte Goller den LandesfĂŒrsorgeverband Schwaben auf, den Jungen in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren einzuweisen. Er sei nicht „erziehungsfĂ€hig“: „Es handelt sich bei Ernst Lossa um ein selten stark abartiges [
] Kind. Lossa ist fĂŒr die Gruppengemeinschaft ein so großer Hemmschuh [
]. Wie schon erwĂ€hnt, kann es nicht mehr verantwortet werden, dass eine geordnete Erziehungsarbeit einer ganzen Gruppe unter einem solch stark abartigen und asozialen Jungen leidet, bei dem kein Erziehungserfolg zu erwarten ist. Heil Hitler.“9 In der Akte wird ersichtlich, dass sich Gollers Entscheidung fĂŒr die Selektion auf die dokumentierten negativen Erziehungsberichte und entsprechende psychiatrische Gutachten von Dr. Katharina Hell stĂŒtzte. Bereits im August 1940, nur ein halbes Jahr nach seiner Einlieferung, bewertete sie den 11jĂ€hrigen Ernst als einen Menschen, der Zeit seines Lebens in einer Anstalt verwahrt werden mĂŒsse: „Es handelt sich demnach bei Lossa Ernst zweifellos um einen an sich gutmĂŒtigen aber völlig willenlosen, haltlosen, fast durchschnittlich begabten triebhaften Psychopathen. Er wird bei seiner starken Triebhaftigkeit nicht gebessert werden können. Man wird aber dennoch versuchen mĂŒssen (bis zur Schulentlassung) seinen Willen durch straffe und sehr einsichtige FĂŒhrung so weit zu stĂ€hlen, dass nicht noch weiter absinkt. Nach Schulentlassung wird man ihn zwecks Erlernung eines Berufs in einer geschlossenen Anstalt verwahren mĂŒssen.“10 Ende April 1942 erfolgte die Überstellung in die Kinderfachabteilung der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren Irsee. Friedrich Goller wusste zu diesem Zeitpunkt um die „Euthanasie“ Mordaktionen in den Heil- und Pflegeanstalten, auch gegen Kinder und Jugendliche. Das geht aus seinem Personalakt hervor, in dem ein GesprĂ€ch Gollers ein Jahr vor Überstellung von Ernst Lossa, im Februar 1941 mit dem Jugendamtmann Sonderer dokumentiert ist, in dem die Maßnahmen thematisiert wurden.11

Ermordet in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, Abtlg. Irsee

Ernst Lossa wurde mehr als zwei Jahre nach seiner Überstellung am 20. April 1942 in die Kinderfachabteilung in Kaufbeuren am 9. August 1944 ermordet. Dies geschah nach einem entsprechenden Bericht seitens der verantwortlichen Ärzte an den Reichsausschuss. Zwar ist dieser nicht ĂŒberliefert, erhalten aber sind die letzten EintrĂ€ge in den Krankenakten, die sich im Stil und in den Formulierungen von den negativen FĂŒrsorgeberichten kaum unterschieden: „sittlich verdorben; Arbeitseinsatz schlug fehl“. Oberarzt Dr. Lothar GĂ€rtner, stellvertretender Leiter der Anstalt schrieb noch am 29. Juni 1944 ĂŒber den Jungen an das Heim in Indersdorf: „Prognostisch erscheint der Fall wenig gĂŒnstig.“11 Das Wissen um die UmstĂ€nde des Mordes an ihn beruhen auf einer Zeugenaussage eines Pflegers. Dieser berichtete, dass er sich selbst geweigert hatte, den Jungen mit Luminal „totzuspritzen“. Seiner Beobachtung nach habe die Krankenpflegerin Pauline Kneissler im Beisein des Anstaltsleiter Dr. Valentin Faltlhauser und des Arztes Dr. Frick den Jungen die Spritze verabreicht. Auf dem Leichenschauschein wurde die Diagnose „Asocialer Psychopath“ und als Todesursache „Bronchopneumonie“ festgehalten.13

FĂŒr den Mord an dem 14jĂ€hrigen Ernst Lossa hatte niemand Verantwortung ĂŒbernommen. Die Familie wurde nie ĂŒber seinen Tod und wie es dazu kam, informiert. Dr. Faltlhauser wurde im Juli 1949 wegen Anstiftung zur Beihilfe zum Totschlag vor dem Schwurgericht Augsburg zu drei Jahren Haft verurteilt, er kam nie in Haft.14 So kam auch das Ausmaß seiner MittĂ€terschaft bei der Institutionalisierung von Selektion und Mord als Direktor der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren mit all seinen Auswirkungen im Gesundheits- und FĂŒrsorgewesen nie zur Sprache. Nach heutigem Kenntnisstand der Forschung weiß man, dass die Organisation der Vernichtung in den Kinderfachabteilungen in der Kriegszeit erprobt werden sollte, um in der nahen angestrebten Zukunft eines gewonnenen Krieges die »Euthanasie«-Mord-Verfahren im System der Psychiatrie fest zu etablieren.15

Quellen

Grundlage fĂŒr die Biografie von Ernst Lossa sind die Akten des Jugendamtes Augsburg, die Insassenakte aus Indersdorf und die Krankenakte aus der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar. Weitere Hinweise finden sich in der GefĂ€ngnisse Akte seines Vaters, Christian Lossa (September 39-September 1941 im StrafgefĂ€ngnis Ludwigsburg, wie auch in den Untersuchungsunterlagen ĂŒber Ernst Lossa von Dr. Katharina Hell als wissenschaftliche Mitarbeiterin von Prof. Dr. Ernst RĂŒdin (Deutsche Forschungsanstalt fĂŒr Psychiatrie) Andererseits gibt es auch Quellen, die von seiner Persönlichkeit erzĂ€hlen: ein Interview mit seiner Schwester, Amalie Speidel (geb. 8.1.1931) aus dem Jahr 2012.

Transfer

Amelie Speidel, eine der Schwestern von Ernst Lossa, wird von Michael v. Cranach, der den Mord von Ernst Lossa in Kaufbeuern erforschte, im Jahr 2012 interviewt. Eine Studentin der Sozialen Arbeit, die sich mit dem Interview und der Geschichte von Ernst Lossa auseinandergesetzt hat, schreibt: „Das ZeitzeugengesprĂ€ch mit Fr. Speidel hat mich zutiefst bewegt und mich nochmals eindringlich daran erinnert, wie wichtig es ist immer wieder an die Schrecken des Nationalsozialismus zu erinnern. Gerade heute, wo rechtspopulistische und rechtsextreme KrĂ€fte in Deutschland und weltweit wieder stĂ€rker werden, muss an diese Grausamkeiten erinnert werden [
] Die Erfahrungen von Zeitzeugen mahnen uns zur Wachsamkeit und zum aktiven Widerstand gegen jede Form von Faschismus, Rassismus und Ausgrenzung.“16

Quellen und Literaturnachweise zur Biografie Ernst Lossas

1 Annette Eberle: „In HerzogsĂ€gmĂŒhle wurde der Grundstein gelegt.“ Das Stigma der Zwangserziehung im Schatten der NS-Zeit, in: Wolfgang Benz / Barbara Distel (Hg.): „Gemeinschaftsfremde“. Zwangserziehung im Nationalsozialismus, in der Bundesrepublik und der DDR, Berlin 2016, S. 105–132, hier: S. 111f.

2 Akte Ernst Lossa, Landeskirchliches Archiv NĂŒrnberg (LkAN) 3214.

3 Vollzugsvorschriften des Staatsministeriums des Innern v. 16.10.1934, 20.11.1934 und 11.3.1935 zu § 20 der RFV und Art. 38 bis 45 des Bayer. FĂŒrsorgegesetzes vom 14.3.1930, Bayer. Politische Polizei MĂŒnchen, 1.8.1936, IFZ FA 199/29.

4 Erlaß des Reichs- und preußischen Innenministers Dr. Wilhelm Frick, 14.12.1937, vgl. Ayaß, Wolfgang, Gemeinschaftsfremde. Quellen zur Verfolgung von "Asozialen" 1933-1945, Koblenz 1998, S. 94-98.

5 Sterbebescheinigung Christian Lossa, Nachkriegsaufstellung der 3. U.S. Army, Archiv der KZ-GedenkstĂ€tte FlossenbĂŒrg.

6 Dr. K. an den FĂŒrsorgeverband Augsburg, MĂŒnchen, den 29.1.1940, Akte Ernst Lossa, Indersdorf, LkAN 3214.

7 Eberle, Annette: HerzogsĂ€gmĂŒhle, S. 147–163.

8 Brief von Christian Losse, Zuchthaus Ludwigsburg 6.4.1941, Zuchthaus Ludwigsburg, an Amelia Kuhn, Erzieherin in Indersdorf, in: Insassenakte Ernst Lossa, Indersdorf, LkAN 3214.

9 Friedrich Goller an den LandesfĂŒrsorgeverband Schwaben, Augsburg, 9. MĂ€rz 1942, Akte Ernst Lossa, Indersdorf, LkAN 3214.

10 Dr. Katharina Hell, psychiatrisches Gutachten ĂŒber Ernst Lossa, August 1940, Akte Ernst Lossa, Indersdorf, LkAN 3214.

11 Schriftliche ErklĂ€rung von Friedrich Goller gegenĂŒber Alarich Seidler, 20.5.1941, Personalakte Friedrich Goller, Archiv HerzogsĂ€gmĂŒhle.

12 EintrÀge in die Krankenakte, 9.12.1943; 4.7.1944; Schreiben von Dr. GÀrtner, Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuern, Abteilung Irsee an das Jugenderziehungsheim Indersdorf v. 29.6.1944, Akte Ernst Lossa, LkAN 3214.

13 Cranach, Michael v.: Ernst Lossa. Eine Krankengeschichte, in: Cranach, Michael v.  / Siemen, Hans-Ludwig (Hg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die bayerischen Heil- und Pflegeanstalten zwischen 1933 und 1945, Ernst Lossa, S. 485.

14 RĂŒter-Ehlermann, Adelheid L.  / RĂŒter, Christian F. (Bearb.): Justiz und NS-Verbrechen. Sammlung deutscher Strafurteile wegen nationalsozialistischer Tötungsverbrechen 1945-1966, Bd. 5, Amsterdam 1970, Nr. 162, S. 175-188.

15 Krenek, Johan: Beitrag zur Methode der Erfassung von psychisch auffĂ€lligen Kindern und Jugendlichen, in: Archiv fĂŒr Kinderheilkunde 126 (1942), S. 72-84, zitiert nach: Czech: Forschen, S. 6-7, FN 22.

16 S.Z., Meine persönliche Auseinandersetzung mit dem ZeitzeugengesprÀch, April 2025 (unveröff. Manuskript).

Katharina Köpf

von Annette Eberle

Köpf Katharina (geb. 23.4.1920 in Farchant, gest. am 1.4.1943, vermtl. im KZ Auschwitz)

1.9.1939 – 22.5.1942 im Wanderhof Bischofsried 

Überstellung in ein Konzentrationslager

§

Institut fĂŒr Zeitgeschichte

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Katharina Köpf

Biogramm

Katharina Köpf stammte aus einer Familie mit 15 Kindern im lĂ€ndlichen Oberbayern. Die Eltern waren zu arm, um alle Kinder bei sich aufziehen zu können. Bis zu ihrem 19. Lebensjahr wuchs sie bei ihren Großeltern und im FĂŒrsorgeheim auf. Allein, dass sie ihre Arbeitsstellen wechselte und eigenstĂ€ndig Partner suchte, erfolgte auf Antrag des Jugendamtes am 1.9.1939 die Überstellung in den Wanderhof Bischofsried. Am 22.5.1942 wurde sie von dort in ein Konzentrationslager ĂŒberstellt. Sie starb am 1.4.1943, vermutlich im Konzentrationslager Auschwitz.

Langfassung

Katharina verbrachte ihre Kindheit bei den Großeltern in Farchant, einem Dorf nahe Garmisch-Partenkirchen, geprĂ€gt von der kargen Landwirtschaft und der Not nach dem Ersten Weltkrieg. Ihre Eltern lebten im Dorf Graswang, etwa 15 Kilometer entfernt. Da sie als landwirtschaftliche Arbeiter nur wenig verdienten, konnten sie nicht fĂŒr all ihre 15 Kinder sorgen. Neben der Armut war es das Stigma ‚unehelich’, das die Aufmerksamkeit der JugendfĂŒrsorge gegenĂŒber Katharina erregte. Obwohl die Mutter ihren leiblichen Vater nach der Geburt ehelichte, wurde in den FĂŒrsorgeakten die uneheliche Geburt als ‚angeborener’ Makel immer weiter fortgeschrieben. Im Juni 1932 kam Katharina bis zu ihrem 18. Lebensjahr in das Antoniusheim in Marktl am Inn. Bei der Entlassung nach fast sieben Jahren FĂŒrsorgeerziehung hieß es ĂŒber sie: ‚unerziehbar’. „K. [
] braucht daher unendlich viel Geduld. Zu erziehen ist an ihr nichts mehr. Sie wird im Gegenteil alle Tage minderer. Bei ihr handelt es sich jetzt nur noch um Bewahrung.“1 Sie hatte sich oft der Heimordnung widersetzt und wollte eigenstĂ€ndig ‚draußen’ in Freiheit leben. Doch aus Sicht von Katharina verweist das Urteil ‚unerziehbar’ auf das Versagen der Verantwortlichen, ihr ein eigenstĂ€ndiges Leben zu ermöglichen. Sie war dort zur UnselbstĂ€ndigkeit erzogen worden, sowohl hinsichtlich ihrer fehlenden Bildung fĂŒr ein gutes Auskommen als auch, was ihr zukĂŒnftiges Leben als junge Frau betraf. Wenige Monate spĂ€ter ĂŒberwies das Jugendamt Katharina erneut in FĂŒrsorgeerziehung, diesmal in den Wanderhof Bischofsried. GrĂŒnde waren die eigenstĂ€ndigen Wechsel der Arbeitsstellen ohne Erlaubnis des Arbeitsamtes, was als ‚Arbeitsvertragsbruch’ strafrechtlich geahndet wurde, und vor allem, dass sie ihre SexualitĂ€t mit wechselnden Partnern lebte. Das galt als ‚unsittlich’ und die Frauen wurden als ‚geheime Prostituierte’ verdĂ€chtig. So kam sie in Haft. Ein Polizeibeamter gab an, dass Katharina Ă€ußerte, sie wolle alles nachholen, was man ihr im Heim verboten hatte.2 FĂŒr ihre Einweisung in den Wanderhof wurde ein Vertrag ‚zur Erziehung’ zwischen dem Kreisjugendamt Garmisch-Partenkirchen und dem Heimathof Bischofsried geschlossen.3  Dass der Tag, an dem Katharina nach Bischofsried kam, der 1.9.1939, der Tag des Überfalls der deutschen Wehrmacht auf Polen und der Beginn des Zweiten Weltkriegs war, sollte auch dazu fĂŒhren, dass sie die Folgen der Einweisung nicht ĂŒberleben sollte. Die Errichtung des Konzentrationslagers Auschwitz und dessen Ausbau als Vernichtungslager fĂŒr den Holocaust war die Folge des Vernichtungskriegs. Dorthin wurde auch Katharina ĂŒberstellt, wo sie im April 1943 starb. Über die UmstĂ€nde ist bislang nichts bekannt.

Am Tag ihrer Einweisung nach Bischofsried machte Katharina Köpf folgende Angaben: „Ich kam 1932 in FĂŒrsorgeerziehung in die Anstalt Josefshaus Marktl am Inn. Am 30. 1.1939 wurde ich dort entlassen und ging 14 Tage zu meinen Eltern nach Graswang und Ende Februar nahm ich eine Stelle an bei Frau Rutz in Garmisch. Am 15. Mai ging ich dort weg und ging zu Schuster Lechner in Stellung, die ich am 17. Juni verließ und nach ein paar Tagen wurde ich in Garmisch verhaftet und bekam 2 Monate Haft und anschließend wurde ich durch den FĂŒrsorgeverband Garmisch am 1.9.39 in den Heimathof Bischofsried eingewiesen.“4

Zweimal versuchte sie auszubrechen: am 10.7.1940 und am 9.1.1941. Denn im Wanderhof wurde sie von ihren Freunden isoliert und sehr streng behandelt. Der Leiter des Wanderhofs, Ludwig HĂ€gele, verbat ihr den Briefkontakt mit ihrem Freund und schrieb an diesen zudem sehr abfĂ€llig ĂŒber Katharina: „Obengenannte ist noch FĂŒrsorgezögling und hat es dringend nötig, dass sie noch unter Zucht steht, da sie eine ausgesprochene faule, bequeme Person ist, die an sich selber verwahrlosen wĂŒrde, noch weniger einem Haushalt vorstehen kann, wenn sie weiterhin sich so wenig bessert, wie bisher. Die Korrespondenz mit Ihnen hat dazu beigetragen, ihren Leichtsinn zu stĂ€rken, da ja fĂŒr ihre Zukunft gesorgt sei. Wenn Sie und Köpf Katharina wieder frei sind, haben Sie ja Gelegenheit ihre Verbindung wieder aufzunehmen.“5 Nach dem zweiten Mal wurde sie nach Absprache mit dem Jugendamt in Arbeit vermittelt. Da sie aber ihre Arbeit verlor, kam sie am 13.4.1942 in den Wanderhof zurĂŒck. Allerdings wurde sie auf Initiative des Jugendamts zur Zwangssterilisation angezeigt, doch aufgrund der guten Ergebnisse des Intelligenztestes wurde die Anzeige abgelehnt.6 Dies ist ein weiterer Beweis dafĂŒr, dass die Zuschreibung ‚unerziehbar’ nicht bedeutete, dass sie nicht dazu fĂ€hig gewesen wĂ€re, sich zu entwickeln und zu lernen, sondern dass man ihr die Bildung und Förderung verweigerte. Die zweite Einweisung am 21.3.1942 erfolgte nicht mehr als ‚FĂŒrsorgeerziehung’, da sie bereits 21 Jahre alt und somit volljĂ€hrig war. Diesmal wurde gegen sie der ‚Polizeilicher Arbeitszwang’ nach dem Bayerischen Zigeuner- und Arbeitsscheuengesetz aus dem Jahr 1926 verhĂ€ngt. In Verbindung mit der ‚Verordnung zum Schutz von Volk und Staat’ vom 28.2.1933, mit der die Persönlichkeitsrechte außer Kraft gesetzt wurden, kam die Einweisung einer Haft gleich, allerdings ohne rechtsstaatliches Verfahren. Als BegrĂŒndung fĂŒhrte Landrat Dr. Lange (Landsberg) nicht nur das angebliche Versagen in den Arbeitsstellen und soziales unangepasstes Verhalten der jungen Frau an. Er betonte, dass Katharina jegliche Aussicht auf ein eigenstĂ€ndiges Leben in der Gesellschaft verwirkt hĂ€tte und zur ‚Bewahrung’, unter Aufsicht in einer Anstalt gestellt werden mĂŒsse. „Es handelt sich bei Köpf um eine sittlich völlig haltlose Psychopathin, die auf dem freien Arbeitsmarkt und in persönlicher Freiheit niemals zu einer geregelten Arbeits- und Lebensweise kommen wird. Bewahrung in einer geeigneten Anstalt (Wanderdiensthof) erscheint notwendig.“7 Daraufhin forderte der TrĂ€ger des Heimathofes Bischofsried, der Landesverband fĂŒr Wander- und Heimatdienst (LVW), dass die ‚Bewahrung’ nicht in Bischofsried, sondern im Konzentrationslager ausgefĂŒhrt werden sollte. Die junge Frau zĂ€hle zu den „BewahrungsfĂ€llen“, bei der nicht „alle Voraussetzungen“ gegeben seien, dass „die in Bischofsried zu leistende Erziehungsarbeit zu einem Erfolg fĂŒhren kann.“8 Dem Landrat wurde seitens von Dr. Sandberger, dem Verwaltungsleiter des LVW empfohlen, alle ‚BewahrungsfĂ€lle’ wie Köpf ‚im Einvernehmen’ mit dem Reichskriminalpolizeiamt Berlin und der KriminalrĂ€tin Frederike Wieking in das Frauenkonzentrationslager FĂŒrstenwalde einzuweisen. Am selben Tag, am 13.4.1942, wurde Katharina wieder nach Bischofsried ĂŒberstellt. Nur eine Woche spĂ€ter drĂ€ngte Ludwig HĂ€gele als Leiter des Wanderhofs den LVW, dass die junge Frau schnellstmöglich ins Konzentrationslager verlegt werden sollte. Dies geschah am 22.5.1942.

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Institut fĂŒr Zeitgeschichte

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In einer scheinbar banalen Aktennotiz wird die Einlieferung von Katharina Köpf in das Konzentrationslager Auschwitz quittiert.

Das letzte Dokument in der Akte ist ein Brief von Ludwig HĂ€gele vom 28.1.1943 an Anastasie Köpf, die Mutter von Katharina. Darin gab er ihr eine Mitschuld an der Überstellung ihrer Tochter ins Konzentrationslager, da sie ihrer Tochter nach dem Entlaufen aus dem Wanderhof Zuflucht gewĂ€hrt hatte. Am 28.1.1943 schrieb er ihr: „Ihre Tochter befindet sich nicht mehr in unserer Anstalt. Sie ist bei ihrem ersten Hiersein wiederholt entlaufen und Sie haben sie darin unterstĂŒtzt, indem sie ihr und den anderen, die mitgelaufen sind, weitergeholfen haben. Aus diesem Grunde und weil sie unerziehbar ist, haben wir beantragt, dass sie in ein strengeres Lager verbracht wird. Sie wurde bereits am 22.5.1942 von hier wieder abgeholt. Ihre jetzige Adresse ist uns nicht mitgeteilt worden. Sie erfahren Sie bei der Einweisungsbehörde. Heil Hitler.“9 Zu diesem Zeitpunkt war der Vater von Katharina schon seit einigen Jahren als Soldat eingezogen. Ob die Mutter spĂ€ter erfuhr, dass ihre Tochter neun Monate spĂ€ter sterben musste, und ihr letzter Ort vermutlich das Konzentrationslager Auschwitz war, geht nicht aus der Akte hervor. Dieses Todesdatum wurde in ihre Geburtsurkunde beim Einwohnermeldeamt in Farchant eingetragen.10

Quelle

Die Rekonstruktion der Geschichte der Verfolgung von Katharina Köpf beruht vor allem auf den Dokumenten, die in der FĂŒrsorgeakte des Wanderhofs Bischofsried von ihr erhalten sind.11 Um das Geschehen nach der Überstellung in ein Konzentrationslager und die UmstĂ€nde ihres Todes aufzuklĂ€ren, wurden die beiden Archive der KZ-GedenkstĂ€tte RavensbrĂŒck und Auschwitz angefragt. Bislang sind keine weiteren Hinweise eingetroffen. Nur die Geburtsurkunde und das Sterbedatum von Katharina wurde uns seitens der Gemeinde Farchant als Kopie zur VerfĂŒgung gestellt.12

Transfer

Wie erklĂ€ren sich heute junge Frauen im Alter von Katharina, warum sie, die im angeblichen ‚Schutz der FĂŒrsorge’ stand, Opfer der FĂŒrsorge wurde, da sie angeblich als ‚erziehungsunfĂ€hig’ galt: ihre HilfsbedĂŒrftigkeit wurde als gefĂ€hrlich fĂŒr die NS-Gesellschaft angesehen, sie wurde eingesperrt, ihr wurde eine berufliche Ausbildung verwehrt, mit der BegrĂŒndung, sie sei von Geburt an ‚asozial’ und als Mensch ‚minderwertig’. Schließlich wurde sie auf Antrag der FĂŒrsorge der tödlichen Gefahrenzone des Konzentrationslagers ausgeliefert. Ihr Tod wurde bewusst in Kauf genommen oder gar bezweckt.

Regina HĂ€userer hatte sich im Jahr 2023 als SchĂŒlerin des Welfen Gymnasiums Schongau mit der Geschichte von Katharina Köpf eingehend beschĂ€ftigt. Mit ihrem persönlichen Weg wie auch mit den historischen HintergrĂŒnden der Verfolgung von Menschen in der Obhut der FĂŒrsorge. Sie kommt zu dem Schluss: „Das Erschließen des geschichtlichen Hintergrundes mag fĂŒr mich vielleicht nicht das Interessanteste der Arbeit gewesen sein, da es vor allem zu Beginn sehr schwer war, sich hinter jeder Opferzahl tatsĂ€chlich ein Menschenleben vorzustellen. [
] Dadurch, dass ich mich sehr intensiv mit der Biografie von Katharina K. beschĂ€ftigt habe, habe ich nun ein ganz anderes VerstĂ€ndnis fĂŒr die Thematik. Ich bin ihrer Geschichte, durch die vielen Dokumente, die ihre Persönlichkeit beschreiben, auch sehr nahegekommen. Oft hat sie mir leidgetan, weil ihr nie wirklich eine Chance gegeben wurde und sie immer von oben herab und vorurteilig behandelt wurde. Deshalb möchte ich mich dafĂŒr einsetzen, dass nicht nur das Schicksal von Katharina K., sondern auch das vieler anderer Insassen und Insassinnen die Menschen, die in der heutigen Zeit leben, dazu ermahnen, sich der Geschichte ihrer Heimat bewusst zu sein.“13

Quellen und Literaturnachweise zur Biografie von Katharina Köpf

1 Zitiert nach: Dr. Katharina Hell: Psychiatrisches Gutachten ĂŒber Katharina Köpf, 18. Dezember 1942, S. 2, in: Insassenakte Köpf, Katharina, Wanderhof Bischofsried, AIfZ, 728-501.

2 Ebenda.

3 Entschließung des Bayerischen Landesjugendamtes vom 30. Juni 1931, Nr. 4166, L2, MABl. S. 53.

4 Aufnahmebogen, 1.9.1939, Insassenakte Köpf, Katharina, Wanderhof Bischofsried, AIfZ, ED 728-501.

5 Ludwig HÀgele an Anton S., 1.4.1940, Insassenakte Köpf, K., Wanderhof Bischofsried, AIfZ, ED 728-501.

6 (Abschrift) Landrat Garmisch-Partenkirchen, Dr. Lange, Beschluss, Betr.: Aufenthaltszuweisung, polizeilicher Arbeitszwang, Nr. 3244, 21.3.1942, ebenda.

7 Ebenda.

8 LVW, Dr. Sandberger an den Landrat von Garmisch-Partenkirchen, 13.4.1942, ebenda.

9 Ludwig HÀgele an Anastasie Köpf, 28.1.43, ebenda.

10 Eintrag des Todesdatums von Katharina Köpf, 1.4.1943, Standesamt Auschwitz II, Geburtsurkunde Katharina Köpf, Auszug aus dem Einwohnerregister der Gemeinde Farchant. 

11 Insassenakte Katharina Köpf, Wanderhof Bischofsried, Archiv Institut fĂŒr Zeitgeschichte (AIfZ), 728-501.

12 Geburtenregister, Katharina Köpf, Gemeinde Farchant.

13 HÀuserer, Regina: Die Verfolgung der Asozialen-Opfergruppe: Erinnerung durch die Biographie von Katharina K. Rahmenthema des WissenschaftspropÀdeutischen Seminars: Der Nationalsozialismus und die Gesundheitspolitik: Erinnern an die Opfer, Welfen-Gymnasium Schongau, Schongau 2023 (unveröffentlichtes Manuskript).

Willy Zielke

von Annette Eberle

Willy Zielke (geb. 18. 2.1902 in Lodz, gestorben 16.6.1989 in Bad Pyrmont)

14.12.1937 bis 8.9.1938 im Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle

25.3.1937-8.4.1937, 5.1.1939 – 21.8.1942 in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar

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© Willy Zielke

Sammlung Dieter Hinrichs

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Selbstportrait von Willy Zielke

Biogramm

Willy Zielke (geb. 1902 in Lodz) war zu Beginn des nationalsozialistischen Regimes Fotograf und Filmemacher in MĂŒnchen. Als Patient mehrerer Psychiatrischen Kliniken in MĂŒnchen, dem Schwabinger Krankenhaus, der Heil- und Pflegeanstalt Egfling-Haar und dem Sanatorium Neufriedenheim wurde er im Jahr 1937 Opfer der Zwangssterilisation. Nach einem Zwischenaufenthalt in der ZwangsfĂŒrsorgeanstalt HerzogsĂ€gmĂŒhle war er zu der Zeit der ‚T4-Aktion‘ wieder Patient in Eglfing-Haar. Zwischen 1939 und 1942 erlebte er dort eine AtmosphĂ€re, in der auch die Mordaktion der dezentralen ‚Euthanasie‘ durch Aushungern, Medikamentengabe und VernachlĂ€ssigung möglich wurden.

Langfassung

Diese Erfahrungen schienen zu Beginn des NS-Regimes fĂŒr Willy Zielke, dem Migranten aus der Sowjetunion noch außerhalb aller Wahrscheinlichkeit. Ab dem Jahr 1933 gelang ihm, trotz einiger RĂŒckschlĂ€ge ein erfolgreicher Aufstieg als Filmemacher und Kameramann.2 Erst zehn Jahre zuvor war er mit seinen Eltern, sein Vater war Kaufmann und Fabrikdirektor, vor den kommunistischen UmwĂ€lzungen in der Sowjetunion geflohen. In MĂŒnchen fĂŒhrte ihn dann die Ausbildung an der Staatlichen Höheren Fachschule fĂŒr Phototechnik als Fotograf zum Film. Motive fĂŒr seine ersten Kurzfilme fand er in seiner unmittelbaren MĂŒnchner Umgebung. Mit den Titeln Anton Nicklas ein MĂŒnchner Original (1931) und Willy Zielke zeigt eine Stadt – ein Film ĂŒber MĂŒnchen (1932) erregte er erste Bekanntheit in der Schmalfilm-Szene. „Zielkes Arbeiten reihen sich vom ersten Moment an ein in die deutsche Avantgarde im besten Sinne.“2 In die Zeit des Beginns der NS-Diktatur fiel die Fertigstellung seines ersten Langfilmes mit dem Titel „Arbeitslos – ein Schicksal von Millionen“ (1932/33, ca. 30 Min.). Der Film entstand im Auftrag des Maffeiheimes, einer Anlaufstelle fĂŒr MĂŒnchner Arbeitslose. Protagonisten waren der damals noch unbekannte Schauspieler Beppo Brehm wie auch Laiendarsteller aus dem Arbeitslosenheim. Nach der UrauffĂŒhrung im April 1933 interessierten sich MĂŒnchner NSDAP FunktionĂ€re wie auch Alarich Seidler, der Initiator des NS-ZwangsfĂŒrsorgesystems des LVW. in Bayern fĂŒr den Film. Zielke schnitt den Film nach den Vorgaben der NS-Propaganda um. Die verĂ€nderte Fassung trug nun den Titel „Die Wahrheit“ mit einem neuen Ende als historischen Anfang: Hitler wird zum Reichskanzler ernannt, die Arbeiter finden zurĂŒck auf die Scholle und in die Fabrikhallen. Hammer und Sichel gehen in die Formation des Hakenkreuzes ĂŒber.3 Trotz der Änderungen wurde der Film nicht mehr gezeigt. Doch Zielke brachte er einen lukrativen Folgeauftrag, den offiziellen JubilĂ€umsfilms zur 100 Jahrfeier der Reichsbahn (1835-1935) mit dem Titel Das Stahltier. Zwar scheiterte Zielke letztlich auch mit diesem Film. Er wurde am 25.7.1935 von der Berliner FilmprĂŒfstelle verboten. Der Film war Ă€sthetisch zu anspruchsvoll, zu experimentell und erinnerte wohl auch zu sehr an die Ästhetik des sowjetischen Kinos von Sergej Eisenstein. Doch gerade aufgrund der kĂŒnstlerischen QualitĂ€t gelangte Zielke ins Team der NS Propaganda Filmemacherin Leni Riefenstahl fĂŒr den Film Olympiade 1936. Willy Zielke bekam jedoch bald die negativen Folgen der NS politisch-ideologischen Vereinnahmung zu spĂŒren, wie auch der persönlichen durch Riefenstahl. So beanspruchte die allein an der eigenen Karriere orientierte Filmemacherin den vor allem von Zielke gestalteten Prolog der Olympiafilme fĂŒr sich. Zielkes Name blieb unerwĂ€hnt. Es kam zu einem heftigen ZerwĂŒrfnis, das mit einem Nervenzusammenbruch von Willy Zielke endete. Er wurde in die Psychiatrie eingewiesen. Die Diagnose im Schwabinger Krankenhaus lautete „Schizophrenie“ und er kam in die HPA Eglfing-Haar. Nach Verlegung in die privat gefĂŒhrte Heilanstalt Neufriedenheim erlitt er dort die Zwangssterilisation als Bedingung fĂŒr seine spĂ€tere Entlassung. In seinen Erinnerungen ist der Tag des Zwangseingriffes, der 22.7.1937, festgehalten: „Warte auf die Hinrichtung. Es ist eine Hinrichtung. Generationen meiner Nachkommen werden symbolisch und faktisch hingerichtet. Der FĂŒhrer hat das Rassenveredelungs-Gesetz verkĂŒnden lassen. Es soll der germanische ‚Herrenmensch‘ in Reinkultur gezĂŒchtet werden. Alles andere sei minderwertig und soll ausgerottet werden, wie ein Abfall. [...] Habe den Prolog zum Olympiafilm abgedreht und jetzt zĂ€hle ich persönlich zum Abfall der Menschheit. Meine Filmarbeit soll geistig gesund sein – ich selbst aber – geistig krank.“4 Seine Ehefrau trennte sich von ihm.

Nach der Entlassung konnte er weder privat noch beruflich wieder Fuß fassen. Er meldete sich im Oktober 1937 zum Arbeitsdienst am Autobahnbau. Wohnungs- und arbeitslos musste er dann im Dezember 1937 um Aufnahme im Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle bei seinem einstigen Förderer Alarich Seidler bitten, als Vorstand des LVW, dem TrĂ€ger des Wanderhofs und SA-SturmbannfĂŒhrer. Trotz der Verbindung zu Seidler war auch fĂŒr Zielke der Wanderhof ein GefĂ€ngnis und Arbeitslager als eine UnterstĂŒtzung seiner sozialen Not.5  In seinen Erinnerungen stellte Zielke seinen Hilferuf allerdings als verdeckten Filmauftrag Seidlers dar, der ihn aus dem gefĂ€hrlichen Umkreis von Leni Riefenstahl bringen sollte. So ließ er Seidler sagen: „‘Auch Sie Herr Fantasin (Pseudonym fĂŒr Zielke) werden eine Uniform anziehen, aber in einem anderen Sinne. Durch diese Maskierung können Sie besser beobachten, um ein wahrheitsgetreues Filmdrehbuch zu schreiben.‘ [
] Ich nicke nur! Zwei Seelen ruhen in meiner Brust. Die eines Filmregisseurs und die eines relativen StrĂ€flings! Hier hat man mit der perfekten Schizophrenie zu tun. ‚Ich soll auf Befehl schizoid werden. [
] Was bin ich? Ein Beobachter? Ein rechtloses Subjekt? Eine unbekannte Nummer? Oder ein vornehmer Gefangener?“6 Das, was er ĂŒber seine FilmplĂ€ne schrieb, zeugt durchaus davon, dass er mit der Konzeption eines Drehbuches begonnen hatte, aber auch von der hoffnungslosen Lage, in der er sich befand: „Ich zeige in meinem neuen Film die Schönheit der Arbeit auf der Autobahn und im Wald. Das wĂ€re eine kĂŒnstlerische Aufgabe im Stile von Knut Hamsun. [
] Auch er ist freiwillig als Landstreicher in die Wildnis gegangen, um dort Anregungen fĂŒr seine literarischen EinfĂ€lle an Ort und Stelle zu sammeln. [
] Wenn jemand so etwas tut, wie ich und freiwillig sein Haus verlasse, um zwischen Arbeitern zu leben, der gilt entweder als Asozialer oder als Geisteskranker. Deshalb trage ich stĂ€ndig bei mir das Film-Drehbuch.“ Und, an anderer Stelle: „Nun sitze ich auf meinem Baumstamm und grĂŒbele nach [
] die tĂ€gliche Konfrontation mit dem Volk öffnet mir andauernd die Augen. Meine schönsten Leitbilder sind zerstört.“7 Dass er sich ausgerechnet von Seidler Hilfe versprach, mag ein Indiz dafĂŒr sein, dass Zielke trotz seiner Zwangssterilisation an seiner Idealisierung der sozialen Botschaft des NS-Regimes festhielt. Als ob er sich selbst als Protagonist seines eigenen Filmes sah: Der verzweifelte Arbeitslose findet durch ‚entbehrungsreiche, aber ehrliche‘ Arbeit seine ihm gegebene Bestimmung in der NS-Gemeinschaft wieder. So rechtfertigte er noch in seinen Erinnerungen, die er in der Nachkriegszeit schrieb, den Zwangscharakter. Vor allem seien auch Strolche, SĂ€ufer und allerlei Gesindel eingewiesen worden: „Die Demokratie, die die Intellektuellen anstreben, ist fĂŒr diese Leute ein Buch mit sieben Siegeln.“8 Doch auch fĂŒr Zielke war der Wanderhof kein fĂŒrsorglicher Schutz, sondern eine Gefahrenzone. Sein physischer und psychischer Zustand verschlechterte sich. Erschöpft und abgemagert nach einem zweiten Arbeitsansatz bei der Autobahnbaustelle bei Bayrischzell erhielt er vom dortigen Amtsarzt Dr. Weiß die Diagnose Schizophrenie. Er wurde entmĂŒndigt und Anfang 1939 wieder in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar ĂŒberstellt. Dort wurde er nach der ĂŒberlieferten Krankenakte bis zum 21.8.1942 entlassen. GrĂŒnde dafĂŒr sind nicht angegeben. Nach den Erinnerungen von Zielke ging die Entlassung auf Betreiben Riefenstahls zurĂŒck, da sie ihn dringend fĂŒr den Abschluss ihres letzten Filmprojekts Tiefland brauchte. Er selbst begrĂŒndete die RĂŒckkehr zu Riefenstahl damit, dass die Angst, in Eglfing-Haar zu bleiben grĂ¶ĂŸer war als vor der Frau, die ihn seiner Karriere beraubt hatte.

Über die bedrĂŒckende AtmosphĂ€re in Haar und wie nahe er die Morde an den Insassen zu beobachten glaubte, schrieb er „Auch hier geht die Zeit weiter, das heißt, sie kriecht wie eine Schnecke trĂ€ge dahin und die Menschen bewegen sich wie durchsichtige Schatten – an vergitterten Fenstern und kahlen WĂ€nden vorbei 
 was wartet auf mich? Soll hier die letzte Station fĂŒr mich sein?“ und ĂŒber eine Situation kurz vor seiner Entlassung: „Zuerst wird ein Grossteil der Insassen aus unserem Haus ausquartiert. Wohin diese Leute kommen, erfĂ€hrt niemand von uns. Auch keiner wagt zu fragen. Nach unserer Station – das ist lĂ€ngst bekannt – kommt nur noch der Friedhof. Wir gelten alle als hoffnungslose FĂ€lle – als die ‚Unheilbaren'. Die meisten sind verstummt. Sie fĂŒhren ein Dasein von Schatten. Nur einige murmeln leise vor sich hin.“9

Quellen

Überliefert sind die Insassenakte des Wanderhofes HerzogsĂ€gmĂŒhle, die Krankenakte der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar sowie die Autobiografie “Angst“ von Willy Zielke aus den 1950er Jahren.

Quellen und Literaturnachweise zur Biografie von Willy Zielke

1 Vgl. Hinrichs, Dieter: Willy Zielke (1902-1989). EinfĂŒhrung zur Veranstaltung in der Seidl-Villa, MĂ€rz 2011 (unveröffentlichtes Manuskript).

2 Deutsche Filmzeitung, Dr. W. Mrt., 29.7.1932, zitiert nach: Haseloff, Gesine: Willy Zielke. Das filmische Werk zwischen Avantgarde und nationalsozialistischer Ästhetik, Diplomarbeit an der UniversitĂ€t der KĂŒnste, Berlin, unveröffentlichtes Manuskript, Berlin 2001, S. 17, Fußnote 65. Auch alle anderen Angaben ĂŒber Zielkes Filmschaffen bis 1933 daraus.

3 Vgl. ebenda.

4 Ebenda, S. 164.

5 Einweisungskarte vom 18.12.1937, Insassenakte v. Willy Zielke, Landeskirchliches Archiv NĂŒrnberg (LkAN) 3220.

6 Ebenda, S. 189-190.

7 Ebenda, S. 216; 204.

8 Zielke: Angst, S. 188.

9 Zielke: Angst, S. 428.

Paul Holler

von Annette Eberle

Paul Holler (geb. 1929, gest. 2013)

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Archiv Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Paul Holler

"Von Missbrauch sprechen" – eine Begegnung mit Paul Holler

„Von Missbrauch sprechen, von Kindesmissbrauch. Da war ja alles die Zwangsarbeit, Kindsmissbrauch, alles, das Ganze, dieses ganze, so was nicht sein darf, war dort gegeben. Bloß heute weiß man nichts mehr, wissen sie, heute weiß man gar nichts mehr.“ (Paul Holler, 21. Januar 2012)1

Kurzfassung

Paul Holler wurde am 31.8.1929 als uneheliches Kind in MĂŒnchen geboren. Da seine Mutter alleinerziehend war und arbeiten musste, konnte er erst im Alter von sechs Jahren bei ihr leben. Die ersten zwei Jahre verbrachte er in einem SĂ€uglingsheim in MĂŒnchen, dann war er in Pflegefamilien untergebracht. Seine Mutter, Maria Holler, geb. 1902, stammte aus Ruhpolding. Als unverheiratete Frau war sie nur beschrĂ€nkt rechtsfĂ€hig. So wurde ihr, um das Sorgerecht ausĂŒben zu können, der Katholische JugendfĂŒrsorgeverein als Vormund fĂŒr ihre Kinder an die Seite gestellt. Paul hatte noch zwei Geschwister. Sein Ă€lterer Bruder Franz (geb. 1925) lebte bei einer Pflegefamilie in Traunstein. Die jĂŒngere Schwester Paula (geb. 1935), war bei ihm und der Mutter. Maria Holler erhielt als alleinerziehende Mutter keine weitere UnterstĂŒtzung von ihrer Familie. Sie musste fĂŒr den Unterhalt selbst aufkommen. Sie war als Hilfsarbeiterin bei der Firma Merk, Telefonbau in MĂŒnchen mit sehr geringem Verdienst beschĂ€ftigt. In der Kriegszeit bestand zudem auch fĂŒr Frauen Arbeitspflicht. HĂ€tte sie sich geweigert, um besser fĂŒr ihre Kinder sorgen zu können, hĂ€tte sie auch Sanktionen wegen ‚Arbeitsscheue‘ oder gar Haft wegen des Straftatbestandes ‚Arbeitsvertragsbruch‘ befĂŒrchten mĂŒssen. Von Pauls Vater hieß es, er sei Friseur, aber in Folge einer Kriegsverletzung aus dem Ersten Weltkrieg verarmt. Paul war den ganzen Tag ĂŒber auf sich allein gestellt und schwĂ€nzte die Schule. Das Jugendamt schritt sofort ein. Die Mutter wurde als „dem Jungen erzieherisch nicht gewachsen“ beurteilt, und Paul im Alter von 10 Jahren in das FĂŒrsorgeheim Indersdorf eingewiesen. Das Heim war auf jĂŒngere, noch schulpflichtige Kinder ausgerichtet. Bis zum Jahr 1938 wurde es von den Barmherzigen Schwestern gefĂŒhrt. Dann kam es unter nationalsozialistische FĂŒhrung. Paul blieb dort vom 8.1.1940 bis zum Abschluss seiner Schulzeit. Am 5.4.1944 zog er wieder zu seiner Mutter nach MĂŒnchen, um dort eine Lehre als Lackierer zu beginnen.

Über Paul Hollers Erfahrungen als Heimkind in der nationalsozialistischen JugendfĂŒrsorge erfĂ€hrt man in seiner FĂŒrsorgeakte des Indersdorfer Heimes wenig. Das Heim stand zwischen 1939 und 1945 unter der TrĂ€gerschaft des Landesverbandes fĂŒr Wander- und Heimatdienst, der in seinen Einrichtungen Menschen isolierte und Repressionen unterwarf, da sie hilfsbedĂŒrftig, arm und krank waren. Die FĂŒrsorgekonzepte orientierten sich an der nationalsozialistischen rassenhygienischen Ideologie ĂŒber soziale und erbbiologische Minderwertigkeit. Ob und wie sich diese Ideologie auch im FĂŒrsorgealltag realisierte, darĂŒber können nur ehemalige Heimkinder erzĂ€hlen. Das Zitat oben ist ein Ausschnitt aus dem ZeitzeugengesprĂ€ch mit Paul Holler aus dem Jahr 2012. Mit diesen SĂ€tzen fasst er zusammen, was ihm oder anderen Kindern dort an Unrecht und Gewalt angetan wurde. In diesem Interview geht es auch um die Folgen dieser Erfahrungen fĂŒr sein weiteres Leben. Er erzĂ€hlt von seinem Scheitern in der unmittelbaren Nachkriegszeit, und was dies mit seiner Heimerfahrung zu tun hatte. Nach Kriegsende brach er seine Lehre ab und schloss sich einem Wanderzirkus an. Sogleich wurde er vom Jugendamt erneut aufgespĂŒrt und in ein Heim fĂŒr Ă€ltere Jugendliche, nach Birkeneck eingewiesen. Dort lief er weg, wurde straffĂ€llig und zu mehreren Jahren Haft verurteilt. Erst danach gelang ihm ein bĂŒrgerliches Leben. Er grĂŒndete eine Familie und einen eigenen Betrieb.

Quellen

Grundlage fĂŒr die Biografie ĂŒber Paul Holler sind zwei zentrale Quellen: Seine FĂŒrsorgeakte (des Heimes Indersdorf und des LVW. als TrĂ€ger des Heims)2 und das Interview mit ihm am 22.11.2012. In seiner FĂŒrsorgeakte von Indersdorf fanden sich die faktischen Belege seiner Zeit als Heimkind in Indersdorf (1940 bis 1944) wie auch der Verwaltung des Heims und des rassenhygienischen Konzepts der FĂŒrsorgeerziehung: Schulzeugnisse, FĂŒhrungsberichte und ein psychiatrisches Gutachten seitens Dr. Katharina Hell als wissenschaftliche Mitarbeiterin und SS-Stipendiatin des Kaiser-Wilhelm-Instituts in MĂŒnchen. Um Paul Hollers Leben nach Kriegsende und Befreiung zu dokumentieren, wĂ€ren auch seine FĂŒrsorgeakte der FĂŒrsorgeanstalt Birkeneck (Nachkriegszeit), seine GefĂ€ngnisakte sowie seine Jugendamtsakte (Vormundschaftsakte Jugendamt MĂŒnchen) wichtig. Das Interview ist Grundlage fĂŒr die Sicht und die Erfahrungen des damaligen Kindes im Heim. Paul Holler erinnert an seine RealitĂ€t der Repressionen und Gewalt im Heim und erzĂ€hlt auch davon, wie ihn diese Erfahrungen in seinem weiteren Leben als Erwachsener prĂ€gten.

Im GesprÀch mit Paul Holler

Zu dem GesprĂ€ch kam es, als sich Paul Holler auf den Aufruf unserer Arbeitsgruppe Medizin und FĂŒrsorge im Nationalsozialismus im Jahr 2012 meldete. Wir suchten Menschen, die in Folge der nationalsozialistischen Erb-Gesundheits- und Wohlfahrtspolitik Menschenrechtsverletzungen erleiden mussten und darĂŒber berichten wollten. Ihre Erfahrungen sollten im gerade im Aufbau befindlichen NS-Dokumentationszentrums in MĂŒnchen dokumentiert und – endlich - öffentlich erinnert werden. Entscheidend fĂŒr Herrn Holler, sich an uns zu wenden, war aber eine andere Information. Kurz zuvor hatte er ĂŒber die Medien erfahren, dass ehemalige Heimkinder die Möglichkeit erhielten, EntschĂ€digungen fĂŒr Menschrechtsverletzungen zu beantragen. Als er dann aber von uns erfuhr, dass es bei der angekĂŒndigten EntschĂ€digung allein um das Unrecht in der Heimerziehung in der Nachkriegszeit ginge3, seine Erfahrungen in der NS-Zeit aber keine Anerkennung erhielten, war er trotzdem bereit, mit uns zu sprechen. Es ging ihm nicht allein um mögliche Zahlungen, sondern um die BestĂ€tigung seines subjektiv erlebten Unrechts als historisch objektiver Sachverhalt. Er wollte von uns wissen, wie sich der Kindesmissbrauch mit dem Unrecht im Nationalsozialismus erklĂ€ren ließ, und in welcher Weise seine Geschichte nicht als Einzelfall, sondern als Teil der gesamten Geschichte des Kindesmissbrauchs zu verstehen war. So suchte er auch nach konkreten historischen Belegen ĂŒber seine FĂŒrsorgeerfahrungen in der Anstalt Indersdorf. Und wir konnten ihm seine FĂŒrsorgeakte beschaffen und mit ihm besprechen.

FĂŒr uns erzĂ€hlte er seine Heimkinderzeit als Teil seiner gesamten Erfahrungen von Kindsmissbrauch und welche Folgen sich daraus fĂŒr sein weiteres Leben ergaben. Seine Kindheit als Pflegekind, und spĂ€ter mit der Mutter erinnerte er mit dem Stigma asozial, weil er als illegitimes Kind galt und in armen VerhĂ€ltnissen lebte. In der Schule fĂŒhlte er sich isoliert, so ging er ungern hin und wurde als „SchulschwĂ€nzer“ angezeigt. Die Überweisung in das Heim erfuhr er als jĂ€he Trennung von seiner Mutter, als einen großen Schmerz, der ihn seitdem nicht mehr losließ. Das, was er im Heim als Gewalt gegen Kinder erlebte – an sich selbst, oder was dort anderen Kindern geschah – bezeichnete er im Interview als „Kindesmissbrauch“. Die Gewalt war fĂŒr ihn ein Ausdruck der grundlegenden Missachtung und Verletzung ihrer Rechte, ihrer Körper, Psyche und Seele, auch außerhalb des Heims. Den Direktor Friedrich Goller, die Erzieher Herrn Fennrich und FrĂ€ulein Friedel erinnert er als strafende, nicht als ihn schĂŒtzende Erwachsene. Als Beispiel nannte er die Strafen des Arrestes, der Isolation unter der Aberkennung seiner BedĂŒrfnisse: „[
] wenn man sich ĂŒberlegt, eine Zelle nur mit dem Holzkasten, Brot und Wasser, und das mit zwölf Jahren Das haben die damals gemacht in der Nazizeit, im Dritten Reich, da haben die gar nichts gekannt, jetzt machen sie es halt in anderer Form, [
] da hat sich in den Eierköpfen nicht viel verĂ€ndert, [
] verstehen Sie, die Denkungsweise bleibt die gleiche!“ Mit den „Eierköpfen“ bezeichnete er die Systeme „Heimerziehung“ und „Jugendamt“, die bis heute entscheidend dafĂŒr verantwortlich seien, dass „Kindsmissbrauch“ weiter praktiziert wird. Seine Folgerung war, dieses System gehöre endgĂŒltig abgeschafft. FĂŒr ihn endete die Erfahrung des Missbrauchs erst dann, als er lernte, „sich aus dieser Scheiße wieder selbst rauszuziehen“. Damit war Paul Holler einer von vielen, die davon erzĂ€hlten, dass sie die eigene Verarbeitung, ihren Umgang mit den Verletzungen in ihrem weiteren Leben selbst, ohne professionelle UnterstĂŒtzung schaffen mussten. Er beschrieb, dass fĂŒr ihn die persönliche selbstkritische BewĂ€ltigung existentiell war, um aus der KriminalitĂ€t herauszukommen, aber auch, wie ihn die psychische Belastung dabei „fast zerstörte“. Geholfen hatte ihm das Schreiben ĂŒber seine Erfahrungen im GefĂ€ngnis, so fand er eine Sprache fĂŒr die Gewalt, die er erfuhr, und die ihm half, auch deren Auswirkungen auf sein weiteres Leben zu verstehen.

Transfer – Erinnerung an Paul Holler

FĂŒr uns war die kurze Zusammenarbeit, die wir mit Paul Holler als Zeitzeugen und Überlebenden suchten, sehr wertvoll. Uns interessierte seine Perspektive als Opfer, GeschĂ€digter und Betroffener. Wir wollten dazu beitragen, dass das Unecht, das er erleiden musste, endlich gesellschaftlich anerkannt wurde. Seitdem wird seine Geschichte im NS-Dokumentationszentrum (2015) erzĂ€hlt und von Studierenden der Sozialen Arbeit gehört und diskutiert.

Die folgenden Ausschnitte aus einem Interview entstanden als Seminararbeit von Fabian Schoberth, einem der Studierenden an der Katholischen Stiftungshochschule. Sie sind inhaltlich ĂŒberschrieben mit „Warum er ins Heim kam“ (1:48 min), „Erziehungsalltag“ (Zitat „Kindsmissbrauch“ als letzter Satz) (2:55 min), „Tagesablauf“ (1:57 min), „Ausbildung“ (1:33 min), „Zirkus“ (3:40 min), „Birkeneck“ (1:10 min), „Werdegang nach der Strafhaft“ (0:38 min).

Ausschnitte aus dem Interview

„Warum er ins Heim kam“
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„Erziehungsalltag" (Zitat „Kindsmissbrauch“ als letzter Satz
§ Cc4
„Tagesablauf“
§ Cc4
„Ausbildung“
§ Cc4
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„Birkeneck“
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„Werdegang nach der Strafhaft“
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Quellen und Literaturnachweise zur Biografie von Paul Holler

1 Interview von Annette Eberle mit Paul Holler, 21.11.2012, Wolnzach, unveröffentlichtes Manuskript (Privatarchiv). Das Interview war Teil des Projekts zur Vorbereitung der Dauerausstellung im NS Dokumentationszentrums MĂŒnchen „FĂŒrsorge und Psychiatrie in der Zeit des Nationalsozialismus“ (2009 bis 2015).

2  FĂŒrsorgeakte von Paul Holler, Archiv Institut fĂŒr Zeitgeschichte (IfZ), ED 728.

3 Vgl. Deutscher Bundestag, Protokoll, 17. Wahlperiode, Nr. 17/42. Ausschuss fĂŒr Familie, Senioren, Frauen und Jugend, 42. Sitzung, Berlin, den 27.06.2011, S. 14.

Johann Galland

von Annette Eberle

Johann Galland (geb. 7.11.1884 in Bayreuth, gest. 14.11.1944 in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee)

§

Archiv Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Johann Galland

„Niemand wollte ihn brauchen.“

Biogramm

Johann Galland musste die meiste Zeit seines Lebens Armut erfahren, und zwar unter drei sehr unterschiedlichen politischen Staatsformen in Deutschland. In allen drei Regimen wurde Johann aufgrund seiner Armut und Behinderung schlecht behandelt und kriminalisiert. In der NS-Zeit ging es um sein Leben. Ab 1934 wurde er ĂŒber 10 Jahre als angeblich„gefĂ€hrlicher Gewohnheitsverbrecher und Idiot“ in Anstalten der Polizei, FĂŒrsorge und Psychiatrie eingesperrt. Ein halbes Jahr vor der Befreiung starb er in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren Irsee: physisch, psychisch und seelisch vernachlĂ€ssigt, als Mensch missachtet.

Er wurde am 7.11.1884 in Bayreuth (Bayern) in eine kinderreiche Familie hineingeboren. Da war das Deutsche Kaiserreich erst 13 Jahre alt. Seine Mutter starb frĂŒh an LungenentzĂŒndung, was damals aufgrund der mangelnden medizinischen Versorgung oft vorkam. Im Alter von 34 Jahren, im letzten Jahr des Ersten Weltkriegs, erlitt Johann einen Arbeitsunfall und war fortan körperbehindert. Wenige Jahre spĂ€ter wurde er aufgrund einer leichten geistigen Behinderung entmĂŒndigt, musste aber fĂŒr sich selbst weiter sorgen. Die Invalidenrente, die im Kaiserreich eingefĂŒhrt worden war, reichte ihm nicht zum Leben. So brachte er sich in der Weimarer Republik als Taglöhner in der Landwirtschaft durch. Auf der Suche nach Arbeit, war er immer wieder auf Wanderschaft und auf Almosen angewiesen. Doch ab 1933, in der NS-Zeit, wurden Wandern und Bettelei sehr streng bestraft. So kam Johann gleich von 1934 bis 1936 in ein Arbeitshaus und danach zur ZwangsfĂŒrsorge in die Wanderhöfe des Landesverbands fĂŒr Wander- und Heimatdienst (LVW.). Von Mai 1937 bis Dezember 1942 war er in HerzogsĂ€gmĂŒhle. Als er dort nach vier Jahren Aufenthalt vergebens darum bat, wieder zu einem Bauern vermittelt zu werden, um Geld verdienen zu können, wurde es ihm verweigert. So versuchte er es selbst und lief weg. Nach mehreren Fluchtversuchen wurde er aufgrund der NS-Gesetzgebung als angeblicher ‚gefĂ€hrlicher Gewohnheitsverbrecher’ verurteilt und am 3.6.1943 in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren ĂŒberstellt. Dort starb er ĂŒber ein Jahr spĂ€ter, am 14.11.1944 an EntkrĂ€ftung. Die Obduktion ergab, dass Johann Galland seit Jahren an einer Tuberkulose in der Lunge und Leber gelitten hatte.

Langfassung

Johann Galland wurde am 18.11.1884 als Sohn von Johann und Katharina Galland wie auch Bruder von sieben Geschwistern in Bayreuth geboren. Der Vater war Instrumentenbauer, die Mutter Hausfrau. Der Name Galland war im Instrumentenbau bekannt. So hatte im Jahr 1888 ein Johann Galland aus Bayreuth auf der MĂŒnchener Kunstgewerbe- Ausstellung „drei Zithern und eine Violine“ prĂ€sentiert.1 Sein Sohn war zwar als Nachfolger in der langen Familientradition des Instrumentenbaues vorgesehen, doch er schaffte die Ausbildung nicht. So absolvierte Johann, der Sohn, eine Lehre als Melker in der Landwirtschaft. Er lebte und arbeitete weiterhin bei seinen Eltern, bis beide starben, frĂŒh die Mutter an einer LungenentzĂŒndung, der Vater, der sich wieder verheiratete, im Jahr 1912 an einem Herzleiden.

Nach diesem schweren Verlust, den er im Alter von fast 30 Jahren und kurz vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs erfuhr, arbeitete Johann in der Landwirtschaft, meist in befristeten sehr schlecht bezahlten ArbeitsverhĂ€ltnissen. So zog er immer wieder im Land umher, um Arbeit zu finden. Oft litt er Hunger. Wichtige Anlaufstellen waren seine Geschwister, die in NĂŒrnberg, Aschaffenburg und Bad Kissingen lebten, wie auch seine Stiefmutter in Colmar. Doch die schwere körperliche Landarbeit, ohne geregelten Arbeitsschutz war gefĂ€hrlich und fĂŒhrte bei vielen, wie auch bei Johann zu ArbeitsunfĂ€llen. Auch aufgrund der mangelnden medizinischen Versorgung konnten diese zu schweren körperlichen Behinderungen fĂŒhren. So verlor er bereits im Jahr 1903, im Alter von 19 Jahren, den Zeigefinger seiner linken Hand als Folge einer Blutvergiftung, und fast alle Finger seiner rechten Hand bei Arbeiten in einem SĂ€gewerk im August 1918. Aus Verzweiflung, da er nun stark arbeitsbeschrĂ€nkt war, erlitt er zudem einen Nervenzusammenbruch. FĂŒr zwei Monate ĂŒberwies man ihn in die Heil- und Pflegeanstalt Lohr am Main. Dort notierte dem Arzt, der ihn aufnahm: „Als sein Vater im Jahr 1912 starb, habe er auch so geweint.“ Nach einigen Intelligenztests erhielt Johann zum ersten Mal die psychiatrische Diagnose ‚angeborener Schwachsinn’, die fĂŒr ihn in der NS-Zeit gefĂ€hrlich werden sollte. Drei Jahre spĂ€ter erfolgte die EntmĂŒndigung durch das Amtsgericht Aschaffenburg. Anlass war vermutlich die Auszahlung seiner Unfallrente.

Die BegrĂŒndung des Beschlusses des Amtsgerichts Aschaffenburg vom 31.12.1921, der von einem Franz GrĂŒnde gezeichnet war, lautete ‚GeistesschwĂ€che’ und orientierte sich vor allem auf das amtsĂ€rztliche Gutachten, in dem Johann Gallans als ein „schwachsinniger Mensch, [
] schwach in seinen WillensĂ€ußerungen“ bezeichnet wurde, der „unzuverlĂ€ssig in seinen Handlungen (ist)“ und „keine Kenntnisse und Wissen ĂŒber Geld und Geldeswert (hat)“. Das Urteil stĂŒtzte sich auf § 6 Ziff. 1 des BĂŒrgerlichen Gesetzbuches (BGB) und § 658 der Civil-Prozess-Ordnung (CPO). FĂŒr die Zeit ab 1924 ist dem Akt zu entnehmen, dass Karl HarlĂ€nder, Inhaber einer Kunst- und Bauschlosserei Schlossermeister in Aschaffenburg und ein Bekannter der Familie als Vormund bestellt worden war. Er ĂŒbernahm es auch, fĂŒr Johann seine Invalidenrente, die er aufgrund seiner ArbeitsunfĂ€lle erhielt, auf einem Konto anzusparen, um ihm eine Versorgung fĂŒr das Alter zu schaffen. Dass man damals auch als landwirtschaftlicher Arbeiter im Niedriglohnbereich einen Anspruch auf Invalidenrente hatte, ging zurĂŒck auf die EinfĂŒhrung von Kranken-, Unfall-, Invaliden- und im Kaiserreich ab den 1880er Jahren, die an ArbeitsverhĂ€ltnisse gebunden waren. Im Jahr 1911 wurden diese durch die Reichsversicherungsordnung (RVO.) geregelt, die bis zum Jahr 1992 Grundlage des Sozialversicherungssystems in Deutschland waren (ausgenommen die DDR)2. Allerdings waren die SĂ€tze gering. Johann konnte von der Invalidenrente, die monatlich rund 16 Reichsmark betrug, nicht leben. Eine Reichsmark wĂ€re heute etwa 4 Euro wert: Im Jahr 1936 kosteten zwei Pfund Brot etwa 35 Pfennig (heute etwa 2 Euro), und 10 Eier etwa 1 RM 35 Pfennig (heute zwischen 3 und 5 Euro, je nach QualitĂ€t).

Mit zunehmendem Alter wurden fĂŒr Johann in Folge der sozialen Not der Nachkriegszeit die Stellenwechsel hĂ€ufiger, und damit auch die Haftstrafen fĂŒr Bettelei, Mundraub und Landstreicherei. Einmal erhielt er ein Jahr GefĂ€ngnis, da er aus Hunger einen Hasen von einem Bauern stahl, fĂŒr den er arbeitete. Diese Kriminalisierung von Armut, Arbeits- und Wohnungslosigkeit war bereit im Kaiserreich und in der Weimarer Republik Alltag. Doch ab dem NS-Regime erfuhr sie fĂŒr die Betroffenen eine gefĂ€hrliche VerschĂ€rfung. Obdachlosigkeit wurde mit der Zwangseinweisung in eine Anstalt bestraft. Auf Wanderschaft zu gehen, um sich selbst eine Arbeit zu suchen, wurde verboten. Zudem wurden die Persönlichkeitsrechte mit der „Verordnung zum Schutz von Volk und Staat“3 eingeschrĂ€nkt und rechtlicher Widerspruch kaum mehr möglich. Es drohten Zwangssterilisationen, KZ-Einweisungen und Bewahrung im Arbeitshaus oder der Psychiatrie.

Johann wurde bereits am 6.6.1934 vom Amtsgericht Königswinter, da er wegen Bettelei aufgegriffen worden war, nach der verbĂŒĂŸten GefĂ€ngnisstrafe, zu zwei Jahren im Arbeitshaus Braunweiler (bei Bad Kreuznach, Rheinland-Pfalz) verurteilt. Dies geschah trotz seiner EntmĂŒndigung. Grundlage war das ab dem 1.1.1934 geltende neue „Gesetz gegen gefĂ€hrliche Gewohnheitsverbrecher und Maßregeln der Sicherung und Besserung“ v. 24.11.1933.4 Die Richter konnten nun, ergĂ€nzend zur Haftstrafe „Maßnahmen der Sicherung und Besserung“ (§ 42) verhĂ€ngen, sofern bei WiederholungstĂ€tern eine ‚Veranlagung’ oder ‚Hang zum Verbrechen’ bestand, ohne dass der von Kriminalbiologen geprĂ€gte Begriff des ‚Gewohnheitsverbrechers’ nĂ€her definiert worden war. Damit war entweder die Unterbringung in einer Heil- und Pflegeanstalt, in einem Arbeitshaus fĂŒr ‚Dirnen, Bettler, Landstreicher, Verwahrloste und Arbeitsscheue’, oder die Sicherungsverwahrung in Strafanstalten der Justiz verbunden. WĂ€hrend seiner Haft erlitt er dort aufgrund seiner Diagnose ‚Schwachsinn’ eine Zwangssterilisation. Nach seiner Entlassung aus dem Arbeitshaus im Jahr 1936 geriet er nur wenige Wochen spĂ€ter, im September 1936 gleich wieder in eine Polizeikontrolle, diesmal in Bayern, in der NĂ€he von Aschaffenburg. Sofort wurde er aufgrund der neuen Wanderordnung, die seit dem Jahr 1935 galt, als ‚wanderunfĂ€hig’ erklĂ€rt und in den nahegelegenen Wanderhof Simonshof geschickt. Dort erwirkte der OberbĂŒrgermeister von Aschaffenburg, als Leiter des Wohlfahrtsamtes seine zwangsweise Einweisung und den Arbeitszwang nach § 20 der ReichsfĂŒrsorgepflichtverordnung. Die Möglichkeit Johann - ohne Gerichtsurteil - zwangsweise zum Aufenthalt in der Anstalt zu verpflichten, erfolgte in Verbindung mit dem Erlass vom 16.10.1934 des Bayerischen Innenministers Adolf Wagner, zugleich auch NSDAP Gauleiter von MĂŒnchen-Oberbayern und SA-ObergruppenfĂŒhrer. Mit diesem Erlass galt auch das KZ Dachau als Anstalt nach § 20 des fĂŒrsorgerechtlichen Arbeitszwangs.

Wenn es um die polizeiliche Verfolgung von Bettlern und Landstreichern ging, herrschten in Bayern besonders rigide Bedingungen. Bereits noch in der Weimarer Republik wurde im Jahre 1926 das Zigeuner- und Arbeitsscheuengesetz als Folge einer großen Zunahme von Wanderern seitens des Landtags verabschiedet. Dann, mit Beginn des NS-Regimes organisierten auch in Bayern Polizei, SA und SS vereint Bettlerrazzien, mit UnterstĂŒtzung der öffentlichen und freien Wohlfahrtseinrichtungen. Zwischen dem 18.-25.9.33 wurden im Rahmen einer reichsweiten Aktion Tausende von Bettlern zu Gefangenen gemacht du zur Abschreckung in das KZ Dachau eingeliefert.5 Fortan hielt man die örtlichen Polizeibehörden an, verschĂ€rft gegen Bettler und Landstreicher vorzugehen. Einweisungen in die ArbeitshĂ€user oder das Konzentrationslager Dachau waren an der Tagesordnung. Der RĂŒckgang der Wandererzahlen beruhte somit nicht nur auf wirtschaftlicher, konjunktureller Entwicklung, sondern auch auf der einsetzenden polizeilichen Verfolgung der Wanderarmen. Dass soziale Not aber immer wieder Menschen auf die Straße zwang, zeigt auch das Ergebnis der WandererzĂ€hlung im Jahr 1936. 58% der Wanderer hĂ€tten demnach erst seit 1935 mit dem ‚Leben auf der Walze’ begonnen, lediglich 33% schon vor 1933. Es wurde weiter festgestellt, „dass verminderte ArbeitsfĂ€higkeit und höheres Alter die HauptgrĂŒnde sind, die aus einem zunĂ€chst arbeitssuchenden Wanderer den gewohnheitsmĂ€ĂŸigen Landstreicher werden lassen."6 Und Johann Galland war einer von ihnen.

Ab dem 1.4.1936 trat die neue Wanderordnung fĂŒr das Land Bayern in Kraft, die der SA-Mann Alarich Seidler, als GeschĂ€ftsfĂŒhrer des LVW. und mit UnterstĂŒtzung des erwĂ€hnten Innenministers Adolf Wagner und Dr. Walter Schultze, Leiter der Gesundheitsabteilung im Innenministerium, durchsetzen konnte. Schultze war ab 1940 auch maßgebend an der organisatorischen Umsetzung der ‚Euthanasie’-Mordaktionen in Bayern beteiligt. Mit der Wanderordnung wurden die beiden Arbeiterkolonien des Vereins fĂŒr Arbeiterkolonien in Bayern, HerzogsĂ€gmĂŒhle und Simonshof zu Einrichtungen des LVW.7 Die erklĂ€rte Absicht des LVW war es, gemĂ€ĂŸ der biopolitischen Ideologie des NS-Regimes „die Landstraßen in Bayern von unerwĂŒnschten Elementen zu sĂ€ubern, und zugleich den nationalsozialistischen Gedanken ‚FĂŒrsorge gegen Arbeit’ wahr zu machen."8 Durch EinschrĂ€nkung der FreizĂŒgigkeit und EinfĂŒhrung der Zwangsarbeit sollten die ‚arbeitswilligen und -einsatzfĂ€higen’ von den sogenannten gemeinschaftsschĂ€dlichen ‚asozialen’ Wanderern getrennt und in den Arbeitsmarkt wiedereingegliedert werden. In den Betriebsvorschriften von 1936 fĂŒr die Wanderhöfe hieß es: „Wer sich im Rahmen der erlassenen neuen Bestimmungen bewĂ€hrt, verdient die Hilfe des Staates, wer gegen diese Bestimmungen sich VerstĂ¶ĂŸe zu Schulden kommen lĂ€sst, muß rĂŒcksichtslos der höchstmöglichen Bestrafung zugefĂŒhrt werden."9 Das bedeutete die Einweisung und Vernichtung in einem der Konzentrationslager.

Ob Johann Galland diese Betriebsvorschriften kannte, ist nicht belegt. Allerdings ließ er sich Zeit auf seinem verordneten Weg in die Wanderhöfe. Kurz nach seiner Einweisung in den Simonshof, lief er von dort weg und ging zu seinem Bruder Thomas nach Bad Kissingen. Doch es half ihm nichts. Die Polizei fahndete nach ihm, vollstreckte Schutzhaft und ĂŒberstellte ihn am 25.5.1937 nach Abstimmung mit dem Bezirksamt Schongau in den Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle. Dort wurde er medizinisch und kriminalbiologisch untersucht. Dr. Weiß der Amtsarzt von Schongau, der auch fĂŒr den Wanderhof tĂ€tig war, stellte eine 50%-ige ArbeitsbeschrĂ€nktheit fest. In seiner FĂŒrsorgeakte finden sich von ihm wenige persönliche Zeugnisse. Eines davon ist folgende schriftliche Aussage kurz nach seiner Ankunft: „Seit 1919 ziehe ich in Deutschland umher. Meinen Lebensunterhalt habe ich mit Bettel u. meiner Rente bestritten. Von 1934 bis 1936 war ich im Arbeitshaus Braunweiler. Vor meiner Einlieferung habe ich das Rheinland durchwandert. In Königswinter a. Rh. Wurde ich dann verhaftet u. nach Braunweiter eingeliefert. Nach meiner Entlassung aus dem Arbeitshaus im Oktober 1936 wurde ich von der Bahnhofsmission in Köln zu meinem Vormund, Schlossermeister HarlĂ€nder nach Aschaffenburg, Erbsgasse 4 verbracht, der auch meine Rente in Empfang nimmt. Von da aus begab ich mich auf Wanderschaft nach Karlstadt – WĂŒrzburg – Seelingen – WĂŒrzburg. In WĂŒrzburg wurde ich verhaftet und in das GefĂ€ngnis eingeliefert. Im Januar 1937 kam ich von dort auf dem Schubwege in den Wanderhof Simonshof. Ende April bin ich aus demselben entlaufen, ich begab mich nach Bad Kissing, wurde aber dort verhaftet und in das GefĂ€ngnis eingeliefert Nach ca. 4 Wochen StrafverbĂŒĂŸung wurde ich auf dem Schubwege dem PolizeiprĂ€sidium MĂŒnchen ĂŒberstellt, Am 25. Mai bin ich mit Sammeltransport in den Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle verbracht worden.“

Weitere persönliche Spuren finden sich in Gestalt von Gesuchen um Urlaub, Vermittlung in Arbeit und Entlassung, die er in den folgenden vier Jahren seines Aufenthaltes an die Leitung des Landesverbandes, Alarich Seidler, die einweisenden Behörden oder die Betriebsleitung des Wanderhofs, Hans Lehner oder Johannes WildschĂŒtte stellte:

Am 7.5.1939 an den Herrn StandartenfĂŒhrer Seidler: „Ich bitte den Herrn StandartenfĂŒhrer um einen Urlaub von 14 Tagen nach NĂŒrnberg zu meiner Schwester, zu gleicher Zeit möchte ich auch meinen Verwandten in MĂŒnchen aufsuchen. Ich bin jetzt 2 Jahre auf dem Wanderhof und hĂ€tte daher auch das Verlangen meine Geschwister zu sehen. Bitte auch mir mit dem Verpflegungsgeld fĂŒr die Zeit zu helfen. Ihnen meinen Dank sagend, Heil Hitler“.

Am 19.9.1939 an die Wanderhofleitung: „Ich möchte freiwillig zum MilitĂ€r oder zu einem Bauern in Dienst, da ich schon 2 Jahre hier bin“

Am 17.2.1941 an das Amtsgericht Bad Kissingen: „Werter Vorstand! Auf Grund meiner Einlieferung in Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle von Kissingen möchte ich fragen, wie lange ich noch bleiben muß. Möchte bitten um baldige Mitteilung, da ich eine Stelle durch das Arbeitsamt Weilheim in Anspruch nehme oder ob ich hier zur Verwahrung verurteilt bin. Mit Gruß J. G., Hilfsarbeiter“

Direkte Antworten auf die Gesuche finden sich nicht im Akt. Aus anderen Unterlagen geht aber hervor, dass seinen Gesuchen um Entlassung und Arbeitsvermittlung nicht stattgegeben wurde. Überliefert sind einzig seine Person abwertende oder gar vernichtende Urteile der Aufseher und FĂŒrsorger. Einer von ihnen, Vinzenz Schöttl, Hausleiter vom Lindenhof, in dem Johann untergebracht war, schrieb am 19.9.1939: „Galland ist ein ausgesprochener Idiot, mit dem man ĂŒberhaupt nichts anfangen kann.“ Schöttl war ein SS-Wachmann, Angehöriger des SS-Totenkopfverbandes aus dem Konzentrationslager Dachau, der sich freiwillig fĂŒr den Dienst als FĂŒrsorger in der HerzogsĂ€gmĂŒhle gemeldet hatte. Ab Kriegsbeginn wurde er wieder zur SS eingezogen.10 Oft wurde Johann bestraft, da er sich kleine Freiheiten nahm, etwa, dass er sich in seiner Freizeit vom Wanderhof entfernt hatte, und dabei immer wieder zurĂŒckkommen war. Das widerspricht den ĂŒberwiegend sehr negativen Zuschreibungen, er sei verwirrt, völlig unselbstĂ€ndig und eine Last fĂŒr seine Umgebung. In Johanns FĂŒhrungsbogen finden sich aber auch wenige positive Bewertungen seiner Arbeit, wie „28.1.41: Torfwerk, Klausner, gut“.

Nach den erfolglosen Gesuchen um Arbeitsvermittlung, in denen er mit dem zu geringen Verdienst in HerzogsĂ€gmĂŒhle argumentierte, versuchte er zu fliehen, um anderswo in Arbeit zu kommen. Aufgrund seiner Behinderung und schwachen Konstitution hĂ€tte es ihm nur gelingen können, wenn ihn jemand aus seiner Familie aufgenommen hĂ€tte. Als man ihn bei seinem letzten Fluchtversuch des Diebstahls eines Fahrrads beschuldigte, nahm ihn die Polizei am 12.12.1942 in Haft. Es wurde Anklage gegen ihn erhoben und er wurde aufgrund seiner vorherigen Haftstrafen vom Amtsgericht Kempten seitens des Amtsrichters Amtsgerichtsrat Hahn am 18.5.1943 zur Sicherungsverwahrung verurteilt. Dass er aufgrund seiner EntmĂŒndigung nicht als zurechnungsfĂ€hig galt, half ihm nichts. In diesem Falle urteilte das Gericht entsprechend des § 42 b der ‚Maßregeln zur Sicherung und Besserung’, dass die Verwahrung bei UnzurechnungsfĂ€higkeit in einer Heil- und Pflegeanstalt erfolgen sollte. Das war nach der Einweisung ins Arbeitshaus im Jahr 1934 das zweite Mal, dass er als fĂŒr die Gesellschaft als ‚gefĂ€hrlicher Gewohnheitsverbrecher’ bewertet und verurteilt wurde. Amtsrichter Hahn sah diese GefĂ€hrlichkeit in dem angeblichen Diebstahl eines Herrenrades im Wert von ca. 60 RM und einer Tuchhose gegeben. Johann hatte diese laut Gerichtsprotokoll „nach Entweichen am 27. Oktober nach Bayreuth, [
] am 12.11.42 aus dem Gasthof zum Hirschen in Marktoberdorf aus dem Zimmer des ukrainischen Fremdarbeiters (Landarbeiters) Panasek [
] im Wert von 16 RM. entwendet.“ Dabei befanden sich noch mindestens ĂŒber 100 RM der angesparten Unfallrente auf dem Konto, das fĂŒr ihn angelegt worden war. Doch in der UrteilsbegrĂŒndung wurden all die bisherigen Strafen, die in Folge seiner Armut, Bettelei und Mundraub seit dem Kaiserreich erfolgten, und die er schon abgebĂŒĂŸt hatte, wieder herangezogen, um ihn als ‚erbbiologisch Minderwertigen’ fĂŒr immer von der Gesellschaft zu isolieren: „[
] nach Gutachten und der Aussage in der Hauptverhandlung des SachverstĂ€ndigen Medizinalrat Dr. Guilini v. 20.3.1943, (ist) G. aufgrund seiner GeistesschwĂ€che nicht fĂ€hig, das Unerlaubte seiner Tat einzusehen oder nach dieser Einsicht zu handeln; nach § 42 Einweisung des unzurechnungsfĂ€higen TĂ€ters in eine HPA, wenn die öffentliche Sicherheit dies verlangt. In diesem Fall 6 Strafen wegen Diebstahls u.a. schwerem, 5 Mal wurde das Verfahren wegen UnzurechnungsfĂ€higkeit eingestellt; wegen seiner triebhaften Neigung zu EigentumsverstĂ¶ĂŸen und seines stĂ€ndigen Herumvagabundierens – Vorstrafen wegen Bettelei und Landstreicherei – bildet er eine stĂ€ndige Gefahr fĂŒr die Volksgemeinschaft. Da bei seinem ungehemmten Wandertrieb ein Heimathof keinen genĂŒgenden Schutz bietet, erwies sich eine Unterbringung in einer geschlossenen Anstalt, nĂ€mlich in einer HPA als unabweisbares Erfordernis.“11 Vertreter der Staatsanwaltschaft war Gerichtsassessor Planer.

So kam Johann Galland nach mehr als fĂŒnf Monaten Haft am 3.6.1943 in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee. Der Wanderhof hatte sich damit der Last der drohenden Pflege eines nicht mehr arbeitsfĂ€higen Menschen entledigt, der immer wieder versuchte, seine Situation fĂŒr sich zu verbessern und sich selbstĂ€ndig im Leben zu halten.

In der Heil- und Pflegeanstalt – Chronik seines langsamen Todes

Bis zu seinem Tod im November 1944 finden sich nur wenige EintrĂ€ge in der Krankenakte ĂŒber sein Befinden und seinen Alltag. Die EintrĂ€ge Ă€hneln denen in HerzogsĂ€gmĂŒhle: Er war zu schwach fĂŒr körperliche Arbeit in der GĂ€rtnerei und im Holzhof, versuchte es aber bis zuletzt. Er wurde den Ärzten „bei der Visite durch hartnĂ€ckiges Fragen lĂ€stig“ (15.6.1943). Und er bat immer wieder um die RĂŒckĂŒberstellung nach HerzogsĂ€gmĂŒhle und konnte nicht verstehen, warum er in der Psychiatrie eingesperrt wurde. Die letzten drei EintrĂ€ge dokumentieren den steigenden psychischen und physischen Abbau seiner KrĂ€fte. Ab Oktober wurde er auf die Abteilungen C2 und C1 verlegt. Der Verdacht liegt nahe, dass ihm Nahrung und Pflege verwehrt wurde und als Opfer der dezentralen ‚Euthanasie’ Morde durch VernachlĂ€ssigung zu wĂŒrdigen ist.

20.10.44: musste nach C2 verlegt werden, war unrein, und unter den robusten Kranken in D3 gefĂ€hrdet, geht tagsĂŒber in den Holzhof, hat immer guten Willen, kann aber nicht viel leisten und wegen seiner Begriffsstutzigkeit auch wenig verwendet werden. Er ist von schwachsinniger Zutunlichkeit und Freundlichkeit

30.10.44: C1: Pat geht immer weiter zurĂŒck und zeigt heute alle Anzeichen einer schweren KreislaufschwĂ€che, Puls ist klein und sehr beschleunigt; im Gesicht haben sich ausgedehnte Ödeme gebildet.

14.11.44: Pat. Erholt sich nicht mehr. Es bildet sich ein großer Azites, die Ödeme gingen nicht mehr zurĂŒck, Pat. starb heute Morgen um 4 Uhr 55.

Die Sektion seines Leichnams durch Dr. Ottensen ergab, dass Johann zum Zeitpunkt seines Todes lediglich 42 kg wog. Bei seiner Einweisung waren es 45 kg bei seiner GrĂ¶ĂŸe von 1,55 Meter. Eineinhalb Jahre vorher, im Januar 1942 in HerzogsĂ€gmĂŒhle, wog er noch 57 kg. Die Untersuchung ergab zudem, dass Johann seit lĂ€ngerem an einer Lungen- und Bauchfell TBC litt. Im Vergleich mit den Angaben seiner Krankenakte der HPA Lohr, die vom Oktober bis Dezember 1918 stammten, könnte die dort erwĂ€hnten herausoperierten Lymphknoten aus seiner Achselhöhle auf die TBC verweisen.

Nachkriegszeit

Erst am 11.5.1946 wandte sich das Amtsgericht Schongau an den ehemaligen Verwaltungsmitarbeiter des LVW., Dr. Wolfgang Sandberger wegen des Vermögens von Johann Galland auf seinem Invalidenrentenkonto. Der LVW. hatte wĂ€hrend des Aufenthalts von Johann Galland seine Vormundschaft ĂŒbernommen. Etwas spĂ€ter am 24.5.1946 erhielt Friedrich Goller als neuer Leiter der HerzogsĂ€gmĂŒhle, nun unter der TrĂ€gerschaft der Inneren Mission, auf seine Anfrage an die HPA Kaufbeuren die Nachricht ĂŒber Gallands Tod am 14.11.1944. 

Quellen

Grundlage fĂŒr die Biografie von Johann Galland sind seine FĂŒrsorgeakte des Wanderhofs HerzogsĂ€gmĂŒhle und seine Krankenakte der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee.12 In beiden Akten finden sich auch Angaben ĂŒber wichtige Lebensabschnitte und Ereignisse: seine Kindheit in der Familie, als Soldat im Ersten Weltkrieg, der Aufenthalt in der Heil- und Pflegeanstalt Lohr im Jahr 1918, sein EntmĂŒndigungsverfahren, seine Zeit als Wanderarbeiter in den 20er Jahren. Die Informationen in den Dokumenten belegen die VerschĂ€rfungen der Repressionen gegen arme, kranke und behinderte Menschen, auch vollzogen von Wohlfahrt und Medizin in der NS-Zeit.

Quellen und Literaturnachweise zur Biografie von Johann Galland

1 LĂŒtgendorff, Willibald Leo v. (Hg.): Die Geigen und Lautenmacher vom Mittelalter bis zur Gegenwart, Bd. 1, Frankfurt a. M. 11904, [https://archive.org/stream/diegeigenundlau00vongoog/diegeigenundlau00vongoog_djvu.txt; letzter Aufruf 2.11.2025].

2 Vgl. Sachße, Tennstedt.

3 Vgl. RGBl. I, S. 83.

4 RGBl., Teil I, 1933, vgl. a. Gesetz zur VerhĂŒtung erbkranken Nachwuchses vom 14.7.1933 mit Auszug aus dem Gesetz gegen gefĂ€hrliche Gewohnheitsverbrecher und ĂŒber Maßregeln zur Sicherung und Besserung vom 24. 11.1933, bearbeitet und erlĂ€utert von Arthur GĂŒtt, Ernst RĂŒdin, Falk Ruttke, MĂŒnchen 1934.

5 Vgl. Ayaß 1984a, S.87. Vgl. Erlaß des Reichsministerium des Innern v. 1.6.33 u. Schreiben d. StdInn an die Regierungen v. 8.9.33, beide BayHStA RSH384.

6 Wandererstatistik, in: Soziale Praxis 45/26, 1936, Sp. 773-774.

7 Vgl. Eberle, Annette: HerzogsĂ€gmĂŒhle in der NS-Zeit, Peiting-Schongau 1994, s. Kapitel.

8 Vorwort zu den Betriebsvorschriften fĂŒr die Einrichtungen des bayerischen Wanderstraßennetzes im Anschluß an die Richtlinien des LVW vom 20.3.36, Archiv HerzogsĂ€gmĂŒhle, vgl. Seidler 1936.

9 Vorwort zu den Richtlinien fĂŒr den Vollzug der Min.Bek. 6750 g 15 vom 20.2.36, Archiv HerzogsĂ€gmĂŒhle.

10 Vinzenz Schöttl wurde fĂŒr seine Verbrechen in den Konzentrationslagern in den ersten Dachauer Kriegsverbrecherprozessen zum Tode verurteilt und in Landsberg hingerichtet, vgl. Eberle, Annette, „Mit dem FĂŒhrer durch dick und dĂŒnn“: SS-FĂŒrsorger, KZ-SchutzhaftlagerfĂŒhrer und Kriegsverbrecher Vinzenz Schöttl, in: Proske, Wolfgang (Hg.): TĂ€ter, Helfer Trittbrettfahrer, Oberbayern-Nord, Gerstetten (Kugelbergverlag) 2024, S. 295-307.

11 Urteil im Strafverfahren gegen Galland, Johann, Amtsgericht Kempten, 18.5.1943, in: Krankenakte der Hil- und Pfleganstalt Kaufbeuren-Irsee, Bezirksarchiv Schwaben (BA Sch), Krankenakte 1340.

12 Siehe FĂŒrsorgeakte HerzogsĂ€gmĂŒhle von Johann Galland, Landeskirchliche Archiv NĂŒrnberg (LKAN), Akten HerzogsĂ€gmĂŒhle, 9519; Krankenakte der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee von Johann Galland, Bezirksarchiv Schwaben (BA Sch), Krankenakte 1340.

Anton Leistle

von Fabian Leonhard

Anton Leistle (4.1.1908 - 20.5.1945)

14.1.1941 bis 22.8.1941 im Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle

22.8.1941 bis 20.5.1945 in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar

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Archiv Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Wehrpass Anton Leistles

Biogramm:

Anton Leistle wuchs in der NĂ€he von Kaufbeuren auf. Er absolvierte eine Ausbildung zum KĂ€semacher und arbeitete auch bis 1941 als solcher. Nachdem ausscheiden aus seinem letzten ArbeitsverhĂ€ltnis wurde er am nĂ€chsten Tag in den Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle eingewiesen. Dort wurde ihm ein „geistiger Defekt“ und „Schizophrenie“ diagnostiziert. Nach nur ein paar Monaten in HerzogsĂ€gmĂŒhle wurde er deshalb in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar eingewiesen, wo er bis ins Jahr 1945 untergebracht war. Dort verstarb er am 20.5.1945. Als Todesursache wurde in der Krankenakte „eitrige Bronchitis. Phlegmone des rechten Oberschenkels“ angegeben. 

Langfassung:

Anton Leistle wurde am 4.1.1908 in Denklingen bei Kaufbeuren geboren. Von 1928 bis 1931 absolvierte er eine Ausbildung zum KĂ€ser in MĂŒnchen. Bis ins Jahr 1941 war er auch als solcher BerufstĂ€tig. Sein letzter Arbeitgeber war die Milcherzeugnis-Firma Linke und Co. in Schongau, wo er bis zum 13.1.1941 beschĂ€ftigt war.1  Über seine FamilienverhĂ€ltnisse ist wenig bekannt: Er hatte einen Bruder, der einen eigenen Hof hatte, und eine uneheliche Tochter.

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Archiv Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Handschriftlicher Lebenslauf von Anton Leistle

Aufenthalt in HerzogsĂ€gmĂŒhle

Ab 1941 war er im Zentralwanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle eingewiesen. Weshalb er in den Wanderhof eingewiesen wurde, lĂ€sst sich aus seiner Akte nicht eindeutig beantworten. Es finden sich verschiedene Dokumente, die unterschiedliche GrĂŒnde nennen: In einem Einweisungsschreiben ausgestellt vom Landrat von Schongau (Dr. Moos) wurde die Einweisung aufgrund von „polizeilichen Unterkommenszwang“ angeordnet. Als BegrĂŒndung hierfĂŒr wurde AufgefĂŒhrt, dass Leistle “Unterkommenslos“ gewesen sei, keinen Nachweis ĂŒber geregelte Arbeit und auch keinen Nachweis ĂŒber den Versuch, diese zu bekommen, vorweisen hĂ€tte können. Außerdem sei er auch Vorbestraft gewesen. Deshalb, so die BegrĂŒndung der Behörden, musste er zum Schutz der öffentlichen Sicherheit zwangsuntergebracht werden.2
Im FĂŒhrungsbogen3 von Anton Leistle, der von den Verantwortlichen vor Ort ĂŒber ihn gefĂŒhrt wurde, wurde als Art des Zugangs allerdings „Freiwillig“ angegeben. Diese Angabe musste nicht bedeuten, dass eine Person sich wirklich freiwillig in das Zwangssystem begeben hatte. In vielen FĂ€llen wurden Menschen, die ĂŒber die FĂŒrsorge eingewiesen wurden, auch als ‚Freiwillige‘ gefĂŒhrt.4 Er selbst gab an, dass er durch die DAF (Deutsche Arbeitsfront) am 14.01.1941 in die HerzogsĂ€gmĂŒhle eingewiesen wurde.5

In seinem FĂŒhrungsbogen wurde außerdem angegeben, dass er fĂŒr alle Arbeiten geeignet und zu keinem Grad ArbeitseingeschrĂ€nkt gewesen sei. Auch, dass er keine Erkrankungen gehabt hĂ€tte; allerdings eine Anzeige „wegen Schwachsinns“ erstattet wurde. Ebenfalls wurde hier festgehalten, dass er keine Vorstrafen hĂ€tte. In diesem Dokument wurden auch kurze Berichte ĂŒber seine Arbeitsleistungen notiert: Anton Leistle hatte sich anfangs gut eingefunden, dann im Laufe seines Aufenthalts aber mehr und mehr Probleme gemacht. Schon kurz nach seiner Einweisung am 28.1.1941 wurde ihm ein „geistiger Defekt“ zugeschrieben. BegrĂŒndet wurde dies damit, dass er „oft unklare Anfragen an die Hausleitung“ gestellt hatte. Im April 1941 lautete ein Eintrag: „Sein geistiges Zustandsbild Ă€hnelt mehr und mehr dem eines Schizophrenen“.6

Am 27.3.1941 verfasste die Anstaltsleitung ein Brief an Anton Leistles Bruder Walter Leistle.7 In diesem wurde dem Bruder berichtet, dass Anton Nachts herumlĂ€uft und bei Angestellten nach Kleidung und Essen fragte. Außerdem soll er sich nicht in die Gemeinschaft integriert haben. Der gelernte KĂ€ser wollte lieber im KĂ€selager als im Bautrupp arbeiten (im Brief heißt es, dass es ein solches vor Ort nicht gab). Hieraus machten die Verantwortlichen aus HerzogsĂ€gmĂŒhle die Diagnose „Schwachsinn“. Anton Leistles Zustand sei aber nicht so schlimm, als dass er in eine Anstalt eingewiesen werden mĂŒsste. Stattdessen wurde Walter Leistle gefragt und gebeten, seinen Bruder bei sich zu beschĂ€ftigen und sich um ihn zu kĂŒmmern.

Am 2.4.1941 antwortete der Bruder von Anton Leistle auf die Anfrage. In diesem Schreiben schilderte der Bruder, dass er davon ausgeht, bald zum Krieg eingezogen zu werden. Sein Bruder (Anton) hĂ€tte in der Vergangenheit schon öfters gezeigt, dass er sich nicht fĂŒr die Landwirtschaft, sondern nur fĂŒrs KĂ€semachen interessiert hĂ€tte. Deshalb kann er ihn nicht zu sich holen; er hĂ€tte auch Angst, dass der Bruder in seiner Abwesenheit seiner Frau zur Belastung wird.
Er empfahl deshalb, seinen Bruder lieber zu einem KĂ€ser zu schicken, bei dem er dann auch wohnen solle. Eine mögliche schlechte Bezahlung sah der Bruder auch als kein Problem an, die Hauptsache fĂŒr ihn war, dass Anton versorgt wĂ€re.

Im Brief der Verantwortlichen der HerzogsĂ€gmĂŒhle vom 27.3.1941 wurde der Bruder auch gefragt, ob es Erbkrankheiten in der Familie gegeben habe. Er antwortete, dass es in der Familie keine Vorerkrankungen gab. Der Zustand seines Bruders, so seine Vermutung, kĂ€me durch einen Motorradunfall der zum Zeitpunkt des Schreibens sieben Jahre her gewesen war (also im Jahr 1934). Außerdem soll ihm das uneheliche Kind zu schaffen gemacht haben. Der Brief endete mit dem Satz: „Seit der Zeit stimmt es nicht mehr recht bei ihm“.

In der Akte finden sich keinerlei Selbstzeugnisse von Anton Leistle. Dementsprechend wissen wir heute nicht wie er diese Situation erlebt hatte und wie er sich im Zwangssystem gefĂŒhlt hatte. Seine Einweisung wirft viele Fragen auf: Aus welchen GrĂŒnden wurde er Eingewiesen? Die BegrĂŒndung des Beschlusses zum Polizeilichen Arbeitszwang gab an, er sei „Unterkommenslos“ und vorbestraft. Leistle wurde am 14.1.1941 eingewiesen: Bis zum 13.01.1941 war er aber noch bei Linke in Schongau beschĂ€ftigt (was durch sein Arbeitsbuch nachweisbar ist). In seinem FĂŒhrungsbogen wurde auch angegeben, dass er keine Vorstrafen gehabt hatte. Dies steht also im Wiederspruch zur BegrĂŒndung fĂŒr die behördliche Einweisung.

Wie sich Anton Leistle vor Ort verhalten hatte, kann aus den Mangel an Quellen nicht rekonstruiert werden. Die Hausordnung des Zentralwanderhofs sah aber bei kleinsten Abweichungen gegen das Strenge und ausschließlich auf Leistung basierendem System teils empfindlichste Strafen vor. So standen Taschengeldentzug, VersorgungsrationsentzĂŒge und auch Arreste auf der Tagesordnung fĂŒr die Insassen.8 Nicht selten waren betroffene Menschen also unterversorgt und dementsprechend Hungrig.

In der Akte finden sich Zeugnisse der verschiedenen Arbeitgeber Anton Leistles. Diese fielen durchweg positiv aus und es wurde ihm immer grĂŒndliche und fleißige Arbeit bescheinigt, seine Arbeitgeber waren immer mit seiner Leistung zufrieden. WĂ€hrend seiner Zeit in der HerzogsĂ€gmĂŒhle wurde er fĂŒr BautĂ€tigkeiten eingeteilt. Eine TĂ€tigkeit die also nicht seinem gelernten Beruf entsprach.

Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar

Am 22.8.1941 wurde Anton Leistle aufgrund der Diagnosen, die ihm in HerzogsĂ€gmĂŒhle gestellt wurden, in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar ĂŒberstellt. Dort wurde er zuerst auf der Station H3 untergebracht. In seiner Krankenakte gibt es kaum EintrĂ€ge, weshalb seine Zeit in der Anstalt nicht weiter rekonstruiert werden kann.

Am 19.5.1945, also nach der Kapitulation Deutschlands9, wurde er auf die Station 1BO verlegt. In der Krankenakte wurde vermerkt, dass er „in letzter Zeit stark abgemagert“ war. Schon am nĂ€chsten Tag (20.5.1945) wurde sein Tod festgestellt. Als Todesursache wurde „eitrige Bronchitis. Phlegmone des rechten Oberschenkels“ angegeben. Im Obduktionsbericht wurde auch noch einmal die Abmagerung dokumentiert.10 Anton Leistle verstarb im Alter von 37 Jahren.

Quellen und Literaturnachweise zur Biografie von Anton Leistle

Quellen:

Die zentralen Quellen fĂŒr die Rekonstruktion von Leistles leben sind die beiden FĂŒrsorgeakten aus HerzogsĂ€gmĂŒhle, sowie seine Krankenakte aus Eglfing-Haar. Alle Akten enthalten keine Ego-Dokumente von Anton. Es wurden vielmehr Berichte und Zuschreibungen der Ärzte und FĂŒrsorger ĂŒber ihn in den Akten gesammelt.

1 Vgl. Arbeitsbuch in den Personenakten: Landeskirchliches Archiv NĂŒrnberg (LkAN) 2006 und 9766.

2 Die Historikerin Annette Eberle ordnet diese Art der Einweisung wie folgt ein: „Der ‚Polizeiliche Arbeitsauftrag‘ lag den meisten EinweisungsbeschlĂŒssen fĂŒr den Wanderhof zugrunde und wurde durch das Zigeuner und Arbeitsscheuengesetz vom 26.7.1926 geregelt, das eine Einweisung in ein Arbeitshaus oder in eine FĂŒrsorgeeinrichtung mit Arbeitszwang bis zu 3 Jahren anordnen konnte“. Eberle, Annette: HerzogsĂ€gmĂŒhle in der Zeit des Nationalsozialismus. BeitrĂ€ge zur Geschichte der bayrischen Obdachlosenhilfe, Peiting 1994, S.56.

3 Der FĂŒhrungsbogen war einem Dokument in dem neben Angaben zur Person wie Geburtsdatum und -ort auch Angaben aus den Untersuchungen des Anstaltsarztes, wie ArbeitsfĂ€higkeit und Gesundheitszustand dokumentiert wurden. Auch finden sich dort oft Angaben zur Arbeitsleistung und des allgemeinen Benehmens der jeweiligen Person.

4 Eberle: HerzogsĂ€gmĂŒhle, S. 50ff.

5 Diese Angabe findet sich in der Akte Landeskirchliches Archiv NĂŒrnberg (LkAN) 2006. In einem „Fragebogen“ befindet sich auf der zweiten Seite ein Feld, das maschinell AusgefĂŒllt wurde. Formuliert ist es aus der Ich-Perspektive. Es wird aber nicht klar, ob Anton Leistle dies selbst getippt hat, oder ob ein Angestellter der HerzogsĂ€gmĂŒhle ihn befragt hat und seine Antworten dann abgetippt hat.

6 FĂŒhrungsbogen Anton Leistle, Landeskirchliches Archiv NĂŒrnberg (LkAN) 9766. Aus dem Dokument ist nicht klar ersichtlich, wer diese Aussage geschrieben hat. Der ZustĂ€ndige FĂŒrsorgeleiter war Josef Katzenberger – dieser war als FĂŒrsorger in HerzogsĂ€gmĂŒhle beschĂ€ftigt, vgl. Eberle: HerzogsĂ€gmĂŒhle, S. 120f. 

7 Der Brief wurde an Walter Leistle Adressiert. Das Antwortschreiben kam dann aber von einem Franz Leistle.

8 Eberle: HerzogsĂ€gmĂŒhle, S. 98-101.

9 Die US-Amerikaner hatten die Anstalt bereits am 2.5.1945 erreicht, Cranach, Michael v. / Gerrit Hohendorf: Nach dem Krieg, in: Cranach, Michael v. / Eberle, Annette / Hohendorf, Gerrit / von Tiedemann, Sibylle (Hg.): Gedenkbuch fĂŒr die MĂŒnchner Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“-Morde, Göttingen 2018, S. 155-167, hier: S. 155.

10 BezA Oberbayern: Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, Patientenakten 2943.

Wilhelm Blaas

von Fabian Leonhard

Wilhelm Blaas (geb. 10.12.1896, gest. 16.11.1941)

1.10.1940 – 31.5.1941 in HerzogsĂ€gmĂŒhle
31.5.1941 – 25.9.1941 in der Psychiatrischen UniversitĂ€tsklinik MĂŒnchen
25.9.1941 – 16.11.1941 in der Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar

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Archiv Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Handschriftlicher Lebenslauf von Wilhelm Blaas

Biogramm

Wilhelm Blaas war ab 1940 im Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle zwangseingewiesen. Hier wurde ihm eine „Schizophrenie“-Diagnose gestellt. 1941 wurde er von in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar verlegt, wo er kurze Zeit nach seiner Einweisung am 16.11.1941 verstarb.

Langfassung

Wilhelm Blaas wurde am 10.12.1896 in Bozen geboren. Er absolvierte das Gymnasium, „nahm dann in der Monarchie am Weltkrieg teil“; nach dem Krieg besuchte er bis 1922 die Handelshochschule in Mannheim und war anschließend bis 1934 in Italien als kaufmĂ€nnischer Angestellter tĂ€tig. Bis 1938 war er in Tirol und begab sich nach seiner „Optierung“1 im MĂ€rz 1940 nach MĂŒnchen. Dort arbeitete er erst als Hausbursche im KĂŒnstlerhaus, erkrankte dann aber und musste fĂŒr drei Monate ins Krankenhaus l. d. Isar. Im Juli 1940 wurde er in den „Hermann-Göringwerken“ bei Linz eingesetzt. Es ist unklar, ob dies freiwillig oder als Zwangsmaßnahme passierte. Er verweigerte dort die Arbeit und wurde dafĂŒr zwei Monate eingesperrt.2

Aufenthalt in HerzogsĂ€gmĂŒhle

Aus den Dokumenten, die in seinen Akten3 zusammengetragen wurden, geht hervor, dass er am 20.9.1940 in MĂŒnchen auf dem Arbeitsamt von der Polizei verhaftet und dann am 1.10.1940 in die HerzogsĂ€gmĂŒhle verbracht wurde.

FĂŒr Neuankömmlinge in HerzogsĂ€gmĂŒhle war es ĂŒblich, dass diese einen handschriftlichen Lebenslauf aufstellen mussten.4 Sie waren meist sehr kurz und enthielten nur die wichtigsten Informationen. So auch der von Wilhelm Blaas: Sein Vater Johann war in Amerika und anschließend Landwirt. 1919 starb sein Vater. Zu seiner Mutter schrieb er nichts. Im letzten Satz des Lebenslaufs beschrieb er noch, dass er keine Vorstrafen hat („Vortrafen habe ich keine“). Dieser letzte Halbsatz erklĂ€rt sich mit Blick auf das Bewertungssystem, durch welches die Insassen der HerzogsĂ€gmĂŒhle auf ihre ‚Brauchbarkeit‘ bewertet wurden: Die betroffenen Menschen wurden auf verschiedene Gesichtspunkte wie Vorstrafen, berufliche Qualifikation, Alter und physische Konstitution, aber auch ‚AsozialitĂ€t‘ bewertet. Dabei wurden auch von jedem Insassen ein Auszug aus dem jeweilige Strafregister angefordert.5

Über die WĂŒnsche, TrĂ€ume und Ziele von Wilhelm Blaas geben die Akten keine Auskunft. Auch nicht wie es ihm wĂ€hrend des Zwangsaufenthalt ging und welche Gedanken er hatte. Stattdessen zeigen und dokumentieren sie die menschenverachtende Ideologie des Nationalsozialismus.

Was ist Wilhelm Blaas widerfahren?

Blaas wurde bei seiner Ankunft vom Anstaltsarzt Dr. Lohse begutachtet. Hier wurde er auch auf seine LeistungsfĂ€higkeit bewertet – ein Prozedere, dass mit allen Neuankömmlingen gemacht wurde.6 Nach Meinung des Arztes war er zu 30% „arbeitsbeschrĂ€nkt“ und nur fĂŒr mittelschwere Arbeiten geeignet. Hieraufhin wurde er der GĂ€rtnerei zugeteilt.

Am 17.2.1941 rutschte Blaas bei der Arbeit auf einer gefrorenen FlĂ€che aus, stĂŒrzte und fiel auf seinen linken Arm. Zur Behandlung kam er auf das Krankenrevier. Neben der entsprechenden Behandlung, begutachtete der Anstaltsarzt Lohse Wilhelm Blaas erneut. Der Arzt sprach nun von einem „geistigen Defektzustand“ und vermutete „Schizophrenie“.

Bereits am 11.12.1940 wurde Blaas von Dr. Deußen untersucht. Dieser arbeitete fĂŒr die Deutsche Forschungsanstalt fĂŒr Psychiatrie (DFA) und fungierte dort als Leiter der Forschungsabteilung in HerzogsĂ€gmĂŒhle.7 Im Untersuchungsbericht wurde er als „Schizophrener Asozialer“ bezeichnet: Auf diffamierende Art und Weiße stufte der Arzt Wilhelm Blaas als geistig nicht ZurechnungsfĂ€hig ein. Im vier Seiten umfassenden Bericht wurde dies damit begrĂŒndet, dass Blaas sich wĂ€hrend der Untersuchung misstrauisch verhalten hatte, am Prozedere nicht teilnehmen wollte und seine Angaben zu seinem Lebenslauf fĂŒr den Arzt nicht schlĂŒssig wirkten.8
Am 22.2.1941 zeigte Dr. Lohse Wilhelm Blaas offiziell beim Amtsarzt in Weilheim an.

Einweisung in die Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, Krankenstation 1BO:

Auf DrĂ€ngen von Dr. Lohse wurde er in die Psychiatrische-UniversitĂ€tsklinik MĂŒnchen am 31.5.1941 zur weiteren Beobachtung ĂŒberstellt. Im Bericht aus der Klinik geht hervor, dass er sich in einem schlechten ErnĂ€hrungszustand befunden hatte. In der Klinik wurde an ihm mehrfach eine „Elektroschockbehandlung“ vollzogen. Bei einer Lungenuntersuchung wurde ihm in der Klinik auch eine „Lungentuberkulose“ diagnostiziert. Die Schizophrenie-Diagnose, welche schon in HerzogsĂ€gmĂŒhle gestellt worden war, wurde auch in der Klinik in MĂŒnchen bestĂ€tigt.9 Am 25.9.1941 wurde er deshalb in die nahe MĂŒnchen gelegene Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar verlegt.

In Eglfing-Haar wurde er auf der Krankenstation 1BO aufgenommen, u.a. eine Tuberkulosestation. In der Krankenakte wurde beschrieben, dass Wilhelm Blaas sich nicht kooperativ verhalten hĂ€tte.10 Am 10.11.1941 hieß es in einem Eintrag, dass er abmagern wĂŒrde. Sechs Tage spĂ€ter ist er dann am 16.11.1941 verstorben. Als Todesursache wurde in den Akten eine „Lungen-, Rippenfelltuberkulose“ festgehalten.11

Quellen und Literaturnachweise zur Biografie von Wilhelm Blaas

Quellen

Als Quellen fĂŒr die Rekonstruktion des Lebens von Wilhelm Blass können lediglich die beiden FĂŒrsorgeakten aus HerzogsĂ€gmĂŒhle sowie die Krankenakte aus Eglfing-Haar herangezogen werden.

1 Die "Option" war eine zwischen der faschistischen Regierung Italiens und der nationalsozialistischen Regierung ausgehandelte Wahlmöglichkeit die die deutschsprachige Bevölkerung SĂŒdtirols treffen musste. Entweder diese entschieden sich fĂŒr einen Verbleib in Italien oder sie entschieden sich fĂŒr die deutsche StaatsbĂŒrgerschaft und damit auch die Emigration: vgl. Die Option in SĂŒdtirol: https://diverkstatt.it/die-option-in-sudtirol-le-opzioni-in-sudtirolo/ (zuletzt am 10.12.2025).

2 Handschriftlicher Lebenslauf, Personenakte Wilhelm Blass, Landeskirchliches Archiv NĂŒrnberg (LkAN) 10287.

3 Akten Wilhelm Blaas Landeskirchliches Archiv NĂŒrnberg (LkAN) 2751 und 10287.

4 Eberle, Annette: HerzogsĂ€gmĂŒhle in der Zeit des Nationalsozialismus. BeitrĂ€ge zur Geschichte der bayrischen Obdachlosenhilfe, Peiting 1994, S. 69. 

5 Ebenda, S. 67f.

6 Ebenda, S. 68.

7 Ebenda, S. 75.

8 Der Bericht liegt der Personenakte Nr. 10287 bei. Welchen Einfluss diese Beurteilung auf das Schicksal von Wilhelm hatte ist unklar. Die Historikerin Annette Eberle beschreibt, dass die meisten Gutachten der Psychiater des DFA keinen direkten Einfluss auf die Behandlung der jeweils betroffenen Menschen hatten: „Die psychiatrischen Gutachten erfĂŒllten mehr wissenschaftliche Zwecke fĂŒr die ForschungstĂ€tigkeit der Psychiater, als daß sie Entscheidungsbefugnisse in Hinblick auf das weitere Vorgehen gegen die Menschen in HerzogsĂ€gmĂŒhle hatten“, Ebenda, S. 75.

9 BezA Oberbayern: Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, Patientenakten 436.

10 Ebenda.

11 Ebenda.

Therese N.

von M. Magdalena Nunhöfer

Therese N. (geb. 18.10.1892 in Hittisau/Österreich, gest. 28.2.1958 in Kaufbeuren)

4.4.1939 bis 24.1.1942 im Wanderhof Bischofsried

13.2.1942 Überstellung in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irrsee

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Institut fĂŒr Zeitgeschichte

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Therese N.

Biogramm

Therese N. kam in einer kleinen Gemeinde im Vorarlberg zur Welt und wuchs in Ă€rmlichen VerhĂ€ltnissen bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf. Nach der Schule verdiente sich Therese als landwirtschaftliche Magd ihren Lebensunterhalt. Ab den 1920er Jahren hĂ€uften sich Verurteilungen u.a. wegen ‚Bettelei‘ und ‚Vagabundieren‘, die zu geringen Haftstrafen fĂŒhrten. Immer wieder brachte man sie per Schub in das Armenhaus ihrer Heimatgemeinde Hittisau, in dem auch ihre Mutter lebte.1 Nach einem zweijĂ€hrigen Aufenthalt in der Pflegeanstalt Valduna Rankweil (1936-38), wurde sie wenige Monaten nach der Entlassung in Kempten wegen ‚Bettelns und Landstreicherei‘ verurteilt sowie unter polizeilichen Arbeitszwang gestellt.2 Am 4.4.1939 ĂŒberwies man sie im Alter von 46 Jahren in den Wanderhof Bischofsried. Diesem entwich sie dreimal bis sie am 24.1.1942 „wegen ihrer HilfsbedĂŒrftigkeit“3 in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren ĂŒberstellt wurde. Dass Therese dort u.a. als brauchbare Arbeiterin eingeschĂ€tzt wurde, rettete sie davor Opfer der Krankenmorde zu werden, und sie starb in der Nachkriegszeit am 28.2.1958 in Kaufbeuren.

Langfassung

Therese N. kam am 18.10.1892 als uneheliches Kind der WĂ€scherin Magdalena N. in einer kleinen Gemeinde im Vorarlberg zur Welt. Der Vater war unbekannt und wurde in den Akten als „durchziehender Handwerksbursche“4 beschrieben. Sie besuchte die Volksschule bis zur vierten Klasse, aus der sie entlassen wurde und war von da an als landwirtschaftliche Arbeitskraft und Dienstmagd tĂ€tig. FĂŒr Landarbeiter mit geringer Schulbildung und ohne berufliche Ausbildung blieb die saisonale Arbeit oft die einzige Möglichkeit den Lebensunterhalt zu sichern. Sie zogen von Hof zu Hof und boten ihre Arbeitskraft gegen Entgelt an. Doch aufgrund instabiler Nachfrage auf dem landwirtschaftlichen Arbeitsmarkt, war eine langfristige Anstellung kaum möglich. Oft fĂŒhrten die kargen Löhne, die Saisonarbeit und körperliche Gebrechen zu Armut.5

Mit 22 Jahren erhielt Therese N. das erste Mal einen Eintrag in das Strafregister: Am 29. Juli 1915 wurde sie vom Amtsgericht Kempten wegen ‚Gewerbsunzucht‘ zu drei Wochen Haft verurteilt. Bereits vor der NS-Zeit wurden Frauen wegen ihres sittlichen Auftretens stigmatisiert und strafrechtlich verfolgt.6 Ab Thereses 30. Lebensjahr folgten im Laufe der Jahre 1923 bis 1935 insgesamt 32 weitere EintrĂ€ge in das Strafregister wegen unterschiedlicher Delikte: Therese wurde mehrmals wegen ‚Gewerbsunzucht‘, ‚Bettelns‘ und ‚Landstreicherei‘ verurteilt. ZusĂ€tzlich kamen Verurteilungen hinzu wegen GrenzĂŒberschreitung und unerlaubter RĂŒckkehr in ihr untersagte Gebiete. Dabei reichten die Strafen von einem Tag bis zu sechs Wochen Haft.7 Die kurze Dauer der Haftaufenthalte zeigt auf, dass es sich um Trivialdelikte handelte und waren eher Ausdruck eines Lebens in Not, ohne soziale Absicherung und am Rande der Gesellschaft. Therese bewegte sich dabei ĂŒberwiegend in einem eng begrenzten geografischen Raum rund um das Vorarlberger Grenzgebiet der umliegenden Gemeinden im Bregenzerwald sowie dem AllgĂ€uer Raum.

Immer wieder wurde Therese N. im Gemeindehaus ihrer Heimatgemeinde Hittisau versorgt, da sie laut Akte „mittel- und unterkommenslos“8 war. Möglicherweise machte ihr eine Fehlbildung am Fuß, die zu VerkrĂŒmmung der Zehen fĂŒhrte, Schwierigkeiten körperlich anstrengende Arbeit im Stehen durchzufĂŒhren. Die Fehlbildung des Fußes wurde zwar in den Akten erfasst, allerdings nicht weiter als BegrĂŒndung beachtet, sie in irgendeiner Weise zu unterstĂŒtzen. Die Feststellung diente lediglich der Beurteilung ihrer ArbeitsfĂ€higkeit.

Wegen Konflikten im Gemeindehaus Hittisau wurde Therese N. am 29.1.1936 im Alter von 43 Jahren in die Pflegeanstalt Valduna Rankweil in Vorarlberg wegen angeblich „vererblichen Schwachsinns“ untergebracht.9 Thereses Einweisung fĂ€llt in eine Zeit, in der sich Sanktionierung von Armut und sozialer Abweichung in Österreich spĂŒrbar verschĂ€rfte. Obwohl Österreich noch nicht unter nationalsozialistischer Herrschaft stand, setzten die austrofaschistischen Regierungen (1933-1938) verschĂ€rfte Maßnahmen zur sozialpolitischen Kontrolle durch.10 Im August 1936 entmĂŒndigte das Bezirksgericht Bezau Therese aufgrund des Gutachtens des Feldkircher Amtsarztes Ludwig MĂŒller, der ihr einen „verstandesmĂ€ĂŸigen und moralischen Schwachsinn“11 attestierte und diesen als dauerhaft und nicht heilbar einstufte. FĂŒr Therese bedeutete dieses Urteil mehr als nur eine medizinische Zuschreibung: Es entschied ĂŒber ihr Leben. Mit der Diagnose galt sie als unfĂ€hig selbst zu bestimmen, sie wurde entmĂŒndigt und ihr Leben dauerhaft fremdbestimmt. Jede Handlung konnte nun als Symptom einer Krankheit interpretiert werden, Widerstand als ‚Unruhe‘, Angst als ‚Wahn‘ diagnostiziert werden und diente so der BeweisfĂŒhrung ihrer Einlieferung und Verwahrung. Nach fast drei Jahren Aufenthalt entwich Therese am 7.11.1938 aus der Pflegeanstalt, kehrte in ihren Heimatort Hittisau zurĂŒck, und wurde bald darauf erneut in dem dortigen Gemeindehaus untergebracht. Nach zwei Monaten floh Therese aus diesem und wurde nach acht Tagen in Kempten im AllgĂ€u aufgegriffen. Bei ihrer polizeilichen Vernehmung gab sie an, dass sie wegen schlechter Behandlung entlaufen sei. Seit MĂ€rz 1938 war Österreich Teil des nationalsozialistischen Deutschen Reichs und auch Therese kam nun in den Wirkungsbereich des NS-Regimes.

Das Amtsgericht Kempten verurteilte sie am 15.2.1939 zu sechs Wochen Haft wegen „Bettelns und Landstreicherei“. Grundlage dafĂŒr war das bayerische ‚Zigeuner- und Arbeitsscheuengesetz‘ aus dem Jahre 1926. Ebenfalls entschloss der OberbĂŒrgermeister der Stadt Kempten, dass Therese nach der Haftentlassung „wegen Arbeitsscheue und Landstreicherei dem polizeilichen Arbeitszwang unterstellt und zur fĂŒrsorgerischen Betreuung durch den Landesverband fĂŒr Wanderdienst in den Heimathof Bischofsried bei Diessen am Ammersee eingewiesen“12 wird. Am 4.4.1939 wurde Therese N. im Alter von 46 Jahren mit einem Sammeltransport ĂŒber das PolizeiprĂ€sidium MĂŒnchen in den Wanderhof Bischofsried ĂŒberstellt. Die Einrichtung diente seit 1938 der fĂŒrsorglichen Umerziehung zur Arbeit und Bewahrung von Frauen, „die die Arbeit beharrlich ablehnen oder [
] infolge sittlichen Verschuldens selbst der öffentlichen FĂŒrsorge anheimfallen.“13

Alle in den Wanderhof eingewiesenen Personen mussten sich bei Eintritt einer amtsĂ€rztlichen Untersuchung unterziehen, in denen die ArbeitsfĂ€higkeit festgestellt werden soll. Bei Therese N. wurde aufgrund ihres verkrĂŒmmten Fußes eine ArbeitsbeschrĂ€nktheit von 50 % attestiert. Im ersten Jahr ihres fast dreijĂ€hrigen Aufenthaltes in Bischofsried entlief Therese dreimal. Das erste Mal kehrte sie von selbst nach zwei Tagen in den Wanderhof zurĂŒck. Das zweite Mal wurde sie nach einigen Tagen auf der Flucht in Wessobrunn verhaftet und musste fĂŒr zwölf Tage in Polizeihaft nach Weilheim. In ihrer Vernehmung gab sie bei der Polizei an, dass ihr die schweren Bedingungen im Wanderhof nicht gut gefallen haben und sie sich deshalb auf Wanderschaft mit unbekanntem Ziel gemacht habe. Um nicht betteln zu mĂŒssen, habe sie zeitweise Beeren gepflĂŒckt, diese verkauft, um davon Brot zu erwerben.14 Nachdem sie ihre Strafe abgesessen hatte, wurde sie erneut in den Wanderhof eingewiesen und musste dort zusĂ€tzlich zur Strafe fĂŒr einige Tage in die Arrestzelle. In ihrer Personenakte wurde vermerkt, dass Therese wĂ€hrend des Arrests einen Anfall erlitt, der zu AngstzustĂ€nden, Verwirrtheit und schließlich zu einer Starre fĂŒhrte. Nachdem sich ihr Zustand nach zwei Monaten verbessert hatte, wurde sie am 20.10.1939 in Arbeit zu einem Bauern in Dettenschwang, NĂ€he Bischofsried, vermittelt. Nach vier Wochen kehrte sie zum Wanderhof zurĂŒck: Die körperlichen Belastungen und Anforderungen waren fĂŒr sie nicht zu bewĂ€ltigen. Sie gab an, dass sich alles in ihrem Kopf drehen wĂŒrde und die Arbeit zu schwer sei.15

Anfang MĂ€rz des Jahres 1940 entwich Therese erneut, kehrte aber nach acht Tagen mit schweren Erfrierungen an den FĂŒĂŸen in den Wanderhof zurĂŒck. Beide FĂŒĂŸe wurden so stark geschĂ€digt, dass man den rechten Fuß ganz, am linken alle Zehen amputierte. Fortan war sie pflegebedĂŒrftig, meist bettlĂ€gerig und wurde durch den Anstaltsarzt als dauerhaft arbeitsunfĂ€hig erfasst. Die Berichte beschrieben sie nun fast ausschließlich in abwertenden Begriffen: „schwachsinnig“, „arbeitsscheu“, „psychisch auffĂ€llig“. Da Therese nicht mehr in das Konzept von ‚Arbeitserziehung‘ des Wanderhofs Bischofsried passte, wurde sie am 13.2.1942 in die Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren verlegt. Die Angestellten des Wanderhofs Bischofsried wussten sehr wohl, was die Verlegung nach Kaufbeuren fĂŒr Therese N. bedeuten konnte. WĂ€hrend der Zeit des Nationalsozialismus starben in der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren-Irsee ĂŒber 2.500 Menschen eines gewaltsamen Todes. Die Anstalt war zwischen 1939 und 1945 aktiv an den Krankenmorden, der Tötung von psychisch und körperlich behinderten Menschen, beteiligt.16

Ein Blick in die Krankenakte, die im Bezirksarchiv Schwaben erhalten ist, zeigt, dass sie wĂ€hrend des Krieges in verschiedenen Arbeitsbereichen (u.a. KĂŒche und NĂ€hzimmer) in der Heil- und Pflegeanstalt eingesetzt wurde. Dort wurde sie als „brauchbar“ und „reinlich“ beschrieben.17 Therese N. ĂŒberlebte die NS-Zeit. Es ist anzunehmen, dass ihre als ‚nĂŒtzlich‘ eingeschĂ€tzte ArbeitsfĂ€higkeit dazu beitrug, dass sie den systematischen Tötungsmaßnahmen der Anstalt nicht zum Opfer fiel. Nach Kriegsende blieb Therese N. dauerhaft auf Pflege angewiesen. Im Jahr 1948 erklĂ€rte sich Thereses Heimatgemeinde Hittisau bereit, sie im Armenhaus aufzunehmen: „[J]edoch war die Kurandin in frĂŒheren Jahren nicht sehr folgsam und legt die Gemeinde Wert darauf, die Überstellung noch möglichst hinaus zu schieben.“18 Laut Krankenakte verstarb Therese N. am 28.2.1958 im Alter von 66 Jahren in Kaufbeuren.

Quellen

Die Rekonstruktion der Verfolgungsgeschichte von Therese N. beruht fast ausschließlich auf den Dokumenten, die der FĂŒrsorgeakte des Wanderhofs Bischofsried19, sowie der Krankenakte der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren20 entnommen worden sind. In den Akten befinden sich keinerlei Dokumente, die Therese selbst verfasst hat, sondern ausschließlich verwaltungstechnische Unterlagen, psychiatrische Beurteilungen und diffamierende FĂŒhrungsberichte. Die ĂŒberlieferten Papiere geben daher keinen Einblick in Thereses eigene Perspektive, ihre Wertvorstellungen, WĂŒnsche oder ihre Persönlichkeit. Auch Informationen zu Thereses Kindheit, Jugend und familiĂ€rem Umfeld sind in den Akten kaum vorhanden. Vielmehr spiegeln die Dokumente den Blick der Behörden wider, der geprĂ€gt war von Kontrolle, Abwertung und Stigmatisierung, sodass ihr Leben nur bruchstĂŒckhaft durch fremde Zuschreibungen vermittelt wird. Therese N. fĂŒhrte ein Leben am Rand der Gesellschaft. Ihre Geschichte, wie sie in den Dokumenten ĂŒberliefert ist, erzĂ€hlt von Armut, Krankheit, Fremdbestimmung und dem Versuch, sich immer wieder den ZwĂ€ngen zu entziehen.

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Institut fĂŒr Zeitgeschichte

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Vom Leben Therese N.s zeugen nur noch die Akten des Systems, dessen Opfer sie wurde.

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Institut fĂŒr Zeitgeschichte

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Vom Leben Therese N.s zeugen nur noch die Akten des Systems, dessen Opfer sie wurde.


Quellen und Literaturnachweise zur Biografie von Therese N.

1 Vgl. Biografie Theresia N. in: Kiermayr, Gernot: Warum musste Oswald Schwendinger sterben? Die Verfolgung der „Gemeinschaftsfremden“ in Vorarlberg im Nationalsozialismus, Bregenz 2023, S. 87-91.

2 Vgl. Entschließung des OberbĂŒrgermeisters der Stadt Kempten, Polizeilicher Arbeitszwang, 17.3.1939, Archiv Institut fĂŒr Zeitgeschichte (AIfZ), ED 728-657.

3 Vgl. Schreiben der Anstaltsleitung (Ludwig HÀgele) an das Amtsgericht Bezau Abt. 1, 17.2.42, ebenda.

4 Vgl. Dr. Katharina Hell, Psychiatrisches Gutachten ĂŒber Therese N., 23.2.1942, ebenda.

5 Vgl. Eberle, Annette: HerzogsĂ€gmĂŒhle in der Zeit des Nationalsozialismus. BeitrĂ€ge zur Geschichte der bayerischen Obdachlosenhilfe,  Peiting 1994, S. 11-20.

6 Siehe hierzu: Amesberger et. al: Stigma Asozial. Geschlechtsspezifische Zuschreibungen, behördliche Routinen und Orte der Verfolgung im Nationalsozialismus, Wien/Berlin 2020.

7 Vgl. Auszug aus dem Strafregister, Therese N., Kriminalpolizeileitstelle Wien, 20.3.1939, AIfZ, ED 728-657.

8 Vgl. Entschließung des OberbĂŒrgermeisters der Stadt Kempten, Polizeilicher Arbeitszwang, 17.3.1939, ebenda.

9 Vgl. Brief des BĂŒrgermeisters des Marktes Rankweil an den bayerischen Landesverband fĂŒr Wander- und Heimatdienst, 4.8.1939, ebenda.

10 Mehr dazu vgl. z.B. Kiermayr, Gernot: Die Verfolgung der „Gemeinschaftsfremden“ in Vorarlberg im Nationalsozialismus (s. Anm. 1), S. 32-35.

11 Vorarlberger Landesarchiv, P 69/36, zitiert nach ebenda, S. 88.

12 Entschließung des OberbĂŒrgermeisters der Stadt Kempten, Polizeilicher Arbeitszwang, 17.3.1939, AIfZ, ED 728-657.

13 Vgl. hierzu Eberle Annette: Erziehung zur Arbeit als Ziel nationalsozialistischer ZwangsfĂŒrsorge. „Asoziale“ Frauen im Wanderhof Bischofsried. In: Benz, Wolfgang und Distel Barbara (Hg.): Zwangsarbeit, in: Dachauer Hefte, Dachau 2000, S. 87-111.

14 Vgl. Protokoll der vorlÀufigen Festnahme, Gendarmerie Wessobrunn, Kreis Weilheim, 9.9.1939, ebenda.

15 Vgl. FĂŒhrungsbogen, 19.12.39, ebenda.

16 Vgl. Schmidt, Martin et. al: Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, in: Cranach, Michael von und Siemen, Hans-Ludwig (Hg.): Psychiatrie im Nationalsozialismus. Die bayerischen Heil- und Pflegeanstalten wĂ€hrend des Nationalsozialismus, MĂŒnchen 1999, S. 265-326.

17 Vgl. Bezirksarchiv Schwaben, Hist. Bestand BHK Kaufbeuren, Krankenakte Therese N., Akten Nr. 121 569.

18 BĂŒrgermeister an Bezirksgericht Bezau, 7.10.1948, Vorarlberger Landesarchiv P 69/36, zitiert nach Kiermayr, Gernot: Die Verfolgung der „Gemeinschaftsfremden“ in Vorarlberg im Nationalsozialismus (s. Anm. 1), S. 91.

19 Personenakte des Landesverbandes fĂŒr Wander- und Heimatdienstes, Therese N., Archiv Institut fĂŒr Zeitgeschichte (AIfZ) MĂŒnchen, ED 728-657.

20 Krankenakte der Heil- und Pflegeanstalt Kaufbeuren, Bezirksarchiv Schwaben, Hist. Bestand BHK Kaufbeuren, Krankenakte Therese N., Akten Nr. 121 569.

Josef Mair

von Babette MĂŒller-GrĂ€per

Josef Mair (geb. am 08.03.1917 in Mittendorf (Oberösterreich), ermordet am 17.02.1942 in Hartheim) 

landwirtschaftlicher Hilfsarbeiter

Opfer der Aktion „14f13“

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LKA NĂŒrnberg, Nr. 9231, fol. 69

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Josef Mair

Josef Mair wurde am 08.03.1917 in Mittendorf bei Linz geboren, als Sohn des Hilfsarbeiters Lukas Mair und dessen Frau Franziska, geborene Wallner, beide wohnhaft in Pettenbach bei Linz.

Josef Mair war ledig und katholisch. Von Beruf war er landwirtschaftlicher Arbeiter und Hilfsarbeiter, er konnte aber aufgrund eines Muskelleidens mit der Diagnose Muskelschwund, keine schweren oder lĂ€ngeren Arbeiten verrichten. Er hatte daher nur kurze wenige Tage wĂ€hrende- oft abgebrochene ArbeitsverhĂ€ltnisse, wohnte bei den Eltern und war auf WohlfahrtsunterstĂŒtzung angewiesen. Zudem gibt er an, Holzschuhe angefertigt zu haben. 1937 wurde er wegen “Raufhandels“ vorbestraft und musste einen 24 stĂŒndigen Arrest absitzen.1

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https://collections.arolsen-archives.org/de/document/10701049

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Schreibstubenkarte Arolsen Archives

Nach der vorzeitigen Beendigung einer Arbeit bei einem Bauer, wurde er von der Polizei Linz verhaftet und ab 24.01.1940 im Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle unter „polizeilichem Arbeitszwang“ eingewiesen, hier heißt es weiter:

„Der Genannte ist unterkommenslos; auch der Nachweis geregelter Arbeit oder ernstlicher BemĂŒhung um Arbeit kann er nicht bringen. Er ist außerdem vorbestraft...Die öffentliche Sicherheit und die VerhĂŒtung kĂŒnftiger FĂŒrsorgekosten erfordern die Entfernung solcher Personen von der Landstraße durch VerfĂŒgung des polizeilichen Unterkommens- und Arbeitszwangs“.2

Von 1936 bis 1945 stand die FĂŒrsorgeeinrichtung HerzogsĂ€gmĂŒhle unter der TrĂ€gerschaft des Landesverbandes fĂŒr Wander- und Heimatdienst. Angegliedert an das Innenministerium diente der Wanderhof der Gesundheitspolitik des „Ausmerzens“. Hier wurden Menschen, die in der NS-Zeit mit den Zuschreibungen "asozial" oder "gemeinschaftsfremd" versehen waren, gegen ihren Willen untergebracht und zur Arbeit gezwungen. Circa 5000 MĂ€nner und Jugendliche waren zwangsuntergebracht, 430 von ihnen fanden den Tod.3

Auch der Halbbruder von Josef Mair, Alois W., wurde zwangseingewiesen, konnte sich aber durch Einberufung zur Wehrmacht, aus der Anstalt befreien. Im Ă€rztlichen Gutachten von Amtsarzt Dr. Lohse wird Josef Mair als „50% arbeitsbeschrĂ€nkt“ diagnostiziert.4 Im Bericht von Dr. Deußen vom 27.03.1940 heißt es bereits zu diesem Zeitpunkt in der Beschreibung ĂŒber Josef Mair: „Willens- und leistungsschwacher, körperbehinderte Persönlichkeit. Muskel- Dystrophie“.

FĂŒr Josef Mair schreiben der Vater Lukas Mair und der Ortssozialverwalter Franz Kurzböck in Viechtwang, Briefe mit der Bitte um Entlassung aus der Anstalt. Diese werden abgelehnt.5

Ein Bericht des Landesverbandes fĂŒr Wander- und Heimatdienst vom 05.12.1940 an den BezirksfĂŒrsorgeverband Kirchdorf beschreibt Josef Mair wie folgt:

„Bei Mair handelt es sich um einen Mann, der laut Gutachten unseres Psychiaters infolge seiner Körperbehinderung angewiesen ist, ein mehr oder weniger parasitĂ€res Leben zu fĂŒhren. Mayr zeigt offensichtlichen Wiederwillen gegen jede auch die leichteste Arbeit. Seine Arbeitsscheue kennzeichnet sich deutlich
Ein Arbeitseinsatz dĂŒrfte undurchfĂŒhrbar sein.“6

Er galt damit als nicht mehr arbeitsfĂ€hig, was fĂŒr ihn den Tod bedeutete. Nach mehrmaligem Entlaufen wird Josef Mair am 28.08.1941 ins KZ Dachau mit der Haftnummer 27055 eingewiesen. Er wurde in Block 13, Stube 4 untergebracht. Viel mehr wissen wir ĂŒber seine Haftzeit dort und wie es ihm ging, nicht.

Am 17.02.1942 wurde Josef Mair mit dem „Invalidentransport“ von Dachau aus in die Tötungsanstalt Hartheim bei Linz gebracht und dort am selben Tag ermordet. Die Sterbedaten wurden gefĂ€lscht. Alle in Hartheim ermordeten starben offiziell in den jeweiligen Stammlagern.7

Josef Mair ist mit 25 Jahren ein Opfer der Mordaktion „Aktion 14f13“ gegen sogenannte „Invalide“, die als nicht mehr arbeitsfĂ€hig von Medizinern selektiert und in der „Euthanasie“-Tötungsanstalt Hartheim vergast wurden.8

Transfer

In HerzogsĂ€gmĂŒhle wird Josef Mair seit 2019 auf dem Denkmal „Ort der Erinnerung“ und im Gedenkbuch namentlich, mit Geburtsdatum, Sterbedatum sowie dem Todesort, genannt und erinnert.9

Im wissenschaftlichen Oberseminar der Jahre 2022 bis 2024 in Kooperation mit dem Welfen Gymnasium Schongau wurde seine Biografie, als eine von 13 Seminararbeiten ĂŒber einzelne Opfer und Verfolgte, ausfĂŒhrlich aufgearbeitet. Anhand von Originaldokumenten sollten die SchĂŒler Biografien von Opfern der NS-Gesundheitspolitik recherchieren und erstellen. Die Quellen stammen hierfĂŒr vom Landesverband fĂŒr Wander- und Heimatdienst, u.a. aus dem Zentralwanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle und den Wanderhof fĂŒr Frauen in Bischofsried/ Dießen. Das W-Seminar unternahm auch eine archivpĂ€dagogische Exkursion ins Institut fĂŒr Zeitgeschichte nach MĂŒnchen, auch um dort personenbezogene Akten fĂŒr ihre Seminararbeiten im Original einsehen zu können. Den Abschluss des W-Seminars bildeten die 13 Seminararbeiten der SchĂŒler sowie die Gedenkfeier „SchĂŒler erinnern“ in HerzogsĂ€gmĂŒhle am 23. Januar 2024, initiiert durch das SchĂŒlerseminar selbst.

Zudem konnten zwei Seminararbeit von SchĂŒlerinnen im Welf 2024, der Jahreszeitschrift des Historischen Vereins Schongau, veröffentlicht werden.10 Sarah Faltis schreibt hier ĂŒber die Konzeption ihrer Seminararbeit und den Spuren von Josef Mair:

„In der intensiven Auseinandersetzung mit den Akten und der Forschung zu meinem Thema wurde mir zunehmend bewusst, dass dies mehr als nur eine akademische Übung war. Es ging darum, das Leben des Josef Mair (
) als Erinnerung aufzuarbeiten. Es war eine schmerzhafte, aber unvermeidliche Reise, die mir die RealitĂ€t und das ungeheurere Leid der Opfer der nationalsozialistischen Zeit vor Augen fĂŒhrte. WĂ€hrend ich diese Akten durchging, fĂŒhlte ich mich oft unwohl, aber mein Seminarlehrer Walter Ludwig, erinnerte mich daran, dass wir dies in Respekt vor dem Leben dieser MĂ€nner und Frauen tun. Unsere Forschungsarbeit diente dazu, ihr Andenken zu bewahren und sicherzustellen, dass ihre Geschichten nicht vergessen werden."11

Quellen und Literaturnachweise zu Josef Mair

1 Vorliegend sind die Akten des landeskirchlichen Archivs, personenbezogene Akte Josef Mair, LkAN 9231 und LkAN 3147, ĂŒber den Aufenthalt im Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle. Diese stellen TĂ€terakten dar, es gibt kaum eigene Überlieferungen von Josef Mair selbst (handschriftlicher Lebenslauf und Brief/ Eingabe).

2 LkAN 3147: Dokument Beschluss Polizeilicher Arbeitszwang, Landrat Schongau, PAA 2289, vom 10.2.1941.

3 Vgl. Eberle, Annette: HerzogsĂ€gmĂŒhle in der Zeit des Nationalsozialismus. BeitrĂ€ge zur Geschichte der bayerischen Obdachlosenhilfe. Peiting 1994 sowie Denkmal „Ort der Erinnerung“ fĂŒr die Opfer und Verfolgten der NS- Gesundheitspolitik. Eröffnet 2019, Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle.

4 LkAN 9231: Dokument Fragebogen vom 25.01.1940.

5 LkAN 9231: Dokument StrafkĂŒrzung vom 08.12.1941, Gesuch des Ortssozialverwalters Franz Kurzböck. Sowie LkAN 3147, Eingabe des Vaters Lukas Meier an das BezirksfĂŒrsorgeamt Kirchdorf am 09.06.1941. Darin werden u.a. „schwere tĂ€tliche Misshandlungen vonseiten des Betriebsleiters WildschĂŒtte, ĂŒbermĂ€ssige ArbeitsĂŒberbĂŒrdung, die den sichtlichen körperlichen Verfall meines Sohnes bedingte“ beschrieben.

6 LkAN 9231: Dokument Landesverband fĂŒr Wander- und Heimatdienst an BezirksfĂŒrsorgeverband Kirchdorf, 05.12.1940.

7 Auskunft der KZ- GedenkstĂ€tte Dachau vom 24.07.2023 und Auskunft der DokumentationsstĂ€tte Schloss Hartheim vom 09.05.2023. Auch auf der Schreibstubenkarte, Arolsen Archives Nr. 01010607 194, DocID 10701049 (Josef MAIR), ist bei Josef Mair das falsche Todesdatum, der 04.03.1942 hinterlegt. Dieses Todesdatum findet sich auch in der personenbezogene Akte LkAN 9231, auf dem Aktendeckel. Außerdem ist die AbkĂŒrzung „Inv. Trsp.“ hinterlegt: „Invalidentransport am 17. Febr.1942“ auf der Schreibstubenkarte zu lesen.

8 Vgl. dazu Distel, Barbara und Eberle, Annette: Die Ausweitung auf Konzentrationslager: „Aktion 14f13“, in: Eberle, Annette, Hohendorf, Gerrit, von Cranach, Michale, von Tiedemann, Sybille (Hg.): Gedenkbuch fĂŒr die MĂŒnchner Opfer der nationalsozialistischen „Euthanasie“- Morde, Göttingen 2018, Seite 125- 130.

9 Vgl. Eberle, Annette und GrĂ€per, Babette (Hg.): Gedenkbuch fĂŒr die Opfer und Verfolgten der NS- Gesundheitspolitik in HerzogsĂ€gmĂŒhle 1934- 1945. Peiting 2019, S. 51.

10 Siehe hierzu der Bericht vom 03.02.2025 in den Schongauer Nachrichten ĂŒber die PrĂ€sentation des neuen Welf- Jahresbuchs. Sarah Faltis hatte dazu einen Videobeitrag zu Josef Mair vorbereitet. Link: https://www.merkur.de/lokales/schongau/kreisbote/historischer-verein-schongau-der-neue-welf-2024-ist-da-93551084.html. (Stand 15.12.25).

11 Vgl. Faltis: Sein schreckliches Schicksal in: Der Welf 24/2024, S. 61- 62.

BeitrÀge von Initiativen und Angehörigen

Nikolaus Ebner

von Joachim Ebner

Nikolaus Ebner (geb. 5.12.1886, gest. 8.6.1945)

"Ich habe meine beiden GroßvĂ€ter nie kennengelernt."

"Der eine ist im zweiten Weltkrieg auf den Schlachtfeldern SĂŒdrusslands gefallen und der andere wurde 1942 von den Nationalsozialisten nach HerzogsĂ€gmĂŒhle auf Nimmerwiedersehen verschleppt und ist dort am 8.6.1945 verstorben."

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Archiv Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Nikolaus Ebner

Nikolaus Ebner wurde am 5. oder 6.12. 1886 in Kleineichberg/Pfarramt Seeberg (Niederbayern) geboren.

Leider gibt es aus dieser Zeit keine weiteren Hinweise, lediglich die Tatsache, dass er dort die aus Ittling stammende Karoline Schreiner kennengelernt haben muss.

Aufgrund mangelnder Arbeit und einer gewissen Notsituation, es waren ja einfache Leute aus dem Bayerischen Wald, beschließen sie, Ihr GlĂŒck im MĂŒnchner Umland zu versuchen.

Dabei scheint es wohl schon einen Verwandten in MĂŒnchen gegeben zu haben, denn bei ihrer spĂ€teren Hochzeit in Starnberg, erscheint ein M. Ebner (Hausbesitzer in MĂŒnchen) als Trauzeuge. Vermutlich hat er ihnen empfohlen, um eine Arbeitsstelle in Starnberg nachzusuchen. Mit dem beginnenden Fremdenverkehr am Starnberger See eine durchaus nachvollziehbare Entscheidung.

Am 9.6.1923 wird das Paar in der Starnberger St. Josefskirche durch Pfarrer Michael Ostheimer getraut. Nikolaus Ebner ist zu diesem Zeitpunkt bereits 37 Jahre, seine Frau 6 Jahre jĂŒnger.

Innerhalb von 5 Jahren kommen 4 Kinder zur Welt, 3 MĂ€dchen und ein Bub (meinen Vater). Nikolaus Ebner war ein einfacher Arbeiter, zur damaligen Zeit ein sog. Tagelöhner. Er hatte keinen festen Beruf, sondern war Hilfsarbeiter und arbeitete immer nur zeitweise fĂŒr Starnberger Betriebe, unter anderem als Maler. Bei der Stadt Starnberg war er als LeichentrĂ€ger beschĂ€ftigt.

Mein Vater konnte sich nur noch sehr rudimentÀr an seinen Vater erinnern, denn der war fast nie zu Hause und trieb sich in der Stadt herum.

Interessanterweise findet sich in dem kleinen Buch von Alex und Volker Buchner auf Seite 103 ĂŒber Starnberger Originale folgender Absatz:

„Da war zunĂ€chst der August(?) Ebner, so hieß er mit Familiennamen. Brandrote Haare hatte er und tat stets wild und aufgebracht. Kinder können böse sein und wir waren es auch. Tauchte er auf, flogen schon die ersten Zurufe: ‚August, dummer August‘. Dann rannte er wutentbrannt mitten in die immer grĂ¶ĂŸer werdende Kinderschar hinein, die schreiend auseinanderstob. Die LeutÂŽ blieben stehen, immer wĂŒtender rannte der August Ebner und erwischte doch niemand, und immer wilder wurde das Geschrei, bis der August abschob. Nachzutragen wĂ€re noch: er hatte eine schöne Tochter, die viel spĂ€ter einer meiner Freunde geheiratet hat.“

Auch wenn der Vorname nicht stimmt, bin mir ziemlich sicher, dass es sich hierbei um meinen Großvater gehandelt haben muss. Einen zweiten Ebner gab es in Starnberg um diese Zeit nĂ€mlich nicht. Durch dieses Verhalten geriet er ins Visier der Nationalsozialisten. Er wurde dabei als ‚Asozialer’ gebrandmarkt und bereits 1938 wollte man ihn loswerden und in die HerzogsĂ€gmĂŒhle einweisen. Man muss sich das einmal vorstellen. Ein kleiner Tagelöhner geht den Nazis so auf die Nerven, dass sie beabsichtigen, ihn aus dem Verkehr zu ziehen. Eine unvorstellbare Barbarei. Vermutlich hat er auch Parteiveranstaltungen gestört. Mein Großvater mag vielleicht ein ‚schrĂ€ger Vogel’ gewesen sein und passte somit nicht in das Weltbild der Nazis. Aber gleich mit schwerem GeschĂŒtz auffahren und ihn aus der Gesellschaft nehmen? Es ist erstaunlich, mit welchem Eifer die Nationalsozialisten Menschen verfolgten, nur weil sie arm waren.

So schreibt die Stadt Starnberg am 25.9.1938 an das Bezirksamt:

„Es ist amtsbekannt und wird auch dem Bezirksamt bekannt sein, dass Ebner den ganzen Tag von zuhause weg ist und in der Stadt herumlungert. Dabei vergeht kein Tag dass er Einheimische und Fremde anbettelt und sich Geld entweder fĂŒr Bier oder zum Besuch des Kinos verschafft. Auch als FremdenfĂŒhrer bietet er sich an. Besonders Ärgernis erregend ist sein Benehmen bei Trauungen in der Kirche und bei Beerdigungen. Er ist in seiner lĂ€ppisch aufdringlichen Art immer der Erste der gratulieren, bzw. kondolieren will und zwar in einer Art, die abstoßend wirkt. Bei Ableben mĂ€nnlicher Personen ist er, kaum das der Tod bekannt ist, derjenige, der im Sterberaum AnzĂŒge und WĂ€sche fĂŒr sich bettelt. Mit den Schulkindern balgt er sich auf der Straße herum“.

Das Gesuch wurde zunĂ€chst vom Innenministerium abgelehnt, die GrĂŒnde hierfĂŒr sind nicht vollends klar. 

Am 20.7.1942 wird er in einer Nacht-und Nebelaktion von zu Hause von der Schutzpolizei Starnberg abgeholt und nach HerzogsĂ€gmĂŒhle gebracht.

Ab diesem Zeitpunkt ging es der Familie noch etwas schlechter, da er Vater, der zumindest gelegentlich fĂŒr ein Einkommen sorgte, jetzt fehlte. Das hatte auch Auswirkungen auf die gesamte Situation in der Familie. Die beiden MĂ€dchen, 1924 und 1925 geboren, begannen langsam, flĂŒgge zu werden.

Die eine hatte offenbar das Talent von ihrem Vater geerbt, konnte singen, tanzen und auch schauspielern. Ihr Vater war seinerzeit wohl Mitglied im MÀnnergesangsverein. Irgendwann landete sie beim Fronttheater. Das war bei der Deutschen Wehrmacht eine Truppe, die die Soldaten bei ihrem Fronteinsatz bei Laune halten sollte. 

Die andere war offenbar ein sehr lebenslustiges Kind. Von ihr ist so gut wie nichts nÀheres bekannt. Mein Vater hat mich immer von Ihr ferngehalten. Ich habe Sie daher nie kennengelernt. Sie hatte wÀhrend und nach dem Krieg wohl einige MÀnnerbekanntschaften.

Eine ehemalige Starnberger Hebamme berichtete mir einst von mehreren Kindern, die sie jedoch immer unmittelbar nach der Geburt zur Adoption freigab. TatsÀchlich finden sich in der Meldekarte die Daten von vier weiteren zusÀtzlichen Kindern. Das wÀren meine Neffen, die untereinander bis heute von nichts wissen. Eine eigenartige Konstellation, die es aber vermutlich öfters gegeben hat.

Schon damals war die Familie zerrissen. Dazu gibt es eine unfassbare Anekdote, die das ganze Ausmaß der Hilflosigkeit widerspiegelt. Mein Vater war der letztgeborene und hatte eine besondere Beziehung zu seiner dritten Schwester aufgebaut. Sie verstanden sich prĂ€chtig untereinander und halfen der Mutter, wo sie nur konnten. Meine Tante lernte wĂ€hrend des Krieges einen amerikanischen GI kennen und ging nach dem Ende des Krieges mit ihm nach Hawaii zurĂŒck. Das beflĂŒgelte meinen Vater und er beschloss mit ihnen nach Amerika zu gehen und um aus der Starnberger Armut zu entfliehen. Mein Großmutter bekam das am Tag der Abreise mit und hat ihm die Flucht nach Amerika verboten. Er sei jetzt schließlich der einzig verbliebene Mann im Haus. Amerika blieb ein Traum.

Ich hatte schon vor ca. zwanzig Jahren die Information aus dem Starnberger Stadtarchiv erhalten, dass mein Großvater in HerzogsĂ€gmĂŒhle verstorben war. Entsprechende Nachfragen blieben damals leider erfolglos. Es hieß, er sei unbekannt.

Aufgeben ist nicht mein Lebensmotto und so fragte ich im Starnberger Stadtarchiv 2022 beim Leiter nach und er ermunterte mich weiter nachzuforschen. Er empfahl mir das Institut fĂŒr Zeitgeschichte und die Gemeinde Peiting.

In Peiting hat man tatsĂ€chlich eine Sterbeurkunde, die ich mir in Kopie zuschicken lasse. Danach ist mein Großvater an einer chronischen Herzmuskelerkrankung verstorben. Das weckte meine Zweifel und ich setze mich mit HerzogsĂ€gmĂŒhle in Verbindung, die noch ĂŒber Akten verfĂŒgen sollen. Und tatsĂ€chlich: Es gibt eine Akte ĂŒber Nikolaus Ebner. Sie lagert im Landeskrichlichen Archiv in NĂŒrnberg. Ich darf in HerzogsĂ€gmĂŒhle Einsicht nehmen und die dortige Historikerin ist sehr interessiert mich kennenzulernen. Am 16.9.2022 fahre ich nach HerzogsĂ€gmĂŒhle und schaue mir die Akte an. Als erstes fĂ€llt mir ein Passfoto von Nikolaus Ebner in die HĂ€nde, welches 1944 in Schongau gemacht wurde.

Damit habe ich endlich ein Bild von meinem Großvater. Dieser Fund macht mich unheimlich stolz.

Josef Eisenmann

Dr. Bernhard Lehmann, Gegen Vergessen-FĂŒr Demokratie RAG Augsburg-Schwaben

Josef Eisenmann (geb. 24.6.1906 in Augsburg, ermordet im KZ Dachau am 13.10.1937)

Opfer sozialrassistischer Verfolgung

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© JVA Bernau

Portrait Josef Eisenmann, JVA Bernau, Februar 1937 StAM, Justizvollzugsanstalten 18634

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Josef Eisenmann

Josef Eisenmann ist am 24. Juni 1906 in Augsburg geboren. Seine Eltern sind Eugen und Ottilie Eisenmann, geb. LĂ€mmermayer. Was wir ĂŒber Josef wissen, stammt ausschließlich aus den Dokumenten der Machthaber und ist mit Skepsis zu genießen. Seine eigene Perspektive, seine Wertvorstellungen, Ziele, SehnsĂŒchte kennen wir nicht.
Nach der Absolvierung der Volks- und Fortbildungsschule arbeitet Josef als Hilfsarbeiter und Hausbursche. Infolge seiner unzulĂ€nglichen Ausbildung ist er im gesamten sĂŒddeutschen Raum auf Arbeitssuche und bietet seine Arbeitskraft an. Er ist von den Folgen der Inflation 1923 und insbesondere der hohen Arbeitslosigkeit in der Weltwirtschaftskrise (1929-1932) sowie der rigorosen Sparpolitik der Regierung BrĂŒning mit KĂŒrzungen der Staatsausgaben, GehĂ€lter und der Sozialleistungen bei gleichzeitiger Erhöhung von Steuern und Abgaben stark betroffen.1 Die mit Hilfe von Notverordnungen durchgefĂŒhrten Maßnahmen fĂŒhrten zu einer dramatischen Zunahme der Armut, des sozialen Elends und der radikalen Parteien.2

Josef im Visier der Polizei und der Nazis

In diesem Kontext ist es zu begreifen, dass Josef mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt gerĂ€t. So gut es geht versucht er sich mit Arbeit ĂŒber Wasser zu halten. Auf Wanderschaft bietet er seine Arbeitskraft an, manchmal treibt ihn der Hunger zu Bettel und DiebstĂ€hlen. Ab seinem 18. Lebensjahr gerĂ€t Josef mehrfach mit dem Gesetz in Konflikt.
In Offenbach wird er wegen des Verkaufs verdorbener Lebensmittel fĂŒnf Tage eingesperrt, ab Oktober 1928 ist er fĂŒr acht Monate im StadtgefĂ€ngnis Augsburg inhaftiert.3 Einen Monat nach seiner Freilassung wird Josef im Juli 1929 in SĂŒdwestdeutschland in MĂŒhlheim fĂŒr sechs Tage, in Freiburg fĂŒr drei Monate, schließlich in Neustadt/Schwarzwald August 1929 bis Januar 1930 fĂŒr fĂŒnf Monate inhaftiert. In allen drei FĂ€llen sollen Sittlichkeitsvergehen der Grund fĂŒr die GefĂ€ngnisstrafen gewesen sein.4 In Heidelberg erhĂ€lt er im Februar 35 eine GefĂ€ngnisstrafe von vier Monaten.5 Den Grund hierfĂŒr kennen wir nicht.

Einweisung in die HerzogsĂ€gmĂŒhle

Am 6. August 1935 verfĂŒgt das Wohlfahrtsamt Augsburg seine Einweisung in den Zentralen Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle bei Peiting. Dort mĂŒssen die sog. „Nichtseßhaften“ in enger Zusammenarbeit zwischen FĂŒrsorge und Polizei Zwangsarbeit leisten. Allein 376 MĂ€nner verstarben dort an Unterversorgung.6 Mehr als 50 Personen wurden in die Heil-und Pflegeanstalt Eglfing-Haar ĂŒberstellt, von denen viele, wie z.B. der Augsburger Max Schweiger, die Einweisung nicht ĂŒberlebten.7 Josef legt bereits am zweiten Tag nach seiner Einweisung die Arbeit nieder, weil er sich krank fĂŒhlt, die Arbeit fĂŒr ihn zu schwer und die Verpflegung unzureichend ist. Das StĂ€dtische Wohlfahrtsamt Augsburg erwĂ€gt daraufhin seine Einlieferung in ein Arbeitslager.8 Der Wanderhof schickt ihn nach Augsburg wegen „Arbeitsscheu“ zurĂŒck und erstattet ihm das Fahrgeld, welches er aber fĂŒr andere BedĂŒrfnisse verwendet.

Verurteilungen in Garmisch und Augsburg

Vier Tage spĂ€ter wird Josef auf dem RĂŒckweg nach Augsburg in Oberammergau erneut von der Polizei aufgegriffen. Das Gericht in Garmisch verurteilt ihn zu einer Strafe von viereinhalb Monaten wegen „Bettelei, Landstreicherei und widerrechtlicher Verwendung des Fahrgeldes“.9 Die Strafe verbĂŒĂŸt Josef in der GefĂ€ngnisanstalt Landsberg/Lech bis 10. Februar 1936. Zweieinhalb Monate spĂ€ter sitzt Josef Eisenmann fĂŒr sieben Monate in der Strafanstalt Bernau am Chiemsee wegen „fortgesetzter Erregung öffentlichen Ärgernisses“ bis Ende Februar 1937 ein.10 Der Anstaltsarzt bezeichnet Eisenmann als leicht schwerhörig, aber sonst kerngesund und „tauglich zu allen Arbeiten“.11

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Arolsen Archives ID 10637421

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Schreibstubenkarte Josef Eisenmann, Arolsen Archives

Einlieferung ins KZ zur „Sicherungsverwahrung“

Wenige Tage spĂ€ter wird Josef Eisenmann am 13. MĂ€rz 1937 von Bernau aus ins KZ Dachau eingeliefert.12 Eigentlich hatte Josef seine Strafe bereits abgebĂŒĂŸt. Die Be-grĂŒndung seiner Inhaftierung lautet auf Polizeiliche Sicherungsverwahrung (PSV) und ASO (Asozial). Josef hat die HĂ€ftlingsnummer 11895 und ist im Block 8 Stube 2 untergebracht.

WillkĂŒrliches Vorgehen gegen „Gemeinschaftsfremde“
Gegen Wanderarbeiter, Obdachlose, Alkoholiker, Bettler, Kleinkriminelle und FĂŒrsorgeempfĂ€nger gehen die Nationalsozialisten von Anfang an rĂŒcksichtslos vor. Sie gelten als sog. „Asoziale“, als „VolksschĂ€dlinge“, gegen welche sie ab dem 24. November 1933 das „Gesetz gegen gefĂ€hrliche Gewohnheitsverbrecher und ĂŒber Maßregeln der Sicherung und Besserung“ ins deutsche Strafrecht einfĂŒhren“.13 GemĂ€ĂŸ § 42e konnte das Gericht fĂŒr einen als „gefĂ€hrlicher Gewohnheitsverbrecher“ Verurteilten „neben der Strafe die Sicherungsverwahrung“ anordnen, „wenn die öffentliche Sicherheit es erfordert.“14 Angeklagte, die vom Gericht nach § 351 RStGB wegen Bettelei, Landstreicherei, Verwahrlosung, „Arbeitsscheu“, Obdachlosigkeit oder Prostitution verurteilt werden, können im Anschluss an die Strafhaft direkt in ein Arbeitshaus, in die Sicherungsverwahrung bzw. in die Heil- und Pflegeanstalt eingewiesen werden, um die Betroffenen „zur Arbeit anzuhalten und an ein gesetzmĂ€ĂŸiges und geordnetes Leben zu gewöhnen.“15

Zusammen mit dem „Erlass zur Vorbeugenden VerbrechensbekĂ€mpfung“ vom 14.12.37 hatte die Kriminalpolizei das Recht, Personen ohne richterlichen Beschluss nach eigenem Ermessen festzunehmen und auf unbegrenzte Zeit in ein Konzentrationslager oder in ein Arbeitshaus einzuweisen. Das Instrument der „Vorbeugungshaft" schuf einen rechtsfreien Raum und ermöglichte willkĂŒrliche Festnahmen und die Verfolgung sogenannter „VolksschĂ€dlinge".16

Polizeiliche Sicherungsverwahrung als spezifisch nationalsozialistisches Unrecht
Die Vorbeugehaft hat als spezifisch nationalsozialistisches Unrecht zu gelten, denn weder war der Freiheitsentzug richterlich angeordnet noch befristet noch durch Rechtsmittel anfechtbar noch an das Begehen einer konkreten Straftat gebunden, also an Kriterien, die heute fĂŒr einen Rechtsstaat verbindlich sind.

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© Dr. Bernhard Lehmann

Privatsammlung

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Stolperstein Josef Eisenmann mit Blumen

HĂ€ftlingsbunker und Ermordung

Josef Eisenmann â€žĂŒber“-lebt nur 7 Monate im KZ-Dachau. Vom 24. Juli. bis 1. August 1937 befindet er sich im Bunker des berĂŒchtigten Kommandanturarrests.17 LagerhĂ€ftlinge verbĂŒĂŸten in den Zellen Lagerstrafen, die SS-WĂ€chter ihnen oft willkĂŒrlich zugedacht hatten.18

Josef Eisenmann verstirbt am 13. Oktober 1937 nach 7 Monaten im KZ. Mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit wird Josef Eisenmann auf grausame Weise gefoltert, schikaniert und dann ermordet. Zum Zeitpunkt seines Todes war Josef Eisenmann 31 Jahre und 4 Monate alt.19

Quellen- und Literaturnachweise zur Biografie von Josef Eisenmann

1 Zur Weltwirtschaftskrise, der Reparations- und Sparpolitik BrĂŒnings vgl. Zerback, Rolf: Triumph der Gewalt. Drei deutsche Jahre 1932 bis 1934, o.O. 2022, insbes. S. 12-23, URL: https://www.bpb.de/system/files/dokument_pdf/Leseprobe_Zerback_Triumpf_der_Gewalt_BpB.pdf, [11.9.25].

2 Vgl. Schweinoch, Oliver; Scriba, Arnulf: Die Weltwirtschaftskrise, in: Lebendiges Museum Online, hrgs. Deutsches Historisches Museum Berlin, URL: https://www.dhm.de/lemo/kapitel/weimarer-republik/industrie-und-wirtschaft/weltwirtschaftskrise#:~:text=Deflationspolitik,im%20Verlauf%20der%20Krise%20zusammen, [11.9.25].

3 StadtAA, MB Eisenmann Josef 1906.

4Ebenda, aus den Archiven Freiburg, Neustadt.

5 StadtAA, MB Eisenmann Josef 1906.

6 Eberle, Annette: HerzogsĂ€gmĂŒhle in der Zeit des Nationalsozialismus. Peiting-HerzogsĂ€gmĂŒhle 1994 und Ayaß, Wolfgang: „Asoziale“ im Nationalsozialismus, Stuttgart 1995, S. 47-56.

7 Vgl. Personalakt Max Schweiger, LKAN Nr. 2564 und 8678.

8 HerzogsĂ€gmĂŒhle Peiting LKAN 3681 Eisenmann Josef. StĂ€dtisches Wohlfahrtsamt an die HSM, 27.9.1935.

9 HerzogsĂ€gmĂŒhle Peiting LKAN 3681 Eisenmann Josef.

10 StAM, Justizvollzugsanstalten 17180 Josef Eisenmann.

11 StAM, Justizvollzugsanstalten 18638. Ärztlicher Bericht Dr. Deinlein vom 20.10.1936.

12 Arolsen Archives ID 10637421 Karteikarte Schreibstubenkarte Dachau.

13 Gruchmann, Lothar: Justiz im Dritten Reich 1933-1940; Anpassung und Unterwerfung in der Ära GĂŒrtner, MĂŒnchen 1988, S. 838-844; MĂŒller, C.: Das Gewohnheitsverbrechergesetz vom 24. November 1933, in: Zeitschrift fĂŒr Geschichtswissenschaft, Jg. 47/1999, S. 965-997.

14 Reichsgesetzblatt Nr. 133, ausgegeben 27.11.1933, S. 996, URL: https://www.servat.unibe.ch/dns/RGBl_1933_I_995_G_Gewohnheitsverbrecher.pdf, [11.9.25].

15 §42e und § 42f Gewohnheitsverbrechergesetz, RGBl 1933/I, S. 996-997.

16 Eberle, Annette: NS-Gesundheitspolitik, in: nsdoku.lexikon, hrsg. vom NS-Dokumentationszentrum MĂŒnchen, URL: https://www.nsdoku.de/lexikon/artikel/ns-gesundheitspolitik-607, [25.8.25].

17 Arolsen Archives, ID 11010607181 sowie Auskunft Gs Dachau vom 18.7.25.

18 Vgl. Eiber, Ludwig: Teilausstellung Bunker (Kommandantur-Arrest) in der KZ-GedenkstÀtte Dachau, in: GedenkstÀttenrundbrief 95, S. 16-19, URL: https://www.gedenkstaettenforum.de/aktivitaeten/gedenkstaettenrundbrief/detail/teilausstellung-bunker-kommandantur-arrest-in-der-kz-gedenkstaette-dachau, [21.7.25].

19Arolsen Archives, ID 10032266.

Unveröffentlichte Quellen:

  • Stadtarchiv Augsburg, MB Eisenmann Josef 1906.
  • Staatsarchiv MĂŒnchen, Justizvollzugsanstalten 17180 und 18638.
  • Arolsen Archives, ID 10637421, 11010607181, 10032266.
  • KZ GedenkstĂ€tte Dachau, DaA 32872 Josef Eisenmann.
  • HerzogsĂ€gmĂŒhle, LKAN 3681 Eisenmann Josef.
  • StAM, Justizvollzugsanstalten 17180, 18638 Josef Eisenmann.

Hörath, Julia: “Asoziale und “Berufsverbrecher” in den Konzentrationslagern 1933-1938, Göttingen 2017.

Riedel, Dirk: Vom Terror gegen politische Gegner zur rassischen Gesellschaft. Die HĂ€ftlinge des Konzentrationslager Dachau 1933-1936, in: Osterloh Jörg, Kim WĂŒnschmann (Hg.): „
der schrankenlosesten WillkĂŒr ausgeliefert“. HĂ€ftlinge der frĂŒhen Konzentrationslager 1933-1936, Frankfurt/Main 2017, S. 73-96.

Ulrich Scherzl

von Johannes Riedl

Ulrich Scherzl (23.1.1888 – 1.9.1941 in HerzogsĂ€gmĂŒhle)

"Weil hier ein Leben einzig in der Infamie besteht, in die es geworfen wurde, und ein Name allein in der Schmach lebt, die ihn bedeckte, legt in dieser Schmach irgend etwas Zeugnis ab von einem Leben und einem Namen jenseits aller Biographie."1

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© Johannes Riedl

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Collage mit Akten ĂŒber Ulrich Scherzls

Akte und Opfer - kurze Reflexion ĂŒber Ulrich und Anna Scherzl

Was kann man wissen ĂŒber einen Menschen, den man nur aus Akten kennt? Was erfĂ€hrt man ĂŒber eine Person, von der man zunĂ€chst nur aus ErzĂ€hlungen aus zweiter Hand erfahren hat? Von dem bislang nicht einmal ein Foto bekannt ist. Wie fremd oder nahe ist einem jemand, mit dem man zwar formal verwandt ist, doch, als jĂŒngster Bruder der Urgroßmutter mĂŒtterlicherseits, getrennt ĂŒber mehrere Generationen und Abstammungslinien? Und der in den Fokus getreten ist, weil sein Schicksal fĂŒr die Kinder der Vorkriegsgeneration als abschreckendes Beispiel dienen musste (“Frag nicht so viel, wenn man so schlau ist, geht es dir wie dem Scherzl”) und der nach der innerfamiliĂ€ren Überlieferung an Blutvergiftung gestorben ist. Eine AuffĂ€lligkeit, höchstwahrscheinlich eine psychische Erkrankung, ĂŒber die nichts genaueres bekannt ist und ein Tod unter zweifelhaften UmstĂ€nden (Blutvergiftung war eine ĂŒbliche Angabe fĂŒr die ‘Euthanasie’), fĂŒhrt zum Versuch, mehr darĂŒber herauszufinden, am Anfang noch in der der Unkenntnis darĂŒber, dass die HerzogsĂ€gmĂŒhle damals ein Wanderheim, eine Art Obdachlosenunterkunft mit Arbeitszwang und keine medizinische Einrichtung, insbesondere keine der berĂŒchtigten ‘Heil- und Pflegeanstalten’ war. Die Akteneinsicht ergibt, dass er am 1.9.1941, unmittelbar im Anschluss an die auf Anweisung Hitlers Ende August beendete ‘Aktion T4’ in der HerzogsĂ€gmĂŒhle gestorben ist und somit kein Opfer der planmĂ€ĂŸigen Deportationen Behinderter und psychisch Kranker war. Dennoch bleibt die Frage, wie jemand, der sich mit einer laut Protokoll “gut verheilenden” Wunde am Fuß auf der Krankenstation aufhĂ€lt, plötzlich aufgrund “akuter HerzschwĂ€che” in der Nacht das Bewusstsein verlieren und in den nĂ€chsten Stunden versterben kann, ein Ablauf, der ĂŒberraschend gut, zur Gabe einer Überdosis Luminal passt, einem damals leicht verfĂŒgbaren Barbiturat das im Rahmen der ‘wilden’ und ‘Kindereuthanasie’ traurige Bekanntheit erlangt hat. Aber ist das vielleicht nicht das Entscheidende? Was also kann man wissen? Was sagt eine Akte aus ĂŒber ein Leben?

Geschehenes Leben

Geboren ein Jahr vor Hitler in der NĂ€he von Erding kommt Ulrich Scherzl laut der Selbstbeschreibung in den Unterlagen der HerzogsĂ€gmĂŒhle 1913 nach Hohenpeißenberg und beginnt dort als Bergmann zu arbeiten. Im Juli 1916 wird er zum Kriegsdienst eingezogen, allerdings bereits im Dezember des gleichen Jahres offenbar auf Anforderung des Bergwerks, das seine Arbeitskraft benötigt, wieder entlassen. mit einer, wie die Kriegsstammbuchrolle vermerkt, sehr guten Verhaltensbewertung, und scheinbar ohne physisch verwundet worden zu sein. Über die nĂ€chsten Jahre ist aktuell nichts bekannt, bereits 1928 wird er pensioniert und lebt laut Selbstbeschreibung von seiner Rente und Gelegenheitsarbeiten. Wann genau er geheiratet hat, ist bislang unklar. Seine Frau Anna wird im Juli 1940 verhaftet und im Dezember in MĂŒnchen wegen “gewerbsmĂ€ĂŸiger Abtreibung” zu acht Jahren Zuchthaus verurteilt. Eine noch höhere Strafe bleibt ihr erspart, da hinsichtlich des Todes einer Frau Zweifel bleiben, ob ein ursĂ€chlicher Zusammenhang mit dem Abtreibungsversuch besteht. Nach Aufenthalten u.a. in der JVA Aichach erlebt sie das Kriegsende offenbar in einem Gefangenenlager in Ebersbach an der Fils in Baden-WĂŒrttemberg, wird spĂ€ter von den US-Behörden entlassen und geht dann zurĂŒck an ihren Geburtsort. Dort verliert sich bislang ihre Spur.

FĂŒr Ulrich Scherzl bedeutet die Verurteilung seiner Frau den Beginn seines letzten Lebensabschnitts. Im Januar 1941 “begibt” er sich, “auf Anraten des BĂŒrgermeisters von Hohenpeißenberg” in die HerzogsĂ€gmĂŒhle. Es geht ihm dort schlecht, er beklagt sich ĂŒber die Lebensbedingungen, möchte eine Kur (wie ein Verantwortlicher des Bergwerks gegenĂŒber der Verwaltung angibt), seine ‘ArbeitsfĂ€higkeit’ wird mit 50% taxiert. Ihm wird vom ‘Arbeitsleiter’ in der Leistungsbewertung unterstellt ein „willenschwacher Psyphopat“ (sic!) und “Simulant” zu sein. Er lĂ€uft mehrfach weg, unter anderem zu seiner in Hohenpeißenberg lebenden Schwester Katharina, die ihn nicht aufnehmen will oder kann. Er wird jeweils von der Polizei wieder zurĂŒckgebracht. Dann, nach wenigen Monaten sein plötzlicher Tod. Die Akten enden mit den Rechnungen fĂŒr die Leichenbeschau und die Korrespondenz ĂŒber die Übernahme Beerdigungskosten. Er wird auf dem Friedhof der HerzogsĂ€gmĂŒhle beigesetzt. Das Grab ist heute nicht mehr auffindbar. Ein kurzes Leben und Sterben auf wenigen, kryptischen Aktenseiten.

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© Johannes Riedl

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Collage mit Akten ĂŒber Ulrich Scherzls

Folgen und Lehren

Was bleibt? Ein fremder Mann aus der erweiterten Familie, ein Opfer des Nationalsozialismus, direkt oder indirekt, eng verwoben und doch getrennt von der Gesellschaft, die die Naziherrschaft möglich gemacht hat. Mitglied des KyffhĂ€userbundes der Kriegsveteranen, ordentlich geklebt die Marken im Mietgliederbuch bis 1936, dann hört es auf
 Was sagen Relikte aus? BeschrĂ€nkt sich ein Mensch auf seine formale Biografie? Oder ist es nicht vielmehr das Nicht- oder Ungreifbare, was ĂŒber die erfassten ‘Fakten’ (Actum) hinausgeht, was eine Person ausmacht? Was waren die Hoffnungen, WĂŒnsche und Ziele von ihm und seiner Frau? Was hat sie verbunden, was hat sie getrennt?

Sie, die ‘am Rand’ der Gesellschaft standen und in Annas Fall auch jenseits der LegalitĂ€t - Abtreibung im katholischen Oberbayern auf dem Land in den 1920 und 30ern galt – in der Wahrnehmung vieler als Unding- nichts, worĂŒber man damals und zum Teil bis heute offen reden wĂŒrde.

Dennoch: die Gerichtsakten lesen sich ĂŒberraschend abwĂ€gend, orientiert am Versuch, den Tatsachen gerecht zu werden. - seltsam “normale” Justiz in Zeiten der Diktatur - eventuell wĂ€re die Beweisaufnahme im Prozess bis zu den Änderungen am §218 in den 1990er Jahren spĂ€ter nicht viel anders verlaufen. KontinuitĂ€ten der Rechtsprechung in Zeiten des kulturellen und moralischen Abgrunds - ein eklatanter Gegensatz zu den ‘Verhaltensbewertungen’ in Ulrichs Akten der HerzogsĂ€gmĂŒhle, die auf Diffamierung und Abwertung seiner Person abzielen.

Heute speist sich das Interesse an seiner Person maßgeblich auch daraus, dass er Opfer einer menschenverachtenden Ideologie war. Aber wird man einem Menschen gerecht, wenn man ihn auf seine Opferrolle reduziert? Wie nahe kann man ihm ĂŒberhaupt kommen? Und was folgt daraus? Mit wieviel Ablehnung von Krankheit und SchwĂ€che sind wir auch heute noch konfrontiert? Wie viele der Überzeugungen, die die Unmenschlichkeit damals möglich gemacht haben, wirken ĂŒber und unter der OberflĂ€che der Diskurse weiter? Haben wir die Einstellung tatsĂ€chlich ĂŒberwunden, dass sich der gesellschaftliche ‘Wert’ eines Menschen ĂŒber seine LeistungsfĂ€higkeit definiert? Und wird es nicht immer schnell gefĂ€hrlich fĂŒr die diejenigen, die ihren ‘Wert’ nicht glaubhaft machen können? Ein Leistungsprinzip, das kein Regulativ hat, trĂ€gt die Stigmatisierung SchwĂ€cherer bereits in sich.

“Ein Mensch ist erst dann tot, wenn niemand mehr an ihn denkt” sagt ein jĂŒdisches Sprichwort. “Die grundlegende SchwĂ€che der westlichen Gesellschaft ist Empathie”, sagte Elon Musk kĂŒrzlich. Wir sollten die Erinnerung bewahren, um die Empathie nicht zu verlieren.

Quellen -und Literaturnachweise zur Biografie von Ulrich Scherzl

Quellen

Die biografischen Informationen zu Ulrich und Anna Scherzl beruhen auf Informationen aus den Unterlagen der HerzogsĂ€gmĂŒhle, aufbewahrt im Landeskirchlichen Archiv der Evangelischen Kirche, (Akte 1677 und 9315), dem Staatsarchiv MĂŒnchen (Akte JVA MĂŒnchen 2493, Akte des Bergwerks Peißenberg 729, Akte Staatsanwaltschaften 14910) sowie dem Hauptstaatsarchiv MĂŒnchen, Bayerische Kriegsstammrollen 17061_00152 und 04285_00436.

1 Giorgio Agamben, Was von Auschwitz bleibt. Das Archiv und der Zeuge (Homo sacer III), Frankfurt am Main, 2003, S. 124.

Zur Wirkungsweise von Luminal: Anfrage an you.com (28.05.25).

Aussage E. Musk: Joe Rogan Experience – Elon Musk: https://www.youtube.com/watch?v=sSOxPJD-VNo&t=4605s.

Bilder

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Ernst Sendelbach

von Mathias Sendelbach

Ernst Sendelbach (geb. 29.3.1871, gest. 1943)

1.3.1938 – 28.8.1938 im Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle
1938 – 1943: Arbeitshaus St. Georgen

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Privatsammlung Matthias Sendelbach

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Postkarte von Ernst Sendelbach an seine Frau

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Privatsammlung Matthias Sendelbach

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Bitte hier Brief von Ernst Sendelbach an seine Frau

Spurensuche

Als meine Mutter Elise Sendelbach starb, fand ich in ihrem Nachlass die Heiratsurkunde meiner Eltern. Diese machten mich neugierig und ich begann mit der Familienforschung ĂŒber meine Eltern und Großeltern. So fand ich heraus, dass der Stiefvater meines Vaters, Ernst Sendelbach zwangsweise im Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle eingewiesen war. Vermutlich aufgrund seines Freiheitsdranges lief er von dort weg. Er kam in das Arbeitshaus St. Georgen. Dort starb er im Jahr 1943.

Die Geschichte meiner Großeltern – den Eltern meines Vaters

Mein Vater wurde unehelich im Jahr 1915 geboren. Seine Mutter hatte sechs Jahre spĂ€ter, im Jahr 1921 den SchĂ€fer Johann Ernst Sendelbach geheiratet. Dieser nahm aber erst im Jahr 1935 den ‚Makel’ der unehelichen Geburt von meinem Vater und seinen Geschwistern an, indem er ihnen seinen Nachnamen gab. Kurz darauf wurde die Mutter meines Vaters, meine Großmutter Elise, in die Taubstummenanstalt Kloster Michelfeld bei Auerbach in der Oberpfalz aufgenommen. Michelfeld war zu dieser Zeit auch ein Versorgungshaus fĂŒr weibliche Geistesschwache und Gebrechliche. In der Akte von dort, stand bei den Angaben zu ihrem Ehemann: „Viehtreiber, stĂ€ndig auf Wanderschaft”. In dieser Krankenakte befindet sich eine Postkarte ihres Ehemannes Ernst aus dem Ort Oberobland bei HerzogsĂ€gmĂŒhle aus dem Jahr 1938.

Er schrieb am 22.4.1938: „Liebe Schwester! Möchte Sie höfl(ich) bitten, sein Sie so gut und schreiben Sie mir, wie es mit meiner Frau geht. Das nĂ€chste Jahr suche ich sie nochmal auf. Bitte Schwester schreiben Sie mir so bald als möglich, daß ich weiß, wie ich dran bin. Die Alpen sind mit Schnee bedeckt. Heinrich ist auch da. Ich bin in Oberobland bei HerzogsĂ€gmĂŒhle, Schongau, Absender Oberbayern.“ So erfuhr ich davon, dass Ernst Sendelbach in HerzogsĂ€gmĂŒhle war. Von der Historikerin in der heutigen sozialen Einrichtung HerzogsĂ€gmĂŒhle, erhielt ich die Akte meines Stief-Großvaters.

Diese Dokumente zeigen das Schicksal einer Person am Rande der Gesellschaft in der ersten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts in Deutschland, geprĂ€gt von Armut, KleinkriminalitĂ€t und staatlicher (Un)FĂŒrsorge. Er war von Geburt an auf einem Auge blind und das andere Auge war nicht sehr gut. Unehelich geboren wuchs er bei seiner ledigen Mutter in einem Armenhaus in Bayreuth auf. Seine Schulzeit war wohl einigermaßen normal und unauffĂ€llig. Vermutlich konnte er mit seinen körperlichen EinschrĂ€nkungen keinen Beruf ausĂŒben, mit dem sich eine Familie ernĂ€hren ließ. Da Armut, Obdachlosigkeit und Wanderarbeit in der NS-Zeit kriminalisiert waren, kam er frĂŒh mit dem Gesetz in Konflikt. Eine seiner ersten Straftaten, fĂŒr die er drakonisch bestraft wurde, war der Diebstahl einer Baumwurzel, die er zusammen mit einer Bewohnerin des Armenhauses ausgegraben hatte. Da beide ĂŒber die Verteilung des Holzes in Streit gerieten, kam es zu TĂ€tlichkeiten, die ein Gericht beschĂ€ftigten.

In den Zentral-Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle wurde Ernst Sendelbach im Jahr 1938 eingewiesen. Veranlasst hatte die ‚Einschaffung’ das Bezirksamt Eschenbach 1938. Mit dem Antrag auf Überstellung wurde ein Ă€rztlicher Befund des staatlichen Gesundheitsamtes Eschenbach geschickt. In diesem stand, dass er ein „161 cm, 47 œ kg schwerer Mann, mit stark reduziertem KrĂ€fte- und ErnĂ€hrungszustand, RundrĂŒcken" (war). Oben zahnlos, unten noch einige schlechte ZĂ€hne, Brustkorb eng, etwas rachitisch deformiert”. Das Amt empfahl die Einweisung in einen Wanderhof, weil eine Arbeitsleistung nicht mehr möglich war.

Seitens der Verwaltung des Landesverbandes, des TrĂ€gers des Wanderhofes HerzogsĂ€gmĂŒhle, forderte man den Straflistenauszug bei der Polizei an. Dieser belegte, dass der damals 63 Jahre alte arme Mann in seinem Leben 59 Vorstrafen eingesammelt hatte. Ein Großteil wegen Bettels und Landstreicherei, oft verbunden mit kleinen Eigentumsdelikten. Allein aus der Anzahl der Verurteilungen lĂ€sst sich sagen, dass er aufgrund seiner Armut wohl mehr eingesperrt war als in Freiheit. Einen großen Freiheitsdrang hatte er sicherlich, sonst wĂ€re er in der relativ kurzen Zeit in HerzogsĂ€gmĂŒhle nicht zwei Mal von dem Zwang und dem demĂŒtigenden Anstaltsalltag weggelaufen. Da er schon sehr schwach war, kam er aber nie weit und wurde von der Gendarmerie eingefangen. Das zweite Mal wurde er nicht nach HerzogsĂ€gmĂŒhle zurĂŒckgebracht, sondern in das GefĂ€ngnis und Arbeitshaus St. Georgen in Bayreuth eingesperrt. Von dort ist auch noch ein Brief vom 24.7.1940 an seine Frau in Michelfeld ĂŒberliefert. Er schrieb an seine Frau:

„Liebe Frau, seitdem ich hier bin, habe ich von Dir noch keine Nachricht erhalten, obwohl ich Dir geschrieben habe. Sei doch so gut und teile mir mit, wie es Dir geht. Du kannst Dir doch denken, daß ich in großer Unruhe bin, weil ich gar nichts von Dir höre. In der Hoffnung auf baldige Antwort grĂŒĂŸt Dich vielmals, Dein Mann.“

Ernst Sendelbach starb im Jahr 1943 in Unfreiheit im Arbeitshaus an chronischer Bronchitis und AltersschwĂ€che. Sankt Georgen in Bayreuth war ein GefĂ€ngnis, in dem auch sehr viele politische Gefangene waren und eine SA-Mannschaft als Wachpersonal diente. Der damalige Leiter verkĂŒndete des Öfteren stolz, dass er Lebensmittel den Gefangenen vorenthielt, und sie an die Soldaten an der Front spendete. Da wird die UnterernĂ€hrung bei Ernst Sendelbach kaum behoben worden sein.

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Archiv Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Postkarte von Ernst Sendelbach an seine Frau

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Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Postkarte von Ernst Sendelbach an seine Frau

Transfer

Im MĂ€rz 2025 hat uns Frau MĂŒller-GrĂ€per (die Historikerin in HerzogsĂ€gmĂŒhle) zu einem ErzĂ€hlkaffee nach HerzogsĂ€gmĂŒhle eingeladen. Meine Frau und ich hatten dabei auch Gelegenheit, das heutige Diakonische Werk in Augenschein zu nehmen. Eine solche Unterbringung, in einem frĂŒhen Lebensalter, mit seiner Behinderung, hĂ€tte Ernst Sendelbach mit großer Wahrscheinlichkeit ermöglicht, ein ganz ‚normales’ Leben in einer betreuten Umgebung zu fĂŒhren. Er hĂ€tte sich selbst versorgen können und wĂ€re nicht der (Un)FĂŒrsorge des damaligen Systems zur Last gefallen. Der Lernort in HerzogsĂ€gmĂŒhle mit seiner historischen Ausstellung war fĂŒr uns einerseits sehr neu und bedrĂŒckend, hat uns aber gezeigt, dass in einer sozialen Gesellschaft, wie wir sie in unserem Land haben, ein Schicksal, wie das von Ernst Sendelbach, vermeidbar ist. Sorge macht uns, dass wir immer wieder von Übergriffen auf Obdachlose und Behinderte lesen und hören. Die alten Vorurteile, dass Behinderte ‚nichts wert’ sind, stecken noch in vielen Köpfen. Um der GleichgĂŒltigkeit vieler Mitmenschen zu begegnen, sind solche Orte und Veranstaltungen mehr als sinnvoll.

Ein weiterer Aspekt, der die ganze Geschichte so bedrĂŒckend macht, ich habe niemals ein Wort von meinen Eltern ĂŒber die Großeltern meines Vaters gehört. Er wuchs in einem Waisenhaus auf und hatte keine Familie - Punkt. Die ‚Schande’ eines obdachlosen, sehbehinderten und frĂŒh von der FĂŒrsorge abhĂ€ngigen Opa, der im Armenhaus aufwuchs, und einer geistig kranken Oma, als Großeltern, war Tabu. Dass ein derartiges Schweigen in einer Familie den Normalfall darstellt, haben wir auch im ErzĂ€hlkaffee gelernt. Dass mein Vater genau wusste, was los war, wird durch die Besuchs-Eintragungen in der Krankenakte meiner Großmutter belegt. Fragen kann ich meinen Vater nicht mehr, er ist 1985 verstorben.

Michael Joseph Körner

von Julia Gilfert

Das Leben des Schreiners Michael Joseph Körner (1872-1941)

„Auf jeden Fall gehört ein solcher Mensch nicht mehr unter die Allgemeinheit.“

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© Akte der Heil- und Pflegeanstalt GĂŒnzburg, Datum unbekannt

Quelle: Bundesarchiv Berlin, R 179/5518.

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Michael Joseph Körner

Michael Joseph Körner wurde am 21.10.1872 in Dettelbach im Haus Nr. 35 (heutige Hutergasse) als viertes von acht Kindern des Landwirts und NachtwÀchters Johann Körner und dessen Frau Magdalena geboren.1 Vier seiner Geschwister verstarben bereits im SÀuglings- oder Kleinstkindalter. Was aus den drei anderen wurde, ist nicht bekannt. Michael besuchte von 1879 bis 1886 die Volksschule und machte im Anschluss bis 1890 eine Schreinerlehre.

1889 heiratete er vermutlich Magdalena Maier.2 Ob das Paar Kinder hatte und wenn ja, wie viele, ist nicht klar. An einer Stelle (Akte der Anstalt GĂŒnzburg) ist von einem Sohn namens Johann die Rede, an anderer Stelle (Akte der Anstalt Eglfing-Haar) ist zu lesen, dass das Paar drei Kinder gehabt habe. Körners Frau verstarb noch vor dem Ersten Weltkrieg. Seine Gesellenzeit als Schreiner, die er unter anderem in Schrobenhausen, Starnberg und Apfeldorf verbrachte, wird in der Akte des Wanderhofs HerzogsĂ€gmĂŒhle auf 1890 bis 1914 und 1918 bis 1931 datiert. 1915 war er offenbar kurz als Soldat im Krieg, beging jedoch Fahnenflucht und kam dafĂŒr vier Jahre ins GefĂ€ngnis.

1932 begann seine Wanderschaft, auf der zu seinen bis dahin schon 32 Strafen – die meisten wegen Bettelns – noch weitere hinzukamen. Mehrmals war er in Polizeihaft, wie aus der folgenden Auflistung seiner ‚Vergehen‘ hervorgeht. Wieso er betteln musste und keine Anstellung mehr fand, konnte nicht in Erfahrung gebracht werden.

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Landeskirchliches Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, NĂŒrnberg, Bestand HerzogsĂ€gmĂŒhle, 4454.

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Auflistung der ‚Vergehen‘ Michael Körners

1936 schließlich wurde Michael Körner auf den Wanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle eingewiesen. In die 1894 gegrĂŒndete WanderfĂŒrsorgeeinrichtung bei Peiting im heutigen Landkreis Weilheim-Schongau wurden zwischen 1936 und 1945 um die 6.000 wohnungslose MĂ€nner zwangseingewiesen. Sie mussten dort unter widrigen Lebensbedingungen Zwangsarbeit leisten. Knapp 400 von ihnen ĂŒberlebten die ‚ZwangsfĂŒrsorge‘ nicht: sieben begingen Selbstmord, 30 starben aus ungeklĂ€rter Ursache, 18 wurden ins Konzentrationslager Dachau gebracht, und die allermeisten starben schlicht an VernachlĂ€ssigung.3

Am 13.7.1939 wurde Michael Körner in die Nervenheilanstalt Eglfing-Haar bei MĂŒnchen eingeliefert. Als Grund fĂŒr die Verlegung in eine Anstalt sind „Verwahrlosung“ und „ErregungszustĂ€nde“ angegeben. In der Akte heißt es, er „schimpft vor sich hin in einer nur schwer verstĂ€ndlichen Sprache“, habe Wahnideen, etwa, dass „in seinem Kehlkopf [
] die Seelen Abgestorbener [hausen]“4. „Er benimmt sich“, wird in höchst abwertender Weise notiert, „völlig wie ein stumpfer Schizophrener“.5 Außerdem Ă€ußere er „bei jeder Gelegenheit“ kommunistisches Gedankengut, „[a]lles, was nationalsozialistisch ist, ist ihm verhasst. Macht man ihm irgendwelche Vorhaltungen so wird er meist energisch und muss man sich auf die gemeinsten AusdrĂŒcke von ihm gefasst machen. Auf jeden Fall gehört ein solcher Mensch nicht mehr unter die Allgemeinheit.“6

Am 19.8.1940 wird Michael Körner schließlich in die Heilanstalt GĂŒnzburg im sĂŒdöstlichen Bayern verlegt. Die Diagnose hier lautet ebenfalls „Schizophrenie“, an anderer Stelle wird er als „geisteskrank“ bezeichnet.7 In GĂŒnzburg arbeitet Körner offenbar in der „Karrengruppe“. Er spreche immer von der HerzogsĂ€gmĂŒhle, heißt es in einem der wenigen EintrĂ€ge in seiner Krankenakte, „doch bleibt sein Gerede unverstĂ€ndlich“.8

FĂŒr den 1.7.1941 ist die „Verlegung in eine andere Anstalt“ vermerkt.9 Die weitere Recherche ergab, dass in der Tötungsanstalt Hartheim fĂŒr diesen Tag ein Transport von Patient*innen aus GĂŒnzburg vermerkt ist. Und tatsĂ€chlich ist Michael Körner in der dortigen Opferdatenbank verzeichnet. Somit ist davon auszugehen, dass er im Juli 1941 in Hartheim bei Linz ein Opfer der NS-‚Euthanasie‘-Morde geworden ist – im Alter von knapp 69 Jahren.

Quellen- und Literaturnachweise zur Biografie von Michael Joseph Körner

1 Quelle: Geburtenregister Dettelbach, Diözesanarchiv WĂŒrzburg, AmtsbĂŒcher aus Pfarreien 948, Fiche 42, S. 134.

2 In der Akte aus GĂŒnzburg steht, Michael Körner habe 1900 in Starnberg geheiratet - in einem Brief vom September 1940, welcher in der Krankenakte enthalten ist, gibt das Standesamt Starnberg jedoch an, dass Körner dort nicht geheiratet habe. Die Angabe aus der Krankenakte der Anstalt Eglfing-Haar, er und Magdalena hĂ€tten 1889 geheiratet, konnte jedoch auch nicht endgĂŒltig verifiziert werden.

3 Vgl. https://www.merkur.de/lokales/schongau/landkreis/opfer-untersten-schichten-ns-regime-ausgeliefert-waren-354100.html [letzter Abruf: 25.11.2025].

4 Archiv des Bezirks Oberbayern, Heil- und Pflegeanstalt Eglfing-Haar, Patientenakten, 2662.

5 Vgl. ebenda.

6 Landeskirchliches Archiv der Evangelisch-Lutherischen Kirche in Bayern, NĂŒrnberg, Bestand HerzogsĂ€gmĂŒhle, 4454.

7 Vgl. BArch, R 179/5518.

8 Vgl. ebenda.

9 Vgl. ebenda.

Ernst Meyer

von Florian Guggenberger

Ernst Meyer (3. Juli 1878 – 3. Juli 1944)

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https://de.wikipedia.org/wiki/Datei:Stolperstein_f%C3%BCr_Ernst_Meyer_(Bregenz).jpg

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Stolperstein zur Erinnerung an Ernst Meyer

Ernst Meyer wurde am 3. Juli 1878 in Aeschach (Lindau) geboren und wuchs dort auf. Nach dem Besuch der örtlichen Volksschule arbeitete er viele Jahre auf dem landwirtschaftlichen Hof seiner Eltern.1

1904 erwarb er in Neu Amerika,2 im heutigen Bregenzer Stadtteil Vorkloster,3 ein GrundstĂŒck und zog dorthin. Am 15. Februar 1904 heiratete Meyer die ebenfalls als Lindau stammende Maria Schobloch.4 Ein halbes Jahr spĂ€ter kam das erste von insgesamt neun Kindern zur Welt. Bis zum Ersten Weltkrieg war Meyer durchgehend als Landwirt auf seinem eigenen Hof tĂ€tig. Laut eigenen Angaben wurde er am 15. September 1915 zum MilitĂ€r eingezogen und erst am 9. Dezember 1918 wieder entlassen.5 Bis zu diesem Zeitpunkt geriet Meyer nicht mit dem Gesetz in Konflikt. In den Nachkriegsjahren kam es jedoch zu ersten VorfĂ€llen und Verurteilungen, die Meyer als Folge seiner Kriegserfahrungen deutete.6 Innerhalb der Familie kam es vermehrt zu Streitigkeiten und Übergriffen, die im Laufe der 1930er-Jahre zu völlig zerrĂŒtteten FamilienverhĂ€ltnissen fĂŒhrten. Vor allem die Beziehung der Ehepartner verschlechterte sich zunehmend. Am 30. Juli 1935 dĂŒrfte ein Streit zwischen den beiden zu Handgreiflichkeiten gefĂŒhrt haben, weshalb das Landesgericht Feldkirch Ernst Meyer im November 1935 wegen Körperverletzung zu acht Tagen Arrest verurteilte.7 Der Streit sowie die Verurteilung könnten die nachfolgenden Ereignisse ausgelöst haben. Maria Meyer stellte 1936 beim Deutschen Konsulat in Innsbruck einen Antrag „auf Heimschaffung“ ihres Ehemannes, weshalb in der Folge auch die Bezirkshauptmannschaft Bregenz zu Erhebungen ĂŒber die familiĂ€re Situation hinzugezogen wurde. Die BH sah Alkoholismus bei Ernst Meyer und Eheverfehlungen bei Maria Meyer als GrĂŒnde fĂŒr das ZerwĂŒrfnis. Die wirtschaftliche Situation der Familie soll außerdem Ă€ußerst angespannt gewesen sein, da die ErtrĂ€ge des kleinen Hofs kaum fĂŒr den Unterhalt der Familie ausreichten.8

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© Arolsen Archives Dok ID 10707960 (Ernst Meyer)

https://collections.arolsen-archives.org/de/document/10707960

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Schreibstubenkarte Arolsen Archives

Ernst Meyer war in Folge vom 25. Juni 1936 bis 24. Juni 1937 im KZ Dachau interniert. Die Internierung steht möglicherweise im Zusammenhang mit einem fĂŒrsorgerechtlichen Einschreiten einer deutschen Behörde, nachdem Maria Meyer zuvor Kontakt zu verschiedenen Behörden aufgenommen hatte.9 Nach seiner RĂŒckkehr war Meyer zunehmend von seiner Familie isoliert. Wie er selbst berichtete, hatte er auf dem eigenen Hof kaum noch Mitspracherecht. Das fĂŒhrte dazu, dass er außerhalb des Hofs nach Gelegenheitsjobs suchte. Im Sommer 1939 war er beispielsweise beim Transportunternehmen Drissner in Bregenz als Hilfsarbeiter beschĂ€ftigt, kam aber oft erst spĂ€t nachts nach Hause. Meyer Ă€ußerte sich gegenĂŒber dem Gendarmerieposten Vorkloster wie folgt:

„Es ist auch vorgekommen, dass ich ab und zu spĂ€t nachts heimgekommen bin und mitunter etwas zu viel getrunken hatte. Dies tat ich aber meistens nur aus Aerger, da ich auf dem Hofe nichts mehr zu sagen habe. [...] Wenn ich nĂŒchtern bin, mag ich nichts sagen; so trinke ich dann öfters in den Aerger hinein und lege daheim denn Standpunkt klar.“10 Das GefĂŒhl der Ausgeschlossenheit von der eigenen Familie fĂŒhrte mit Sicherheit zu starker Frustration bei Meyer. Die komplizierten VerhĂ€ltnisse innerhalb der Familie Meyer entgingen auch dem Gesundheitsamt des Landratsamts Bregenz nicht. Das Bregenzer Gesundheitsamt war das „bĂŒrokratische Zentrum des eugenischen Rassismus“11 im Kreis Bregenz wĂ€hrend der NS-Zeit. Auf Betreiben des Gesundheitsamts wurden viele Personen zwangssterilisiert oder in psychiatrische „Heil- und Pflegeanstalten“ sowie in ArbeitshĂ€user fĂŒr Trinker und „Arbeitsscheue“ eingewiesen. Anhand sogenannter Sippenakten erfasste das Gesundheitsamt systematisch Familien im Hinblick auf „Erbkrankheiten“ und „abweichendes“ Verhalten. Auch die Familie Meyer geriet ins Visier des Gesundheitsamts und wurde fast vollstĂ€ndig erfasst.12 Drei Kinder Meyers wurden Opfer eugenisch-rassistischer Verfolgungsmaßnahmen der Nationalsozialisten. Ein Sohn fiel den „Euthanasie“-Morden („Aktion T4“) zum Opfer, zwei weitere Geschwister wurden zwangssterilisiert.13

Im Januar 1940 empfahl der Leiter des Bregenzer Gesundheitsamts14 die Unterbringung Ernst Meyers „in eine geeignete Anstalt (TrinkerheilstĂ€tte, ArbeitsstĂ€tte)“.15 Bis zum 27. Juni 1942 war Meyer noch bei der Bregenzer Altmaterialverwertung beschĂ€ftigt, ehe er entlassen wurde, weil er die schwere Arbeit dort nicht mehr verrichten konnte.16 Zwei Tage zuvor hatte das Gesundheitsamt bereits beim Bayerischen Landesverband fĂŒr Wander- und Heimatdienst angefragt, ob im „Wanderhof“ HerzogsĂ€gmĂŒhle noch Platz fĂŒr Meyer wĂ€re, was am 4. Juli 1942 in einem Antwortschreiben bejaht wurde.17 In den folgenden Wochen stellte das Gesundheitsamt Bregenz die bĂŒrokratischen Weichen zur Überstellung Meyers nach HerzogsĂ€gmĂŒhle. Am 13. Juli musste sich Meyer einer amtsĂ€rztlichen Untersuchung im Gesundheitsamt unterziehen, bei der festgestellt wurde, dass er fĂŒr leichte, seinem Alter entsprechende Arbeiten noch geeignet sei.18 ArbeitsfĂ€higkeit war Voraussetzung fĂŒr eine Überstellung. FĂŒr den 31. Juli erhielt Meyer eine Vorladung beim Gesundheitsamt, wo er in Polizeihaft genommen wurde. Am 8. August erfolgte die Überstellung mittels Einzeltransport in den „Heimathof“ HerzogsĂ€gmĂŒhle. Ab Ende August 1942 war Meyer als Stallgehilfe fĂŒr Viehzucht und Melkarbeiten am „Heimathof“ tĂ€tig. In Meldungen der Anstaltsleitung wird Meyer stets als fleißiger und ruhiger Arbeiter bezeichnet, der auch mit den anderen Insassen keine Probleme hatte. Meyer erhielt immer wieder Post von seinen Kindern und seiner SchwĂ€gerin, die jedoch kaum RĂŒckschlĂŒsse auf Meyers Situation in HerzogsĂ€gmĂŒhle zulassen. Aus einem Brief einer seiner Töchter vom Oktober 1942 geht hervor, dass es Meyer gut ging und dass es ihm dort gefiel. Ein Schreiben des Landrats Bregenz an Ernst Meyer vom 10. MĂ€rz 1944 lĂ€sst aber anderes vermuten. In dem Schreiben informierte man Meyer ĂŒber die Ablehnung seines neuerlichen Ansuchens um Entlassung. Die Tatsache, dass Meyer mehrfach um Entlassung ersuchte, legt nahe, dass er die zwangsweise Unterbringung nicht akzeptierte. Zur Tragik dieser Geschichte gehört, dass Meyer am 3. Juli 1944 verstarb, an seinem 66. Geburtstag. Laut Totenschein war ein Schlaganfall die Todesursache, nachdem er sich wenige Stunden zuvor noch ĂŒber Unwohlsein beschwert hatte. Ernst Meyer wurde am 5. Juli 1944 vor Ort beerdigt.

Die Stadt Bregenz enthĂŒllte am 8. November 2024 vor dem ehemaligen Bregenzer Gesundheitsamt 28 „Stolpersteine“ und einen Gedenkstein, die an die Opfer der nationalsozialistischen Sozial- und Gesundheitspolitik erinnern, allen voran der NS-„Euthanasie“. Darunter ist auch ein Stein fĂŒr Ernst Meyer, durch den in Bregenz auch öffentlich an jene Opfer des Nationalsozialismus erinnert wird, die als sogenannte Gemeinschaftsfremde verfolgt wurden.

Quellen- und Literaturnachweise zur Biografie von Ernst Meyer

1 Akte Ernst Meyer, Landeskirchliches Archiv NĂŒrnberg, HerzogsĂ€gmĂŒhle, Nr. 9726, Lebenslauf Ernst Meyer.

2 Neu Amerika ist die Bezeichnung fĂŒr eine Gegend an der Bregenzer AchmĂŒndung, die um 1870 von den ersten Siedlern gerodet und kultiviert wurde. Der Name gehe, so wird kolportiert, auf die Aussage von Reisenden aus Amerika zurĂŒck, dass sie diese Gegend an ihre Heimat erinnere.

3 Rieden-Vorkloster war damals noch eine eigenstÀndige Gemeinde und wurde erst nach einer Volksabstimmung am 14. Mai 1919 mit Bregenz vereinigt.

4 Vorarlberger Landesarchiv, Landratsamt Bregenz, Sch. 308, SA 46.

5 Akte Ernst Meyer, Landeskirchliches Archiv NĂŒrnberg, HerzogsĂ€gmĂŒhle, Nr. 9726, Lebenslauf Ernst Meyer.

6 1920 erhielt Meyer eine Gerichtsstrafe wegen Körperverletzung, 1921 eine Strafe wegen Holzdiebstahls und 1928 wegen Nichtablieferung von Milch.

7 Innsbrucker Nachrichten, 15.11.1935, S. 11.

8 VLA, Landrat Bregenz 147/1/2, Meyer Ernst, Arbeitserziehungsanstalt.

9 Arolsen Archives, HÀftlings-Personal-Karte KZ Dachau 10707960 (Ernst MEYER), https://collections.arolsen-archives.org/de/document/10707960, eingesehen am 27.09.2025.

10 VLA, Landrat Bregenz 147/1/2, Bericht Gendarmerieposten Vorkloster an Gesundheitsamt 1940.

11 Kiermayr, Gernot: Krieg gegen Arme, Kranke, „Behinderte“ und „Asoziale“. Die Verfolgung von als sozial „deviant“ oder „krank“ kategorisierten Menschen in Bregenz in der NS-Zeit, in: Stadtarchiv Bregenz (Hrsg.), Nationalsozialismus erinnern (Bregenz. Schriften zur Stadtkunde Band 2), Bregenz 2021, S. 8−49, hier S. 16.

12 VLA, Landratsamt Bregenz, Sch. 308, SA 46.

13 Guggenberger, Florian: Stolpersteine. Opfer der nationalsozialistischen Sozial- und Gesundheitspolitik, Die Verfolgung „gemeinschaftsfremder“ Bregenzer:innen ab 1938, S. 25,-https://www.bregenz.gv.at/fileadmin/user_upload/document/rathaus/stadtarchiv/Stolpersteine-Broschuere-A4-RZ_web.pdf/ (letzter Aufruf vom 18.7.2024).

14 Dr. Theodor Leubner (1881 – 1970).

15 VLA, Landrat Bregenz 147/1/2, Bericht Gendarmerieposten Vorkloster an Gesundheitsamt 1940.

16 Akte Ernst Meyer, Landeskirchliches Archiv NĂŒrnberg, HerzogsĂ€gmĂŒhle, Nr. 9726, Altmaterialverwertung Bregenz.

17 Akte Ernst Meyer, Landeskirchliches Archiv NĂŒrnberg, HerzogsĂ€gmĂŒhle, Nr. 1880.

18 Ebd., AmtsÀrztliches Zeugnis 13.07.1942.

Dokumentation

Erfahrungen im EVZ-Projekt

Lernen – Erinnern – Handeln: Erfahrungen aus dem Bildungsprojekt 2024-2025

Seit April 2024 widmet sich das Bildungsprojekt „Verachtet – Verfolgt – Vergessen: Die Opfer der NS-Gesundheitspolitik. Lernen fĂŒr heute und morgen“ am Lernort Sozialdorf HerzogsĂ€gmĂŒhle einem fĂŒr heute noch immer relevanten Kapitel der deutschen Geschichte: der systematischen Verfolgung und Ausgrenzung von Menschen, die im Nationalsozialismus (NS) als ‚erbbiologisch und sozial minderwertig‘ galten. Da sie nicht in das völkische Leitbild des Gesundheits- und Wohlfahrtswesens passten, wurden sie selektiert, entrechtet und durch systematische Maßnahmen in ihrer Existenz bedroht. Neben staatlichen Stellen waren auch Institutionen aus Medizin, FĂŒrsorge und Kriminalbiologie direkt in diese Menschenrechtsverletzungen involviert. Ein Beispiel solch einer Institution ist der Bayerische Landesverband fĂŒr Wander- und Heimatdienst (LVW), dem der Zentralwanderhof HerzogsĂ€gmĂŒhle unterstand.

Das aktuelle Bildungsprojekt ist das Ergebnis eines langen Prozesses historischer Aufarbeitung und institutioneller Weiterentwicklung in HerzogsĂ€gmĂŒhle. Alles begann 1994 mit den wissenschaftlichen Arbeiten von Prof. Dr. Annette Eberle. Im Jahr 2014 wurde der Lernort Sozialdorf HerzogsĂ€gmĂŒhle im Rahmen eines EU- LEADER-Projekts konzipiert, mit dem Ziel die Geschichte der Einrichtung – von ihrer GrĂŒndung bis in die Gegenwart – anschaulich und zugĂ€nglich zu machen. Im Fokus standen dabei nicht nur historische Fakten, sondern auch aktuelle Themen wie Inklusion, Teilhabe und sozial nachhaltiges Leben im Dorf. Der Lernort mit seinen Bildungsangeboten ist heute der Ort, an dem die Geschichte der sozialen Einrichtung HerzogsĂ€gmĂŒhle thematisiert, aufgearbeitet und diskutiert wird. Neben der Vermittlung der Geschichte, dient er als Anlaufstelle sowohl fĂŒr Forschende als auch fĂŒr Angehörige, die mehr ĂŒber die Schicksale von in der NS-Zeit zwangsuntergebrachten Verwandten erfahren möchten. AnlĂ€sslich des 125-jĂ€hrigen Bestehens der Einrichtung wurde 2019 das Denkmal „Ort der Erinnerung” eingeweiht, das namentlich an mindestens 430 MĂ€nner erinnert, die in der Zeit von 1934 bis 1945 unter der TrĂ€gerschaft des LVWs in HerzogsĂ€gmĂŒhle untergebracht waren und ihren Aufenthalt nicht ĂŒberlebten.

Trotz dieser BemĂŒhungen an die Vergangenheit zu erinnern, wurde deutlich, dass wichtige Perspektiven fehlen: Zahlreiche Biografien sind noch unerforscht, andere Opfergruppen bislang kaum berĂŒcksichtigt - etwa die Zwangsunterbringung von Frauen im Wanderhof Bischofsried bei Dießen am Ammersee oder von Kindern im Jugenderziehungsheim Indersdorf. Auch das Handeln von TĂ€tern und TĂ€terinnen und die Netzwerke des LVW wurden bislang nur punktuell bearbeitet und benötigen weiterer Aufarbeitung. Vor allem im Bereich des heutigen Sozial- und Gesundheitswesens bedarf es der Bewusstmachung der beruflichen Verantwortung aus der Geschichte heraus. Das aktuelle Projekt – gefördert durch die Stiftung Erinnerung, Verantwortung, Zukunft (EVZ) und dem Bundesministerium fĂŒr Finanzen (BMF) – soll genau diese LĂŒcken schließen.

Ziele des Projekts

Das Projekt gliederte sich in mehrere ineinandergreifende Bausteine:

  • historisch-wissenschaftliche Aufarbeitung der Geschichte und Biografieforschung,

  • interaktive Vermittlung der Ergebnisse an unterschiedliche Zielgruppen,

  • Etablierung einer partizipativen und inklusiven Erinnerungskultur in HerzogsĂ€gmĂŒhle,

  • Netzwerkarbeit mit Wissenschaft und erinnerungskulturellen Initiativen,

  • Arbeit mit Angehörigen der Verfolgten.

Im Zentrum steht die Frage, wie aus der Vergangenheit Lernen fĂŒr berufliches und gesellschaftliches Handeln heute werden kann. 

Blended Learning – Lernen im Austausch

Im Zentrum stand die Erstellung von Lerninhalten und deren Vermittlung durch die Methode des Blended Learnings. Dieses Format verbindet digitale Element mit klassischen Lernformen und eröffnet so neue Möglichkeiten der Vermittlungs- und Bildungsarbeit: Es macht nicht nur bislang wenig beachtete Aspekte der Geschichte sichtbar, sondern schafft auch BezĂŒge zum heutigen beruflichen und gesellschaftlichen Handeln. Das Angebot richtet sich vor allem an Menschen im Sozial- und Gesundheitswesen, sich kritisch mit der eigenen beruflichen Rolle auseinanderzusetzen. Dabei lernen sie historische KontinuitĂ€ten kennen und erkennen zugleich, wie Stigmatisierung, Ausgrenzung und MachtverhĂ€ltnisse bis heute fortwirken. Ziel ist ein Lernprozess, der ĂŒber die reine Vermittlung historischer Fakten hinausgeht: Die Ausarbeitung einzelner Biografien rĂŒckt individuelle Lebensgeschichten in den Vordergrund, macht sie sichtbar und greifbar. 

Die Breite und DiversitĂ€t unserer Zielgruppe(n) fĂŒr das Blended Learning, bestehend aus Auszubildende, Studierende und bereits BerufstĂ€tigen, erforderte eine modulare Gestaltung der Inhalte, um auf die jeweiligen BedĂŒrfnisse bestmöglich eingehen zu können. WĂ€hrend der Projektlaufzeit bis Ende des Jahres 2025 arbeiteten wir unter anderem mit Auszubildenden der Heilerziehungspflege, angehenden Erzieher:innen, Studierenden der Sozialen Arbeit sowie mit berufstĂ€tigen FachkrĂ€ften der Diakonie und des Gesundheitswesens zusammen. Der Unterschied des jeweiligen Kenntnis- und Erfahrungsstandes und der zur VerfĂŒgung stehenden Zeitbudgets variierten von Gruppe zu Gruppe stark. Dank der modularen Struktur konnten die Lerninhalte flexibel angepasst und passgenau vermittelt werden. DarĂŒber hinaus bot die digitale Lernplattform allen Teilnehmenden jederzeit die Möglichkeit, eigene Interessenschwerpunkte zu vertiefen und sich selbststĂ€ndig mit unseren Inhalten auseinanderzusetzen.

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Fachtag Heilerziehungspflege in HerzogsĂ€gmĂŒhle

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Fachtag Heilerziehungspflege in HerzogsĂ€gmĂŒhle

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Fachtag Heilerziehungspflege in HerzogsĂ€gmĂŒhle

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Fachtag Heilerziehungspflege in HerzogsĂ€gmĂŒhle

Meilensteine des Projekts

WĂ€hrend der Projektlaufzeit entstand eine Vielzahl unterschiedlicher Veranstaltungen, die jeweils auf die verschiedenen Projektziele abgestimmt waren.

Besonders sensibel war die Arbeit mit Angehörigen von Opfer des NS-ZwangsfĂŒrsorgesystems. FĂŒr viele von ihnen ist die Auseinandersetzung mit dem erlittenen Unrecht der eigenen Verwandten ein schmerzhafter und oftmals auch komplizierter Prozess. Um einen geschĂŒtzten Raum fĂŒr Austausch zu schaffen, organisierte das Projektteam, neben einer individuellen Begleitung mit Akteneinsicht, ein „ErzĂ€hlcafĂ©â€œ. Dieses Format lud die Teilnehmenden ein, ĂŒber ihre Familiengeschichte und ihre persönlichen Erfahrungen im Aufarbeitungsprozess zu sprechen. FĂŒr einige war es das erste Mal, dass sie außerhalb des familiĂ€ren Rahmens darĂŒber sprachen – eine Erfahrung, die fĂŒr alle Beteiligten tief bewegend war. An anderer Stelle dieser Publikation finden sich BeitrĂ€ge von Angehörigen, die im Rahmen der Geschichts- und Schreibwerkstatt entstanden sind. Ihnen gilt unser besonderer Dank fĂŒr ihre Offenheit und Bereitschaft.

Das Erinnern an erlittenes Unrecht ist auch 80 Jahre nach dem Ende der nationalsozialistischen Herrschaft von zentraler Bedeutung. Viele Opfer erfuhren ĂŒber Jahrzehnte hinweg weder Anerkennung noch Gerechtigkeit. Angesichts eines europaweit spĂŒrbaren Rechtsrucks ist es heute umso wichtiger, aufzuklĂ€ren und zu erinnern. Vor diesem Hintergrund initiierte das Projektteam zwei partizipative Gedenkveranstaltungen, die nicht nur Teilnehmende aus HerzogsĂ€gmĂŒhle, sondern auch aus den Gemeinden Peiting und Schongau miteinbezogen. Damit das Erinnern nicht auf einzelne Gedenktage beschrĂ€nkt bleibt, sondern im alltĂ€glichen Handeln weiterwirkt, wurden im Vorfeld Arbeitstreffen, Bildungsseminare und GesprĂ€che organisiert. Dies fĂŒhrte dazu, dass sich bei den Gedenkfeiern Hilfeberechtigte und Mitarbeitende der Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle, lokale Gedenkinitiativen, Studierende der Sozialen Arbeit, Konfirmanden der evangelischen Kirchengemeinde sowie die Jugendzentren aus Schongau und Peiting beteiligten und eigene BeitrĂ€ge gestalteten.

Aus diesen Impulsen heraus entwickelten sich zudem eigenstĂ€ndige Erinnerungsprojekte, die von Hilfeberechtigten und Mitarbeitenden der Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle selbst angestoßen wurden und im Rahmen der Geschichts- und Schreibwerkstatt entstanden. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel ist ein kĂŒnstlerisches Holzmodell, das sowohl an die Opfer der NS-Zeit erinnert als auch die exkludierenden Mechanismen der Ideologie sichtbar macht. Dieses Werk wird dauerhaft in HerzogsĂ€gmĂŒhle ausgestellt und wurde im Rahmen der Gedenkfeier 2025 eingeweiht. Einen ausfĂŒhrlichen Bericht der Initiatorin Kathrin Langer findet sich an spĂ€terer Stelle – ihr gilt unser herzlicher Dank fĂŒr ihre Ideen und ihr Engagement. Auch möchten wir uns bei Gabriel TrĂ€ger (Auszubildender GĂ€rtnerei – Zierpflanzen, in der GĂ€rtnerei HerzogsĂ€gmĂŒhle) bedanken, der mit seinen Gedichten einen kĂŒnstlerisch-literarischen Beitrag zu dieser GedenkbroschĂŒre beisteuert. Die beiden Gedichte setzen sich mit der Bedeutung von Geschichte und dem Streben nach Freiheit auseinander. Im Gedicht „Geschichte“ wird die Vergangenheit als mahnende Erinnerung dargestellt, aus der wir lernen sollen. Es ruft dazu auf, innezuhalten, die Fehler der Vergangenheit nicht zu wiederholen und durch Ehrlichkeit, Mut und Zusammenhalt eine bessere Zukunft zu gestalten. In dem Gedicht „Erziehung zur Freiheit“ beschĂ€ftigt sich TrĂ€ger mit der Biografie von Georg Brönner, der am 31. Januar 1945 als 15-JĂ€hriger in Hadamar ermordet wurde. Es beschreibt den inneren Antrieb Georgs, etwas Sinnvolles tun zu wollen und gemeinsam mit anderen fĂŒr eine Welt einzutreten, in der Freiheit und Vernunft zĂ€hlen.

Ein weiterer Baustein des Projekts war die Netzwerkarbeit. Ziel war es, das Bildungsprojekt und die Lernplattform bekannter zu machen und den Lernort zugleich als erinnerungskulturelle Institution zu etablieren. Innerhalb des Projektzeitraums von anderthalb Jahren konnte ein breites Netzwerk aus wissenschaftlichen Einrichtungen, lokalen Initiativen, engagierten Einzelpersonen und Institutionen der Erinnerungskultur aufgebaut werden. Eine vollstĂ€ndige Darstellung wĂŒrde den Rahmen dieser Publikation sprengen, daher seien hier einige Beispiele genannt: Es entstanden enge Kontakte zu den heutigen Kliniken in Kaufbeuren und Haar, die wĂ€hrend der NS-Zeit als Heil- und Pflegeanstalten Orte systematischer Tötungen waren. DarĂŒber hinaus konnte eine Zusammenarbeit mit dem Max-Planck-Institut fĂŒr Psychiatrie in MĂŒnchen hergestellt werden, dessen VorgĂ€ngerinstitution – das Kaiser-Wilhelm-Institut fĂŒr Psychiatrie – eine zentrale Rolle bei der Koordination von Gutachten spielte. Auch die wissenschaftliche Zusammenarbeit erwies sich als fruchtbar: Im Mai und Juli 2025 wurde mit der UniversitĂ€t Augsburg eine Kooperation umgesetzt. Im Rahmen des Zertifikatsprogramms Praxisfeld GedenkstĂ€ttenarbeit der FĂ€cher fĂŒr Neuere und Neueste Geschichte und EuropĂ€ische Ethnologie/Volkskunde fand ein gemeinsames Seminar statt, das den Studierenden Einblicke in die Erinnerungsarbeit der Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle und in das Bildungsprojekt ermöglichte.

Ebenfalls von Bedeutung war der Kontakt zu verschiedenen GedenkstĂ€tten. Ein sehr fruchtbarer Kontakt konnte zur GedenkstĂ€tte des Jugend-Konzentrationslagers Moringen aufgebaut werden. Ab 1942 wurden auch mĂ€nnliche Jugendliche nach HerzogsĂ€gmĂŒhle zwangseingewiesen. Ein Teil dieser Jugendlichen kam aus dem Lager. Der Aktenaustausch sowie gemeinsame wissenschaftliche Fragestellungen prĂ€gen diesen Kontakt und geben auch fĂŒr die Zukunft Raum fĂŒr Forschung und Zusammenarbeit.

FĂŒr das Projekt ebenso relevant wie bereichernd war der Kontakt zu Opfer- und AngehörigenverbĂ€nden. Eine intensive Zusammenarbeit ergab sich zwischen dem im Januar 2023 gegrĂŒndeten Verband Vevon (Verband fĂŒr das Erinnern an die verleugneten Opfer des Nationalsozialismus e.V.) und der Selbstvertretung Wohnungsloser Menschen e.V. Beide beteiligten sich auch an den Gedenkfeiern, und brachten Expertise und heutige Perspektiven in das Projekt mit ein. Wir danken den Verantwortlichen fĂŒr die offene und enge Zusammenarbeit.

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Gedenktag in HerzogsĂ€gmĂŒhle

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Gedenktag in HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Gedenktag in HerzogsĂ€gmĂŒhle

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Gedenktag in HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Gedenktag in HerzogsĂ€gmĂŒhle

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Gedenktag in HerzogsĂ€gmĂŒhle

Fachtag Bildungsbarcamp am 28.11.202 in EichstÀtt

Ebenfalls im Rahmen des Projekts wurde von unserem Team am 28.11.2025 ein hybrides „BildungsBarcamp“ veranstaltet. Dabei handelte es sich um einen Fachtag der hybrid stattfand und dabei methodisch Elemente einer „Un-Konferenz“, eines „Barcamps“ angewendet hatte.

Thema des Fachtags waren die Opfer der NS-Gesundheitspolitik, wie an diese wĂŒrdig erinnert werden kann und auch wie eine nachhaltige und opfersensible Bildungsarbeit aussehen kann.

Die Veranstaltung wurde in Kooperation mit den Digitalen Lernwelten und der Katholischen UniversitĂ€t EichstĂ€tt in EichstĂ€tt ausgerichtet. Um eine grĂ¶ĂŸere Gruppe an Menschen anzusprechen und auch eine ĂŒber die bayerischen Landesgrenzen hinausgehende Vernetzung zu ermöglichen gab es auch Inhalte die digital besucht werden konnten.

Der Fachtag war in mehrere Teile gegliedert: So gab es ImpulsvortrÀge und verschiedene Sessions, die unterschiedliche Themen und Fragestellungen behandelt haben. Die Teilnehmenden waren dabei frei zu wÀhlen welche Themen sie interessieren. Auch konnten eigenen Session-Ideen eingebracht werden. Die Tagung war so konzipiert, dass ein Wechsel zwischen den Sessions jeder Zeit möglich war. Dies sorgte dazu, dass es zu viel Austauschmöglichkeiten kam.

Das Barcamp richtet sich an ein sehr breites Publikum: Von Wissenschaft, ĂŒber Aktive in Initiativen hin zu FachkrĂ€ften aus der pĂ€dagogischen Vermittlungspraxis. Dies spiegelte sich auch in den Sessions wieder: So gab es bspw. eine Session der Selbstvertretung wohnungsloser Menschen (e.V.), in der es um den Begriff der „WĂŒrde“ ging und die Frage diskutiert wurde, was WĂŒrde ausmacht und wie unterschiedlich diese bewertet werden kann. Es gab aber auch einen Fachvortrag von Dr. Sebastian Wenger zur FĂŒrsorgepraxis in WĂŒrttemberg wĂ€hren der Zeit des Nationalsozialismus. Eine Referentin der GedenkstĂ€tte Moringen stellte das Vermittlungskonzept der Einrichtung vor: So wurden ihre „Biografie-Boxen“ erklĂ€rt und die Teilnehmenden konnten sich diese selbst ansehen.

Es gab auch digitale Angebote, wie eine Session der Arolsen Archives, in welcher digitales Lernen Thema war.

Die Veranstaltung konnte erfolgreich durchgefĂŒhrt werden. Verschiedene Akteur:innen der Erinnerungsarbeit konnten sich vernetzen, austauschen und gemeinsame Projektideen entwickeln. Das Treffen hat einmal mehr gezeigt wie wichtig es wird, Ressourcen zu bĂŒndeln, voneinander zu lernen und weiterhin kritische Diskussionen zu fĂŒhren.

Welche Wirkung die Veranstaltung hatte zeigt bspw. das Feedback einer Teilnehmerin:

„Ich fand die Veranstaltung sehr bewegend und auch hilfreich, insbesondere die Lebendigkeit der Auseinandersetzung. Dazu hat auch ganz wesentlich beigetragen, dass der Fokus darauf gelegt wurde, nicht ĂŒber die Betroffenen nur aus TĂ€terunterlagen zu berichten, sondern die Betroffenen bzw. deren Nachkommen zu Wort kommen zu lassen.”

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© Digitale Lernwelten GmbH

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Teilnehmende und Orga-Team des Fachtags

Werkstattbericht Blended Learning

Das KernstĂŒck des Blended-Learning-(BL)-Angebotes bildet die interaktive Lernplattform (Startseite). Sie verknĂŒpft digitales Selbstlernen mit analogen Workshops. Die Plattform ermöglicht den Teilnehmenden einen individuellen Zugang zur Auseinandersetzung mit den verschiedenen Themenkomplexen der NS-Erbgesundheitspolitik. Die Plattform bietet thematisch gegliederte Module zu historischen HintergrĂŒnden, Biografien von Verfolgten und TĂ€tern, KontinuitĂ€ten und DiskontinuitĂ€ten nach 1945 sowie zur Bedeutung dieser Geschichte fĂŒr die heutige Soziale Arbeit. ErgĂ€nzt durch Quellenmaterial und didaktische Aufgaben unterstĂŒtzt sie vertiefendes, selbstgesteuertes Lernen. Je nach historischen Vorkenntnissen, Zeitbudget und Praxiserfahrungen in ihrer jeweiligen Profession, können die Teilnehmenden Inhalte flexibel auswĂ€hlen und in ihrem eigenen Tempo bearbeiten. Gerade diese FlexibilitĂ€t hat sich als großer Vorteil erwiesen, da Zielgruppen wie Studierende, FachkrĂ€fte oder Engagierte sehr unterschiedliche Voraussetzungen mitbringen. Das Projektteam gestaltete die KursdurchfĂŒhrungen deshalb stets passgenau. Besonders fruchtbar erwies sich dabei das Zusammenspiel von eigenstĂ€ndigem digitalen Lernen, wo neben anschaulichem Material viele Querverweise und konkrete ArbeitsauftrĂ€ge zu finden sind und PrĂ€senzphasen, in denen Diskussionen und gemeinsame Reflexion zentrale Rollen spielten.

Ein BL-Beispielkurs

Die Methodik des Blended Learning soll anhand eines Beispiels verdeutlicht werden. Im Mai und Juni 2025 fand ein Kurs fĂŒr Studierende der Sozialen Arbeit an der Technischen-Hochschule Augsburg statt. Immer abwechselnd beschĂ€ftigten sich die Studierenden mit den verschiedenen Themen sowohl selbststĂ€ndig auf der Lernplattform als auch gemeinsam in unterschiedlichen PrĂ€senz-Workshops. Das BL war wie folgt aufgebaut:

  • Digitale EinfĂŒhrung – Vorstellung der Lernplattform und erste Auseinandersetzung mit historischen Grundlagen.

  • Individuelle Lernphase – eigenstĂ€ndige Arbeit an Biografien und Themenmodulen auf der Lernplattform.

  • PrĂ€senzworkshop – Vertiefung und Reflexion der Selbstlerneinheit, Diskussion ĂŒber Opfer- und TĂ€terbiografien, Herausarbeiten der VerfolgungsgrĂŒnde und Verfolgungsmechanismen, Offenlegung noch heute wirkenderder Formen von Diskriminierung, VerknĂŒpfung der Historie mit dem SelbstverstĂ€ndnis der Sozialen Arbeit heute, kritische Auseinandersetzung mit der eigenen Haltung und der Profession.

  • Vertiefung online – Umgang der Sozialen Arbeit in der Nachkriegszeit mit der Diskriminierung, der Verfolgung und dem erlittenen Unrecht, Fortsetzung des Stigmas nach 1945, personelle KontinuitĂ€ten und BrĂŒchen in den Einrichtungen.

  • Exkursion nach HerzogsĂ€gmĂŒhle – Auseinandersetzung mit Erinnerungskultur am historischen Ort und kritische Diskussion ĂŒber personelle KontinuitĂ€ten, Reflexion ĂŒber die heutigen Leitbilder der professionellen Arbeit vor Ort

Eine Teilnehmerin meinte zum Abschluss des Seminars: “Die Mischung aus digitalen Selbstlerneinheiten und PrĂ€senzeinheiten – zum Beispiel durch den Workshop in der Hochschule, aber auch wĂ€hrend der Exkursion in der HerzogsĂ€gmĂŒhle vor Ort – fand ich besonders gut. Dadurch wurde das Selbstgelernte vertieft und nochmals weiter diskutiert. Zudem gab es die Möglichkeit, in den Austausch mit den Expert:innen zu kommen und Fragen offen und direkt zu stellen.”

Die Methode des Blended Learnings hat sich als Format bewĂ€hrt. Die Mischung aus eigenem Lernen und gemeinsamer Diskussion wurde von allen als wertvoll erachtet. Denn es konnte nicht nur historisches Wissen erworben werden, sondern es kam zu einer kritischen Selbstreflexion der eigenen professionellen Haltung in der Gegenwart. Nicht zu unterschĂ€tzen ist aber, dass die zusĂ€tzliche Weiterbildung, insbesondere zu historischen Themen, hĂ€ufig schwierig ist, in den Berufsalltag unterzubringen. Die tĂ€gliche Arbeit mit Klientinnen und Klienten ist bereits sehr zeitintensiv und erfordert die volle Aufmerksamkeit. FĂŒr viele erschließt sich die unmittelbare Relevanz erst im Verlauf der inhaltlichen Auseinandersetzung. 

FĂŒr weitere Informationen zum Blended Learning, Didaktische Hinweise zur Nutzung der Lernplattform oder dem Aufbau der PrĂ€zens-Workshops, lesen Sie bitte in der Handreichung des Lernorts HerzogsĂ€gmĂŒhles: Handreichung fĂŒr Multiplikatoren

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Interaktiver Workshop an der TH Augsburg

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Interaktiver Workshop an der TH Augsburg

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Lerngruppe im Workshop

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Lerngruppe im Workshop

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Lerngruppe im Workshop

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Lerngruppe am Gedenkort HerzogsĂ€gmĂŒhle

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Lerngruppe im Workshop

Rede zur Gedenkfeier

Lutz Schmidt

zum Gedenktag 19.11.2025 fĂŒr die Opfer des Nationalsozialismus
Thema: Wohnungs- und Obdachlosigkeit im Schatten des NS-Unrechts

Liebe GĂ€ste, liebe Freunde,

heute ist ein Tag des Erinnerns.
Wir denken an die Menschen, die im Nationalsozialismus verfolgt und ermordet wurden.
Viele von ihnen waren Juden, Roma und Sinti, Menschen mit Behinderungen, politisch Andersdenkende.

Aber es gab noch andere Opfer.
Menschen, die man damals „asozial“ oder „arbeitsscheu“ nannte.
Dazu gehörten auch viele, die keine Wohnung hatten,
die auf der Straße lebten, arm waren oder krank.

Diese Menschen wollte die damalige Regierung nicht sehen.
Sie passten nicht in das Bild von einem „ordentlichen“ Volk.
Darum wurden sie festgenommen, in Lager gebracht und schlecht behandelt.
Viele starben dort.

Sie mussten einen schwarzen Winkel tragen –
das war das Zeichen fĂŒr „asozial“.
Es war ein Zeichen der Ausgrenzung und der Schande.
Aber die Schande lag nicht bei ihnen –
die Schande lag bei denen, die sie verfolgten.

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© Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle

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Gedenkfeier in HerzogsĂ€gmĂŒhle


Nach dem Krieg sprach fast niemand ĂŒber sie.
Man sagte: Das waren keine politischen HĂ€ftlinge.
Darum bekamen sie keine EntschÀdigung und kein Gedenken.
Viele Namen sind bis heute vergessen.
Doch sie waren Menschen – mit Hoffnungen, TrĂ€umen und einer WĂŒrde,
die ihnen genommen wurde.

Wir dĂŒrfen dieses Leid nicht vergessen.
Denn Ausgrenzung beginnt immer mit Worten.
Mit Worten wie „asozial“, „selbst schuld“ oder „arbeitsscheu“.
Solche Worte verletzen.
Und auch heute werden Menschen, die arm sind oder keine Wohnung haben,
oft so behandelt, als wÀren sie weniger wert.

Wir wissen, dass viele noch immer auf der Straße leben.
Dass sie KĂ€lte, Hunger und Ablehnung erleben.
Dass sie kaum gehört werden.

Darum ist dieser Gedenktag auch ein Tag fĂŒr uns heute.
Er erinnert uns daran, dass niemand vergessen werden darf.
Dass jedes Leben zÀhlt.
Und dass jeder Mensch das Recht auf ein Zuhause und auf WĂŒrde hat.

Ich gehöre zur Selbstvertretung wohnungsloser Menschen.
Wir kĂ€mpfen dafĂŒr, dass Menschen auf der Straße nicht mehr ausgegrenzt werden.
Dass man ihnen zuhört.
Dass Hilfe da ist, bevor jemand alles verliert.
Und dass niemand mehr beschÀmt oder bestraft wird, weil er arm ist.

Erinnern heißt: Verantwortung ĂŒbernehmen.
Wir wollen, dass sich Geschichte nicht wiederholt.
Dass kein Mensch mehr wegen Armut oder Wohnungslosigkeit ausgegrenzt wird.
Und dass wir alle hinschauen, wenn jemand Hilfe braucht.

Heute zĂŒnden wir eine Kerze an.
Sie brennt fĂŒr die Menschen, die damals verfolgt wurden.
Und sie brennt auch fĂŒr die Menschen von heute,
die keinen sicheren Ort haben.

Die Flamme steht fĂŒr Hoffnung –
auf eine Zukunft,
in der jeder Mensch gesehen wird,
und niemand mehr ohne Zuhause leben muss.

Ich danke Ihnen fĂŒr Ihre Aufmerksamkeit.

Gedichte Gabriel TrÀger

Geschichte

Es steht geschrieben in Geschichte,
einer Sprache, schreibt Gedichte.
So ist ein Wort geworden war,
Dass eine Zukunft da ist nah,
denn wissen wir was ward geschehen,
Menschen taten um Gnade flehen.
So hilft fĂŒr uns nur doch kein Betteln,
tat's Volk sich spalten, Streit anzetteln.
Doch haltet in euch einmal ein,
lasst stehen nun doch Stein auf Stein.
Denn Geister aus vergangnen Tagen
tun auch Scheu und Schauer tragen,
auf das Grauen das geschah,
In letzter Not kam Hilfe nah.
Durch Ehrlichkeit, Tugend und Mut,
So lasst uns sein alle da gut!

Erziehung zur Freiheit

Es will in mir nicht ruh'n,
gibt's genug zu tun.
Mags bringen uns all Freud und Leid,
Leistung aus Handeln wird geteilt.
So will ich handeln, will ich schaffen,
Mut und Freiheit zusammenraffen.
Will ich mir wĂŒnschen zu entfliehen,
mit Freund und Helfern will ich ziehen,
zu erschaffen eine Welt,
in der die Vernunft nicht fÀllt.

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© Diakonie MĂŒnchen und Oberbayern gGmbH

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Gedenkfeier an der Tafel mit Namen der Opfer des Nationalsozialismus in HerzogsĂ€gmĂŒhle

Die Gedichte erzĂ€hlen von Gabriel TrĂ€gers Auseinandersetzung mit dem Schicksal Georg Brönners. Brönner wurde am 7.3.1929 in Kleinlangheim, im Landkreis Kitzingen geboren und starb am 31.1.1945. Vom 13.11.1942 bis 1.9.1943 war er in der Obhut der JugendfĂŒrsorgeerziehungsabteilung in HerzogsĂ€gmĂŒhle. Von dort wurde er in die Erziehungsabteilung fĂŒr "jĂŒdische Mischlinge" in Hadamar ĂŒberstellt und durch Medikamenteninjektion im Alter von 15 Jahren ermordet. (Akte Georg Brönner, LKAN, HerzogsĂ€gmĂŒhle, Nr. 1583).

Projektbericht Katrin Langer

„Aus der Vergangenheit lernen – fĂŒr eine friedvolle Zukunft“

Ich heiße Kathrin Langer, ich bin Mitarbeiterin in der Diakonie MĂŒnchen und Oberbayern gGmbH. Ich habe wĂ€hrend meiner Arbeit in HerzogsĂ€gmĂŒhle schon viele Schicksale von Menschen, die Hilfe angenommen haben, gesehen. Dies hat mich weltoffener und toleranter werden lassen.

Wenn ich an die NS-Zeit denke, finde ich es schrecklich, wie psychisch Kranke behandelt und getötet wurden. Die Behandlung dieser Menschen hat sich in der heutigen Zeit verbessert, die Stigmatisierung ist geringer geworden. Jedoch sind die Vorurteile immer noch in den Köpfen vorhanden, was sich im alltĂ€glichen Erleben der Betroffenen immer noch zeigt. Ich möchte fĂŒr Inklusion ein Zeichen setzen.

Mein Holzmodell hat folgenden Sinn:

Es ist in drei Abschnitte geteilt: der untere Teil in schwarz/anthrazit, stellt die NS-Zeit dar. Die Zeit war dĂŒster, weil viele Menschen verfolgt wurden und ums Leben kamen. Dies waren in HerzogsĂ€gmĂŒhle Menschen mit „unangepasster LebensfĂŒhrung“.

Die WĂŒrfel auf dem Modell stellen, jeweils zusammengefasst (42 WĂŒrfel insgesamt, da circa 420 Personen), die Menschen dar, die in HerzogsĂ€gmĂŒhle betroffen waren.

Der mittlere Bereich stellt die „Jetzt-Zeit“ dar. Sie ist in Pastell-Tönen dargestellt, das Modell steigt nach oben, weil die UmstĂ€nde sich verbessern. Die Nachteile fĂŒr psychisch kranke Menschen sind nicht mehr so hart, wie sie in der NS-Zeit waren.

Der oberere Bereich symbolisiert die Zukunft, dargestellt in bunten Farben und weiter aufsteigend. Den Abschluss bildet der Regenbogen, der fĂŒr Vielfalt und Toleranz steht. Kein Mensch darf mehr wegen seinem Verhalten, seiner Neigung oder seiner Einstellung diskriminiert werden.

Hoffen wir, dass wir aus der Vergangenheit gelernt haben und weiter lernen und somit die Zukunft fĂŒr alle lebenswert und friedvoll wird.

Die Idee zum Holzmodell wurde von mir entwickelt. Realisiert wurde das Modell in der Holzwerkstatt der Werkstatt fĂŒr behinderte Menschen von Christian Oehne. Bemalt haben Corina Flaig (Team Lernort) und ich das Modell im Tagwerk.

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© Diakonie MĂŒnchen und Oberbayern gGmbH

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Kathrin Langer und Corinna Flaig mit dem Holzmodell

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© Diakonie MĂŒnchen und Oberbayern gGmbH

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Kathrin Langer bei der Gestaltung des Modells

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© Diakonie MĂŒnchen und Oberbayern gGmbH

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Babette MĂŒller-GrĂ€per, Corinna Flaig, Kathrin Langer und Magdalena Nunhöfer (v.l.) mit dem Holzmodell

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© Diakonie MĂŒnchen und Oberbayern gGmbH

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In der Werkstatt des Diakoniedorfs entsteht das Holzmodell

Vorstellung des Projektteams

Das Projektteam setzte sich aus Mitarbeitenden der Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle sowie externen Partnern zusammen, die ĂŒber Ausschreibungen gewonnen wurden. Am Lernort der Diakonie HerzogsĂ€gmĂŒhle war das Kernteam mit Babette MĂŒller-GrĂ€per (M.A. Historikerin, Projektleitung), Fabian Leonhard (M.A. Historiker), Corina Flaig (B.A. Erziehungswissenschaftlerin) und M. Magdalena Nunhöfer (M.A. Kulturwissenschaftlerin) interdisziplinĂ€r besetzt.

ErgĂ€nzt wurde die Projektarbeit durch die wissenschaftliche Begleitung von Prof. Dr. Annette Eberle sowie durch die didaktische und medienpĂ€dagogische UnterstĂŒtzung der Digitalen Lernwelten GmbH unter Leitung von apl. Prof. Dr. Marcus Ventzke und Dr. Florian Sochatzy. Diese Teamzusammensetzung fĂŒhrte zu einer fruchtbaren und produktiven Zusammenarbeit, die es ermöglichte, den unterschiedlichen Zielen des Projekts gerecht zu werden.

Übersicht Autor:innen

Annette Eberle
Annette Eberle, Prof. Dr. phil., Historikerin und Erziehungswissenschaftlerin, hat die Professur fĂŒr PĂ€dagogik in der Sozialen Arbeit an der Katholischen Stiftungshochschule MĂŒnchen inne. Wissenschaftliche Begleitung im Bildungsprojekt „Verachtet - verfolgt – vergessen Die Opfer der NS- ‚Gesundheitspolitik': Lernen fĂŒr heute und morgen!“.

Babette MĂŒller-GrĂ€per
Babette MĂŒller-GrĂ€per, M.A., Historikerin am Lernort Sozialdorf HerzogsĂ€gmĂŒhle der Diakonie MĂŒnchen und Oberbayern gGmbH und Projektleitung im Bildungsprojekt „Verachtet - verfolgt – vergessen Die Opfer der NS- ‚Gesundheitspolitik': Lernen fĂŒr heute und morgen!“.

Bernhard Lehmann
Dr. phil. Bernhard Lehmann, Studiendirektor a.D. am Paul-Klee-Gymnasium in Gersthofen, ehem. Sprecher von „Gegen Vergessen-FĂŒr Demokratie, RAG Augsburg-Schwaben", Sprecher der Stolpersteininitiative Gersthofen, Mitglied der Stolpersteininitiative Augsburg, TrĂ€ger des Josef-Felder Preises der bayerischen Sozialdemokratie, TrĂ€ger des Bundesverdienstkreuzes am Band, Verfasser zahlreicher Biografien zu sozialrassistischen Opfern, der Krankenmorde und der Zwangssterilisation.
Verfasser zahlreiche Websites wie: www.zwangsarbeit-meitingen.de; www.zwangsarbeit-bobingen.de; www.stolpersteine-gersthofen.de; www.zwangsarbeit-gersthofen.de; https://www.joseffelder.de/; https://www.mietek-pemper.de/wiki/Hauptseite
(Die letzteren drei Websites entstanden mit SchĂŒlern des Paul-Klee-Gymnasiums Gersthofen.)

Corina Flaig
Corina Flaig, B.A., Erziehungswissenschaftlerin. War bis zum 31.12.2025 im Bildungsprojekt „Verachtet - verfolgt – vergessen Die Opfer der NS- ‚Gesundheitspolitik': Lernen fĂŒr heute und morgen!“ der Diakonie MĂŒnchen und Oberbayern gGmbH beschĂ€ftigt.

Fabian Leonhard
Fabian Leonhard, M.A., Historiker. War bis zum 31.12.2025 im Bildungsprojekt „Verachtet - verfolgt – vergessen Die Opfer der NS- ‚Gesundheitspolitik': Lernen fĂŒr heute und morgen!“ der Diakonie MĂŒnchen und Oberbayern gGmbH beschĂ€ftigt.

Florian Guggenberger
Florian Guggenberger, M.A., Archivar und Historiker, seit November 2020 Mitarbeiter des Stadtarchivs Bregenz.

Gabriel TrÀger
Gabriel TrĂ€ger, Auszubildender in der GĂ€rtnerei HerzogsĂ€gmĂŒhle, Diakonie MĂŒnchen und Oberbayern gGmbH.

Joachim Ebner
Jochen Ebner, 1956 in Starnberg geboren, war 47 Jahre im Tourismus beschĂ€ftigt, befasst sich mit der neueren Starnberger Geschichte und macht Familienforschung fĂŒr sich und seine Frau.

Johannes Riedl
Johannes Riedl, Angehöriger und Teilnehmer am ersten ErzÀhlcafé im MÀrz 2025.

Julia Gilfert
Julia Gilfert, Dr. des., Empirische Kulturwissenschaftlerin und Autorin; Promotion zum Umgang mit Rechtsextremismus an NS-Erinnerungsorten; jahrelange Recherche zur eigenen Familiengeschichte (siehe „Himmel voller Schweigen", 2022 im Ultraviolett-Verlag Dresden erschienen).

Kathrin Langer
Kathrin Langer, Mitarbeiterin der Diakonie MĂŒnchen und Oberbayern gGmbH.

Lutz Schmidt
Lutz Schmidt, Vorstand Selbstvertretung wohnungsloser Menschen e.V.

Magdalena Nunhöfer
M. Magdalena Nunhöfer, M.A., Kulturwissenschaftlerin. War bis zum 31.12.2025 im Bildungsprojekt „Verachtet - verfolgt – vergessen Die Opfer der NS- ‚Gesundheitspolitik': Lernen fĂŒr heute und morgen!“ der Diakonie MĂŒnchen und Oberbayern gGmbH beschĂ€ftigt.

Mathias Sendelbach
Mathias Sendelbach, Angehöriger und Teilnehmer am ersten ErzÀhlcafé im MÀrz 2025.